Zur Zukunft des Humboldt Forums : Das globale Gespräch

Das Humboldt Forum im Berliner Schloss wäre ein idealer Ort für Weltfriedenskonferenzen. Die Voraussetzungen sind gegeben – schon durch die Nachbarn.

Manfred Rettig
Ein Zuhause für die Zukunft. Das lichtdurchflutete Foyer wäre ein guter Ort für internationale Ideen und Gedankenspiele.
Ein Zuhause für die Zukunft. Das lichtdurchflutete Foyer wäre ein guter Ort für internationale Ideen und Gedankenspiele.Visualisierung: SHF/Architekt/Franco Stella mit FS HUF PG

Das transformierte Schloss ist planmäßig bald fertig, aber die inhaltliche Diskussion stockt: Im Wesentlichen sind es Experten, die ihre Meinungen einbringen, und sie beschränken sich dabei leider auf die museale Nutzung des Gebäudes. Dabei ist das Humboldt Forum ein Ort, der mehr sein muss als ein Museum. Die Frage, wie er genutzt werden soll, betrifft nicht nur Experten, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt. Mehr noch: Die Aufgabenstellung durch den Deutschen Bundestag lautete, einen Ort für den Dialog der Kulturen zu schaffen. Bisher wird dies nicht erfüllt; ein Alleinstellungsmerkmal fehlt.

Es bedurfte der Nachhilfe des französischen Präsidenten, damit die Bundeskanzlerin erstmalig das Schloss betrat. In Frankreich hatte man längst die kulturpolitische Dimension des Humboldt Forums im Berliner Schloss erkannt.

Jenseits der musealen Nutzung bietet das Haus die einmalige Chance, Beiträge für das friedliche Miteinander der Kulturen zu leisten, getragen von einem großen bürgerschaftlichen Engagement. Denn genau darum muss es heute gehen: das friedliche Miteinander zu fördern und die Zivilgesellschaft einzubeziehen.

Das Schloss ist Symbol der Berliner Geschichte

Berlin – und insbesondere das Schloss in seiner Mitte – ist wie geschaffen hierfür. Denn nach einer dramatischen, wechselvollen Geschichte ist die Stadt heute zu einer weltoffenen Metropole geworden. Angefangen mit der Bürgerstadt Berlin/Kölln, der Stadt der Kurfürsten, Könige und Kaiser, der Stadt der Aufklärung, Wissenschaft und Forschung, dem Ausgangspunkt zweier Weltkriege, der Nazidiktatur und dem Holocaust, der totalen Zerstörung, dem Wiederaufbau, der ideologisch bedingten Teilung steht Berlin heute vor allem für die friedliche Wiedervereinigung. Das Berliner Schloss im Zentrum ist das Symbol dieser Geschichte.

Daher hier ein Vorschlag, was das Alleinstellungsmerkmal des Humboldt Forums sein sollte: Über Wirtschaft wird im Weltwirtschaftsforum in Davos diskutiert, über Sicherheit in München bei der Weltsicherheitskonferenz. Das Humboldt Forum wäre der ideale Ort, um ein Zentrum für den Frieden in der Welt zu schaffen – nicht nur für die Experten, die sich auf derartigen Konferenzen treffen, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger sowie alle Gäste der Stadt.

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Die Verbindung einer der weltweit größten ethnologischen Sammlungen im zweiten und dritten Obergeschoss mit den Konferenz- und Ausstellungsbereichen im Erdgeschoss eröffnet den Blick von der Vergangenheit der Kulturen bis in deren Gegenwart und Zukunft. So können Zusammenhänge hergestellt werden, die zum besseren Verständnis der Dialogpartner führen. Die Berlin-Ausstellung im ersten Stock – ergänzt durch wissenschaftliche Bereiche – kann beispielhaft die Entwicklung einer Stadt nach ihrer völligen Zerstörung und die heute von Berlin ausgehenden Impulse darstellen.

Das Humboldt Forum als kulturelles Zentrum für den Weltfrieden

Die Themenvielfalt ist unglaublich groß. Das Humboldt Forum sollte daher als ein sich ständig fortentwickelndes Projekt verstanden werden. Ein Ort, an dem nicht die Ideologie, sondern die Toleranz im Vordergrund steht und der zum kulturellen Zentrum für den Weltfrieden werden könnte.

Wie Satelliten, die um die Sonne kreisen, befinden sich im fußläufigen Umfeld des Humboldt Forums wichtige Einrichtungen, die sich mit dem Weltfrieden beschäftigen – von politischen Organisationen bis hin zu Vereinen, in denen sich bürgerschaftliches Engagement ausdrückt:

Die Verfassungsorgane des Bundes, der Länder und der Kommunen, die Europäische Gemeinschaft sowie Botschaften und Landesvertretungen liegen zum Teil in Sichtweite des Humboldt Forums.

Die Vereinten Nationen – das politische Organ für den Erhalt des Weltfriedens – haben keine Vertretung in Berlin. Deutschland ist zwar der viertgrößte Beitragszahler, dennoch ist über die Arbeit der Organisation in der deutschen Öffentlichkeit wenig bekannt. Der Förderverein „Ein Haus für die Vereinten Nationen“ möchte dies ändern und im Palais am Festungsgraben einen Ort schaffen, an dem Bürger sich nicht nur informieren, sondern auch aktiv an UN-Projekten beteiligen können.

Vielen ist die „Agenda 2030“ der Vereinten Nationen nicht bekannt. Darin sind in 17 Punkten Ziele für eine nachhaltige Entwicklung unserer Welt aufgeführt. Im Zusammenwirken mit 36 prominenten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und gerne mit dem Maxim Gorki Theater könnte im Palais am Festungsgraben eine kreative Ideenschmiede entstehen. Dazu wäre die Nähe zur Humboldt-Universität mit ihren Dozenten, Studierenden und Förderern ideal.

Von der Gesundheitsversorgung bis zum Dialog der Religionen

Ein weiterer Impulsgeber für Weltfriedenskonferenzen könnte das in Berlin stattfindende Politikforum „Global Solutions“ sein, das politische Denker aus den zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländern zusammenführt. Und die hier ansässige Stiftung World Health Summit Foundation wäre ein Player, der sich zu Fragen der globalen Gesundheitsversorgung einbringen könnte.

Wenige Hundert Meter vom Humboldt Forum entfernt, in der Scharrenstraße, entsteht etwas weltweit Einmaliges: Juden, Christen und Muslime bauen gemeinsam ein Haus; ein Haus auch für die, die den Religionen fernstehen. In diesem „House of One“ könnten viele religiöse Themen mit Wechselwirkung zum Humboldt Forum angesprochen und analysiert werden.

Die politischen Stiftungen, Verbände, Kammern und Gewerkschaften sind ebenfalls prädestinierte Partner für das Humboldt Forum. So könnten mit dem in der Nähe gelegenen Haus der Wirtschaft zum Beispiel ökonomische Auswirkungen von Friedenszielen beraten werden.

Auch die Stiftung Zukunft Berlin hat mit ihren Veranstaltungen bereits viele Anregungen für den Dialog der Kulturen gegeben. Diese Impulse gilt es zu bündeln und zu nutzen.

Bürger gestalten in Freundeskreisen aktiv mit

Nicht zu vergessen schließlich die Bürger: Was bürgerschaftliches Engagement erreichen kann, sieht man an der großartigen Arbeit des Fördervereins Berliner Schloss. Zu Beginn von vielen belächelt, ist es ihm gelungen, die Rekonstruktion der Schlossfassade zu realisieren; heute hat er bundesweit rund 1500 Mitglieder. Kein anderer Verein rund um das Humboldt Forum verfügt über ein so engagiertes Netzwerk. Er konnte so viele Spenden für die Schlossfassade einwerben, dass die Gesamtfinanzierung mit weiteren wichtigen Optionen – wie zum Beispiel der historischen Kuppel – realistisch ist. All diese Spender haben nun auch eine Erwartungshaltung in Bezug auf die inhaltliche Ausgestaltung des Humboldt Forums.

Ein weiterer Verein, die Freunde des Ethnologischen Museums, wird im Bereich der Mittelamerikanischen Sammlung einen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst leisten und so einen Gegenwartsbezug herstellen. Außerdem organisiert der Verein Veranstaltungen und Reisen rund um ethnologische Themen. Die Sammlung der Asiatischen Kunst wird von zwei weiteren Freundeskreisen unterstützt.

Der Freundes- und Förderkreis des Stadtmuseums Berlin schließlich beteiligt sich an der Vorbereitung der auf mehr als 4000 Quadratmetern vorgesehenen Berlin-Ausstellung sowie der geplanten Neugestaltung des Märkischen Museums. Mit öffentlichen Veranstaltungen nimmt der Verein die Berliner Bürger mit auf den Weg zum Humboldt Forum.

Ein klares, überzeugendes Konzept muss her

Diese beispielhafte Aufzählung möglicher Partner könnte noch ergänzt werden, etwa um die Freundeskreise des Deutschen Historischen Museums oder der Museumsinsel. Doch auch so zeigt sie, dass das Humboldt Forum der geeignete Ort für Weltfriedenskonferenzen wäre. Dies wird sicher nicht auf Knopfdruck funktionieren, aber die Rahmenbedingungen sind gegeben.

Die Impulse der bisherigen Intendanten müssen endlich in ein klares, überzeugendes Konzept gebündelt und weiterentwickelt werden. Dies erwarten die gut vernetzten Fördervereine von der neuen Intendanz, und sicher entspricht dies auch dem Interesse zahlreicher Bürgerinnen und Bürger der Stadt.

Die Zeit drängt: Es geht um nichts Geringeres, als in dem von Franco Stella architektonisch transformierten Schloss nun die inhaltliche Transformation zu leben.

Der Autor ist Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises des Berlin-Museums und Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss.

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