Zum Tod des Mittbegründers der Kommune 1 : Zu Besuch beim Häftling Dieter Kunzelmann

Wegen eines Eierwurfs auf Eberhard Diepgen kam Dieter Kunzelmann, Mitgründer der Kommune 1, hinter Gitter. Tagesspiegel-Reporterin Katja Füchsel hat ihn 1999 dort besucht.

Bewaffnet. Zum Haftantritt erschien Dieter Kunzelmann mit einer Packung Eier.
Bewaffnet. Zum Haftantritt erschien Dieter Kunzelmann mit einer Packung Eier.Foto: Kai Horstmann/Imago

Er war Revoluzzer, Politiker und Politclown: Jetzt ist Dieter Kunzelmann im Alter von 78 Jahren gestorben. Ende der 1990er Jahre musste er wegen eines Eierwurfs auf den damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) ins Gefängnis. Lesen Sie hier eine Reportage über einen Besuch bei Kunzelmann in der Justizvollzugsanstalt Tegel.

Man sollte den Gefangenen mit der Nummer "0937/993" nicht reizen. Denn wenn sich der 60-Jährige ärgert, entwickelt er sportlichen Ehrgeiz. Dann zieht sich Dieter Kunzelmann "zur Arbeit" in der JVA Tegel in seine Zelle zurück und schreibt Beschwerden, Anträge, Widersprüche. Als ihm die Anstaltsleitung eine Sondersprechstunde verwehrt, weil sie "den Medienrummel nicht in die Anstalt hineintragen" will, zürnt Kunzelmann - und arrangiert ein Treffen beim Pfarrer der Anstalt. Den Geistlichen lässt er in dem Glauben, eine gute Freundin zu empfangen. Nachdem dann der Pfarrer diskret die Tür hinter sich schließt, lächelt Kunzelmann. "Und? Was wollen Sie wissen?"

1968: Chronik der Revolte in Berlin
Angriff der "Prügelperser". Der Schah-Besuch am 2. Juni 1967 ist ein prägender Moment der 68'er-Bewegung in Berlin. Vor dem Rathaus Schöneberg schlugen Anhänger des iranischen Regimes auf friedliche Demonstranten ein. Statt die Gewalttäter zu stoppen, schaute die Polizei gelassen zu. Das Bild ist Teil der Ausstellung "Revolte!" im Bonner Haus der Geschichte. - Foto: Ludwig Binder/Stiftung Haus der GeschichteWeitere Bilder anzeigen
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09.04.2018 10:34Angriff der "Prügelperser". Der Schah-Besuch am 2. Juni 1967 ist ein prägender Moment der 68'er-Bewegung in Berlin. Vor dem...

Das Leben in der JVA Tegel scheint Kunzelmann nicht schlecht zu bekommen.  Braungebrannt sitzt er im Pfarramt: mit grünem Kopftuch, die blauen Hosen bis zum Knie hochgekrempelt, das Hemd vor der Brust geknotet. Seine "private Kleidung" lässt er demonstrativ meistens im Schrank. "Wenn man stolz auf seine Straftat ist, sollte man auch stolz auf seine Knastkleidung sein", sagt der Polit-Clown, grinst und dreht sich eine neue Zigarette.

Frohe Ostern, Du Weihnachtsmann!

Die Straftat ist hinlänglich bekannt. "Frohe Ostern, Du Weihnachtsmann!", rief Kunzelmann, als er dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen im Amtsgericht Moabit ein Ei auf dem Kopf zerschlug. Seit gut zwei Monaten sitzt er deshalb in der JVA Tegel, wo er nach eigenem Bekunden wie ein "ganz normaler Gefangener" behandelt werden will. Auch wenn er weiß, dass er sich in einer Hinsicht von allen anderen Insassen unterscheiden dürfte: "Ich bin der Einzige, der hier nicht raus will", sagt Kunzelmann und setzt noch einen drauf. "Knast ist das pralle Leben für mich!"

Eberhard Diepgen - ein Leben für die Berliner Politik
Ein Leben für die Berliner Politik: Eberhard Diepgen war 1984 bis 1989 und 1991 bis 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin.Alle Bilder anzeigen
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13.11.2011 11:49Ein Leben für die Berliner Politik: Eberhard Diepgen war 1984 bis 1989 und 1991 bis 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin.

Dabei hatte der Mitbegründer der Kommune 1 sich vor seiner elfmonatigen Haftstrafe lange geziert. Nach seiner Verurteilung tauchte er im September 1997 unter und schaltete im April 1998 dann seine eigene Todesanzeige. Nach 18 Monaten im schönen Italien ("gutes Essen, tolle Frauen") kehrte der totgeglaubte Kunzelmann dann nach Berlin zurück, narrte die Polizei mit verschiedenen Medienauftritten, bis sich der Gesuchte dann an seinem 60.Geburtstag selbst stellte und sich dabei wieder einmal selbst inszenierte. Nicht nur ein Dutzend Freunde, sondern auch eine Horde Kameramänner und Fotografen hatte Kunzelmann im Schlepptau, als er am 14. Juli nach einer durchzechten Nacht an das hohe Tor der Strafanstalt klopfte.

Ab in den offenen Vollzug

Eigentlich wollte die Anstaltsleitung den Neuzugang mit der Nummer "0937/993" schon nach wenigen Tagen in den offenen Vollzug nach Düppel verlegen. Der Ex-Kommunarde lehnte aber ab. Weil er sich diese "psychologische Belastung" nicht antun wolle, weil er den "differenzierten Strafvollzug" grundsätzlich ablehne, weil nur so die Unverhältnismäßigkeit der Strafe "weiter zum Himmel stinke" und überhaupt: "Ich fürchte, im offenen Vollzug irgendwann verspätet zurück zu kommen, denn wenn ich mit einer Frau im Bett liege, weigere ich mich, auf eine Uhr zu schauen!" kritzelt Kunzelmann als Anmerkung auf ein Schreiben des Teilanstaltsleiters. "Kopie der Kopie. Kommentierte Fassung", steht darauf.

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