Berlins Ikonen der Fotokunst : Lichtbilder, Schattenseiten

Erst die Sammlung Wiegand, nun die Kollektion des Händlerpaars Kicken: Berlin verliert Ikonen der Fotokunst ans Frankfurter Städel. Mit ihren Sammlern hat die Stadt zur Zeit keine glückliche Hand.

Hypnotische Kraft. Rudolf Koppitz’ „Kopf eines Mannes mit Helm“ (um 1929) soll eine eigene Museumswand bekommen. Foto: Städel
Hypnotische Kraft. Rudolf Koppitz’ „Kopf eines Mannes mit Helm“ (um 1929) soll eine eigene Museumswand bekommen. Foto: Städel

Als Galeristen für Fotokunst sind sie eine feste Größe auf dem Markt, vermutlich die wichtigsten europaweit. Wer Werke der Fotografie der zwanziger und dreißiger Jahre, der klassischen Moderne, erwerben möchte, wird in Berlin in der Linienstraße fündig. Dass Annette und Rudolf Kicken dort nicht nur handeln, sondern auch sammeln, dürfte jedoch den wenigsten bekannt gewesen sein. Umso größer die Überraschung, als das StädelMuseum kurz vor Beginn der Sommerpause bekannt gab: Die Kollektion des Berliner Händlerpaars, über 1100 Aufnahmen, geht nach Frankfurt.

Für das Museum ist es der große Coup, denn das Haus schließt damit eine Lücke beim Aufbau seines neuen Sammlungsschwerpunkts. Zwischen den 220 Werken zeitgenössischer Fotografie, welche die DZ Bank vor fünf Jahren aus ihrem Bestand dem Städel übergab, und dem eindrucksvollen Konvolut aus der Frühzeit der Lichtbildkunst, das drei Jahre später durch das Berliner Sammlerpaar Uta und Wilfried Wiegand hinzukam, klaffte bislang eine deutliche Lücke.

Mit der Kicken-Kollektion wird sie nun geschlossen. Diese zweite Marge aus Berlin war allerdings nur mithilfe der Kulturstiftung der Länder sowie der Hessischen Kulturstiftung zu stemmen. Der Preis für die 524 erworbenen Bilder bleibt ungenannt. Doch angesichts der Ikonen der Fotografiegeschichte, die sich darunter befinden, etwa von Gertrud Arndt, Hugo Erfurth, Heinrich Kühn, Man Ray, Albert Renger-Patzsch, August Steiner und Otto Steinert, besitzt allein dieses Konvolut Millionenwert. Hinzu kommen jene 649 Fotografien, die Annette und Rudolf Kicken der Städel’schen Sammlung großzügig dazuschenkten.

Auch die Sammler fühlen sich im Glück. Dass es Frankfurt sein sollte und nicht etwa das Berliner Fotomuseum am jetzigen Wirkungsort des Paars oder das Essener Folkwang-Museum als wichtiger Sammlungsstätte der Fotografie, stand für Rudolf Kicken spontan fest, seit er 2011 die Präsentation der Wiegand’schen Bestände im Städel gesehen hatte. Dort wurde für ihn perfekt jenes Konzept verwirklicht, das er in den siebziger Jahren am Museum of Modern Art in New York erstmals vorfand: die gleichberechtigte Präsentation von Fotografie mit Malerei und Skulptur. In Frankfurt sah das Sammlerpaar beispielhaft vorgeführt, wie die Künste einer Epoche ineinandergreifen und sich gegenseitig erhellen: „Das war auch immer unser Ziel.“

Mit Berlin gab es nie Gespräche, obwohl in der Dauerausstellung der Neuen Nationalgalerie dieses Prinzip ebenfalls behutsam eingeführt wird. Ludger Derenthal leitet die fotografische Sammlung in der Jebenstraße, die bei den Staatlichen Museen allerdings nicht als eigenständiges Museum geführt wird, sondern unter dem Dach der Kunstbibliothek firmiert. Derenthal nimmt den Weggang der Kollektion Kicken gelassen. Sammlungen gebe es viele, die man gern hätte, sagt er leichthin. Seine jüngsten Neuzugänge nehmen sich vergleichsweise bescheiden aus: 32 Fotografien von Heinz Hajek-Halke, zehn Naturstudien von Alfred Ehrhardt, sechs Architekturaufnahmen von Dokyun Kim. Vom Zuzug der Fotogalerie C/O Berlin in die unmittelbare Nachbarschaft des Bahnhofs Zoo verspricht er sich Belebung. Auch von einer neuen Kooperation mit der Universität der Künste, die ihren Sitz ebenfalls um die Ecke hat. Sie soll im Haus ein eigenes Schaufenster erhalten.

Für Berlin mag dies nicht befriedigen, zumal die Hängepartie um die Sammlung Pietzsch immer noch nicht ausgestanden ist. Gegenwärtig zeigt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz keine glückliche Hand. Die zunächst für das Frühjahr angekündigte Machbarkeitsstudie über einen Neubau der Gemäldegalerie, der wiederum der Neuen Nationalgalerie und einem Museum des 20. Jahrhunderts neue Räumlichkeiten ermöglichen würde, soll „noch im Laufe des Sommers“ kommen, wie es bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz heißt. Das Warten geht weiter. Für die Nationalgalerie aber ist ein zusätzliches Haus perspektivisch überlebenswichtig, um die Sammlung Pietzsch an die Staatlichen Museen binden zu können. Zumal es sinnvoll wäre, die ebenfalls auf Surrealismus spezialisierte Sammlung Scharf-Gerstenberg zu integrieren – und irgendwann auch einmal die Sammlung Klassischer Moderne von Heinz Berggruen. Beide residieren derzeit fernab in den Stülerbauten in Charlottenburg. Für künftige Schenkungen wäre die Neuordnung der Berliner Museen ein wichtiges Signal.

Derweil wird in Frankfurt die Sammlung Kicken skuzessive in den eigenen Bestand integriert. Am 26. September soll die Kollektion in einem Festakt offiziell übergeben werden. Felix Krämer, Sammlungsleiter am Städel, lässt zunächst die Rahmung besorgen, nach und nach werden erste Kombinationen ausprobiert: zum Beispiel eine Fotografie von Hugo Erfurth mit dem Schäferhund-Gemälde von Otto Dix – nicht wegen der motivischen Verbindung, sondern weil der porträtierte Vierbeiner dem Fotografen gehörte. Rudolf Koppitz’ „Mann mit dem Helm“ soll eine eigene Museumswand erhalten und den Besucher in den Raum hineinziehen, so bildmächtig ist das Werk. Dort wird es dann voraussichtlich mit Stuck, Morot und Redon zu sehen sein.

An eine solche Nachbarschaft war noch nicht zu denken, als Rudolf Kicken seine Sammlung in den siebziger Jahren aufzubauen begann. Fotografie war in Europa noch lange nicht im Museum angekommen. Man Ray, Albert Renger-Patzsch, August Sander galten noch nicht als die Heroen der Lichtbildkunst. Ihre Abzüge waren für wenige Mark zu bekommen, wenn sie nicht sogar häufig noch weggeworfen wurden. Als Händler gehörte der junge Aachener zu den Pionieren. Statt in den väterlichen Baustoffhandel einzutreten, wollte Kicken bei Otto Steinert an der Essener Folkwangschule Fotografie studieren.

Am Ende entschied er sich für die Vermittlung und eröffnete 1976 zusammen mit Wilhelm Schürmann in Aachen eine der ersten Fotogalerien in der Bundesrepublik. Drei Jahre später zog er – ohne Schürmann – mit der Galerie weiter nach Köln. 2000 startete er zusammen mit seiner Frau Annette noch einmal neu, diesmal in Berlin, wo er sich bereits im Vorstand der Kunstmesse Art Forum betätigt hatte.

Gesammelt wird weiterhin, auch wenn die Preise enorm angezogen haben. Dass ein Man Ray inzwischen die MillionenDollar-Grenze überschritten hat, also als große Kunst angesehen wird, ist nicht zuletzt Kickens Aufbauarbeit zu verdanken. Entdeckungen gibt es trotzdem zu machen. Zum Beispiel im Bereich der Snapshot-Fotografien, Glücksfunde auf dem Flohmarkt. Bis ins MoMA haben sie es bereits geschafft, in Europa könnte es noch eine Weile dauern.

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