Zum Tod von Uwe Schlicht : Mit Kopf, Herz und Feder

Uwe Schlicht war die Berliner Instanz für Bildungs- und Wissenschaftspolitik. Über 50 Jahre schrieb er für den Tagesspiegel. Am Freitagabend ist Schlicht verstorben.

Hermann Rudolph
1962 erschien sein erster, 2013 sein letzter Artikel: Uwe Schlicht hat über 50 Jahre für den Tagesspiegel geschrieben.
1962 erschien sein erster, 2013 sein letzter Artikel: Uwe Schlicht hat über 50 Jahre für den Tagesspiegel geschrieben.Foto: Tsp

Als der SPD-Politiker Peter Glotz in den siebziger Jahren als neuer Wissenschaftssenator nach Berlin kam, begann er seine Erkundung der Bildungsszene bei dem Korrespondenten einer überregionalen Zeitung. Besorgt hielt ihm sein Pressereferent vor: „Das dürfen sie nicht machen, sie müssen erst mit Schlicht reden!“ Ahnungslos fragte der Neu-Berliner zurück: „Wer ist Schlicht?“ Sehr bald war dem aus Bonn zugeflogenen Überflieger klar, was für eine Rolle dieser Journalist in Berlin spielte.

Am Freitagabend ist Uwe Schlicht im Alter von 81 Jahren nach langer schwerer Krankheit in seinem Haus in Berlin-Zehlendorf verstorben. Nun ist es an uns zu fragen, wer Schlicht war. Die Antwort ist einfach: Uwe Schlicht war die Berliner Instanz für Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungspolitik. Mehr als vierzig Jahre war er im Tagesspiegel zuständig für dieses Thema, das gerade für Berlin mit seinen drei ausgewachsenen Universitäten und zahllosen anderen Bildungsinstitutionen einen besonderen Rang besitzt.

1962 erschien sein erster Artikel, da war er 24 Jahre alt. Seitdem gingen und kamen Senatoren, wandelte sich die Insel-Exklave West-Berlin zu einer Wissenschaftsmetropole, wurde aus dem bildungspolitischen Aufschwung der sechziger Jahre ein ernüchterndes, oft frustrierendes Ringen mit Defiziten und Etatposten.

Aber Schlicht blieb dem Thema über alle Höhen und Tiefen treu, schrieb, analysierte, urteilte, ein seltenes Beispiel von Kontinuität, wurde 1971 Ressortleiter, baute seit 1991 im Tagesspiegel die einzige tägliche Bildungsseite in einer deutschen Tageszeitung auf. 5000 Artikel zählte man, als er 2002 er in den Ruhestand ging. Und als freier Journalist schrieb er noch bis 2013 seine scharfsinnigen Analysen.

Viele Kultur- und Wissenschaftssenatoren, nur einen Bildungsexperten

Man muss nur die damaligen Würdigungen Revue passieren lassen, um einen Begriff von Schlichts Wirkung zu bekommen. Etwa das Urteil des langjährigen Rektors des Wissenschaftskollegs: Berlin habe viele Kultur- und Wissenschaftssenatoren gehabt, „doch nur einen Bildungsexperten“, nämlich Schlicht. Der Präsident der TU nannte ihn „einen kritischen Begleiter und Beobachter“, der „mit seiner Feder in die Seifenblasen am Politikerhimmel“ stach.

Ein früherer FU-Präsident hob die Geduld hervor, mit der er zuhörte, und die „Präzision, mit der er unbequeme Fragen stellte“. „Ein strenger Geist, leidenschaftlich in der Diskussion, gerecht im Urteil“ war er für den Leiter des Frauenhofer-Institut. Und der Kollege von der FAZ, der andere Unentwegte im deutschen Bildungsjournalismus, zählte ihn zu den „herausragenden Erscheinungen unseres Berufsstandes“: „Wenn die Politiker immer getan hätten, was er vorschlug, ginge es den Schulen und Hochschulen besser.“

In seiner, nämlich der berichtenden und analysierenden Weise, gehörte Schlicht zu den Mitakteuren des bildungspolitischen Aufbruchs der sechziger Jahre, der in der Geschichte der Bundesrepublik Epoche gemacht hat. In Berlin hieß das allerdings auch, dass sein Arbeitsfeld die Studentenrebellion wurde.

„Was wollen die Studenten?“

Es gehörte zu Schlichts Verständnis des Journalismus, dass er den unmittelbaren Kontakt mit dem Geschehen suchte. Der Tagesspiegel-Reporter mit dem Helm auf dem Kopf mit der Aufschrift „Presse“, der sich mitten ins Getümmel der Demonstrationen und Vollversammlungen begab, war ein denkwürdige Figur dieser Jahre.

Uwe Schlicht, der selbst nie mit linken Positionen sympathisierte, erwarb sich den Ruf eines engagierten und fairen Berichterstatters. Der Tagesspiegel, der die Studenten in einer Rubrik „Was wollen die Studenten?“ zu Wort kommen ließ, verdankt nicht zuletzt seinem Einsatz sein Ansehen als liberale, dem Wandel aufgeschlossene Zeitung.

2002 ging Uwe Schlicht in den Ruhestand.
2002 ging Uwe Schlicht in den Ruhestand.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Fragt man sich, was das Besondere an Schlicht war, so besteht es wohl darin, dass er den Beruf des Journalisten wirklich ernst nahm. Er beackerte sein Arbeits- und Interessenfeld mit beispielhafter Hingabe, Hartnäckigkeit und Ausdauer, zugleich konservativ und kritisch und absolut unbestechlich.

Eine höfliche Bockigkeit

Er bezog Position, aber ohne sich vereinnahmen zu lassen. Unermüdlich ging er den Windungen der Bildungspolitik nach, saß in zahllosen Gremiensitzungen – ihm gebühre dafür ein „Tapferkeitsorden“, sagte einmal ein Universitäts-Präsident -, mit schnellem Stift unendlich viele Zettel beschreibend, denn Aufnahmegeräte verachtete er.

Nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion erhielt Uwe Schlicht 2003 den Ehrendoktor für sein journalistisches Lebenswerk.
Nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion erhielt Uwe Schlicht 2003 den Ehrendoktor für sein journalistisches Lebenswerk.Foto: Mike Wolff

Nach der Wende gehörte er zu denen, die die Hochschullandschaft in den neuen Ländern in seine Betrachtung einbezog. Eine „höfliche Bockigkeit“ attestierte ihm Wolf Lepenies: Er hatte eben die Überzeugung, dass selbst die xte-Novelle zu einem Hochschulgesetz oder die Winkelzüge im Umgang mit Haushaltsansätzen wichtige Angelegenheiten seien, über die informiert zu werden der Zeitungsleser einen Anspruch hat.

Wie der Gelehrte unter den Professoren

Schlicht konnte schwierig sein, er machte es mit seinen Ansprüchen sich und seinen Kollegen nicht immer einfach. Dieter Simon, der ehemalige Präsident der Akademie der Wissenschaften, hatte ihn vor Augen als er formulierte: „Der Wissenschaftsjournalist ist ein Sonderling, wie der Gelehrte unter den Professoren.“

Ein Arbeitstier war er außerdem; neben der Bildungspolitik betreute er lange den Reiseteil, der ihm ungewohnte, entspannte Texte entlockte. In alledem motivierte und inspirierte ihn das Bildungserlebnis seines Studiums an der FU, als die großen Professoren der Noch-Gründungszeit ihren Geist prägten. Er bekannte es gern, und insofern hatte es seine Konsequenz, dass ihm die FU nach seinem Ausscheiden aus der Zeitung 2003 den Ehrendoktor für sein journalistisches Lebenswerk verlieh.

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