Georg Kössler, Grüne: Der Thunfisch im Haifischbecken

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Zum ersten Mal im Berliner Parlament : Wir sind die Neuen im Abgeordnetenhaus
Clara Lipkowski Jonas Schaible
Georg Kössler ist mit 31 zwar ein junger Abgeordneter, aber längst nicht der jüngste: Die Parteikollegin June Tomiak ist mit 19 Jahren ins Berlin Parlament eingezogen.
Georg Kössler ist mit 31 zwar ein junger Abgeordneter, aber längst nicht der jüngste: Die Parteikollegin June Tomiak ist mit 19...Foto: Mike Wolff

Name: Georg Kössler
Alter: 31
Partei: Grüne
Versuche, in ein Parlament zu kommen: 1
Was mich umtreibt: Klimaschutz, Radfahren, Mieten.
Das wird sich ändern: Dass ich meine Zeit flexibler und verantwortungsbewusster einteilen muss.
Das will ich lernen: Nicht alles zu nah an mich herankommen zu lassen.

Er kommt natürlich mit dem Fahrrad zum Abgeordnetenhaus. Im Casino bestellt er Club Mate. Alles wirkt abgeklärt, souverän, man merkt Georg Kössler nicht an, dass er erst zum zweiten Mal hier ist. Aber kein Wunder: Kössler kennt sich aus in der großen Politik. Als Referent für Klima- und Energiefragen im Bundestag hat der 31-Jährige internationale Klimakonferenzen begleitet und sich einen Namen als Klimaschutzexperte gemacht: "Die Abläufe im Bundestag sind extrem professionalisiert." Jetzt wird er sich daran gewöhnen, dass im Berliner Abgeordnetenhaus alles eine Nummer kleiner ist. Aber das findet er gut: "Hier beschließt man nicht eine halbe Milliarde für Radwege, die man dann verteilt, sondern hier geht’s darum, wo der Radweg gebaut wird."

"Am liebsten würde ich sofort loslegen"

Wenn Georg Kössler, künftiges Mitglied der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, dann in seinem grauen Kapuzenpulli und der braun gefleckten Brille mit suchendem Blick durch die langen Flure geht, wirkt er aber doch ein bisschen verloren. "Ich verlaufe mich noch", sagt er, als er im obersten Stock ankommt. Den wichtigsten Raum der Fraktion, die Teeküche, habe er aber bereits gefunden, sagt Kössler, der jetzt kurz mal breit grinst, bevor es weitergeht. Hier und da steckt er den Kopf in ein Büro, sagt "Hallo" oder auch mal "Hallo, ich bin der Georg" und freut sich diebisch darüber, dass er schon ein eigenes Postfach hat. "Jetzt bin ich wohl offiziell Teil davon. Am liebsten würde ich sofort loslegen – zum Finanzamt rennen, weil ich mit meinen Diäten nichts falsch machen will." Gut findet er, dass er schon ein paar Leute im Haus kennt. Sein vorläufiger Bürokollege ist ein langjähriger Grünen-Freund und schwärmt von Kösslers Redetalent. Ob immer alles so freundlich bleibt? Georg Kössler, der Profi, der sagt, dass er es schon gewöhnt sei, zwischen streitenden Chefs zu vermitteln und Kompromisse auszuhandeln, ist auch wachsam: "Natürlich ist die Politik ein Haifischbecken, aber ich habe mir das jetzt schon ein paar Jahre angeguckt, und hoffe, dass ich da nicht gefressen oder selber zum Haifisch werde". Sein Ziel: "locker als Thunfisch langschwimmen". Umweltthemen haben Georg Kössler schon als Teenager auf die Straße gezogen, 2005 trat er in die Grüne Jugend ein, in seinem Bezirk Neukölln kämpft der gebürtige Berliner für mehr Fahrradwege, Grünflächenerhaltung und Milieuschutz. Für seinen Kiez hat er auch schon ein Vorhaben im Abgeordnetenhaus: Er will erneuerbare Energien in einem "Solarmasterplan" stärker fördern. Geht es nach Kössler, sollen mehr Mieter Solaranlagen auf den Dächern installieren und daraus ihren Strom beziehen können.

"Die hassen uns"

Sorgen macht ihm derweil die AfD, die auch bald ihre Büros beziehen wird. "Ich weiß ehrlich nicht, wie ich mit denen hier umgehen soll", sagt Kössler. Und das liegt gar nicht einmal nur daran, dass er, natürlich, viele AfD-Positionen strikt ablehnt: "Alles, was ich von der AfD mitbekomme, ist, dass sie uns Grüne hassen. Auch deswegen sehe ich eigentlich keine Gesprächsgrundlage." Wie die Partei mit der AfD umgeht, werde aber in den kommenden Wochen intern diskutiert. "Meine Angst ist, dass Deutschland immer mehr wird wie die USA, ganz krass gespalten. Oder wie Frankreich, wo eine rechtspopulistische Partei als normal im Parteiensystem angesehen wird. Deswegen ist es unsere Aufgabe, die AfD zu entzaubern." Wie? "Das müssen wir jetzt besprechen."

Obwohl das Parlament ein Teilzeitparlament ist, wird er seinen Job im Bundestag, den er mittlerweile halbtags macht, weiter reduzieren oder aufgeben. "Ich weiß, dass viele Mitglieder des Abgeordnetenhauses nebenher noch arbeiten, aber ich sehe das im Moment für mich nicht. Alle sagen mir, dass das hier eigentlich 50- bis 60-Stunden-Wochen sind. Da bin ich vorsichtig, auch aus Respekt vor dem Mandat." Und etwas Freizeit soll ja auch nicht schaden. Für Freundin und Freunde und um mal in Neukölln am Kanal zu sitzen und zu lesen. Oder um beim Bouldern den Kopf auszuschalten. "Wenn du da in der Wand rumkletterst, kannst du einfach nicht über den letzten Antrag nachdenken, den du eingereicht hast."

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