Revoluzzer mit Affinität zur Bürokratie

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Zum Tod des Mittbegründers der Kommune 1 : Zu Besuch beim Häftling Dieter Kunzelmann
Kommarden. Rainer Langhans (v.l.n.r.) Dieter Kunzelmann, Volker Gebbert und Ursula Körber. 1967 wurden sie festgenommen, als sie das Rathaus Schöneberg - den Sitz des West-Berliner Parlaments - betreten wollten. Sie hatten sich Tribünenkarten besorgt.
Kommarden. Rainer Langhans (v.l.n.r.) Dieter Kunzelmann, Volker Gebbert und Ursula Körber. 1967 wurden sie festgenommen, als sie...Foto: Foto: Konrad Giehr/dpa

In den offenen Vollzug will er nicht, in den Urlaub darf er nicht. Also verbringt Kunzelmann seine Tage im "Haus 2" der Anstalt, gemeinsam mit verurteilten Schutzgelderpressern, Zuhältern und Sexualstraftätern. Kunzelmann sagt, dass er aufgrund seines ungebührlichen Verhaltens gegenüber der Polizei und Justiz bei den Mitinsassen "zweifellos bestimmte Sympathien genieße".  "Grundsätzlich eint uns aber das gemeinsame Vorgehen gegen die Schikanen im Vollzug", sagt Kunzelmann, der offenbar in der JVA für die anderen Insassen eine Mischung aus Schreibbüro und Kanzlei betreibt. Denn im Gefängnis, schimpft der 60-Jährige, müsse man sich "wegen jedem Pipifax" an den Schreibtisch setzen.  "Wenn für mich eine Unterhose eingebracht wird, muss ich schreiben: Ich beantrage Genehmigung und Aushändigung!"

Affinität zur Bürokratie

Dass in dem Herz des Revoluzzers auch eine Affinität zur Bürokratie schlägt, trat zum ersten Mal zutage, als Kunzelmann in den 80er Jahren für die Alternative Liste ins Abgeordnetenhaus zog. Ausgerechnet er, der Anarchist und Erfinder des Pudding-Attentats, machte sich bei der AL als Geschäftsordnungsspezialist einen Namen. Dass er sich als Abgeordneter außerdem für den "humanen Strafvollzug" stark machte, mag seiner Vergangenheit geschuldet sein: 1970 bis 1975 saß Kunzelmann schon einmal wegen Brandanschlägen ein.  Überwältigende Wirkung hat sein Engagement als Abgeordneter offenbar nicht gezeigt: "Die Situation hat sich in den Strafanstalten während der letzten 25 Jahren eher verschlechtert", sagt Kunzelmann düster.

Kreuzberg zwischen 1968 und 2013
Kinder sammeln Brennholz vor der Maschinenfabrik Prakma in der Waldemarstraße in Berlin-Kreuzberg.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Dieter Kramer
21.10.2013 16:53Kreuzberg in den 1970er Jahren: Kinder sammeln Brennholz vor der Maschinenfabrik Prakma in der Waldemarstraße. 1977 wird die...

Seit sich die Gefängnistore hinter ihm geschlossen haben, bestimmt der Stundenplan der Anstalt den Tag des Polit-Clowns: 6 Uhr 30 steht morgens "die Lebendkontrolle" auf dem Programm des Wachpersonals, um 7.30 Uhr dann der sogenannte Aufschluss. Von halb neun bis halb zehn spielt der ehemalige bayerische Jugendmeister Tischtennis, um zehn Uhr setzt er sich in der verschlossenen Zelle an den Schreibtisch, 11.15 Uhr gibt es Mittagessen, ab 11.45 Uhr macht Kunzelmann "Siesta", geht dann an den Schreibtisch, 15.10 Uhr wird das Abendbrot ausgegeben, 15.20 Uhr beginnt die Freistunde, 16.45 Uhr Einschluss...

Ärger über die Tischtennisplatte

Das frühe Aufstehen kann das "Nachtlicht" Kunzelmann noch verkraften, viel mehr stören ihn die Verhältnisse beim Tischtennis. Auf einer Steinplatte müsse er spielen! Unter freiem Himmel! Mit einem ganz billigen Schläger! "Das ist der ultimative Alptraum eines Tischtennisspielers", stöhnt Kunzelmann. Einem Bekannten hat er deshalb die Bestellung schon auf den Anrufbeantworter gesprochen. Ein Auszug: "Pass ma' uff - äh! Der Verleger hat meinen gesamten Knastrucksack leer - leer! - hat er ihn hergebracht, verstehste; und da ist mein Tischtennisschläger drin gewesen - von den ganzen andern Sachen abgesehen. Ich bin so sauer - verstehst Du - auf den. (...) Jetzt würd' ich Dich um Folgendes bitten, dass Du morgen oder am Samstag mir einen Noppengummitischtennisschläger kaufst; einen schönen, gut in der Hand liegenden Noppengummitischtennisschläger, zwei schöne Sporthosen und dann bräucht ich noch drei leere Aktenordner mit Zwischenblättern, Nummernregister..."

Dass der Anruf in der "FAZ" im Wortlaut veröffentlicht wurde, ist Kunzelmann neu. Doch es ist nicht die Indiskretion des Bekannten, die den Mann im Pfarramt ärgert: "Ich habe den Tischtennisschläger noch immer nicht!"

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