Der Tagesspiegel : Charme der Bourgeosie

Zeichnungen von Menzel, Turner und Rubens beim Pariser „Salon du dessin“.

A Hard Days Night. Adolph Menzels kolorierte Zeichnung „Im Eisenbahncoupé“ von 1848 soll 350 000 Euro kosten. Foto: Kunsthandel Bellinger
A Hard Days Night. Adolph Menzels kolorierte Zeichnung „Im Eisenbahncoupé“ von 1848 soll 350 000 Euro kosten. Foto: Kunsthandel...

Liebhaber einer traditionellen Vernissage sind beim „Salon du dessin“ goldrichtig. Elegante Damen mit teurem Schmuck und Herren im Dreiteiler mit Einstecktuch bevölkern die Gänge der einstigen Pariser Börse, wo zum 21. Mal die weltweit einzige Messe nur für Zeichnungen abgehalten wird. Nichts von dem längst zur Konvention erstarrten, vermeintlich Unkonventionellen der Messen zeitgenössischer Kunst ist zu spüren. Hier herrscht der diskrete Charme der Bourgeoisie. Doch über alle Förmlichkeiten obsiegen Kennerschaft und Liebe zum Objekt.

An den Wänden der 39 Kojen – 18 von französischen und ausschließlich Pariser Galerien, 21 aus dem Ausland – hängen Preziosen der Zeichenkunst des 17. bis 20. Jahrhunderts dicht an dicht. Zum neunten Mal bildet der große Saal der Börse den klassizistischen Rahmen. Die Kojen machen nicht viel her, die Blätter sprechen für sich. Französische, italienische und deutsche Künstler sind über alle Grenzen hinweg vertreten. Aus Berliner Sicht – wobei sich keine Berliner Galerie unter den fünf deutschen Teilnehmern findet – ist das Mehrfachangebot von Adolph Menzel bemerkenswert. Das Toplos findet sich bei Colnaghi-Bellinger (London/München): die großartige Gouache „Im Eisenbahncoupé (nach einer Nachtfahrt)“ von 1848. Der Preis in Höhe von 350 000 Euro orientiert sich an jüngeren Auktionsergebnissen. So ein schönes Blatt aus Menzels bester Zeit dürfte schwerlich ein weiteres Mal zu finden sein.

Arturo Cuéllar (Zürich) hat das Pastell mit dem Porträt der Caroline Arnold im Angebot, ebenfalls von 1848, und bei Martin Moeller aus Hamburg sind gleich drei Menzel-Zeichnungen zu sehen, darunter ein „Arbeiter in Verona“ in Rückenansicht von Menzels so ertragreicher Italienreise 1882. In derselben Koje spielt Max Beckmanns kleine Federzeichnung eines „Kellners“ von 1944 auf die Sehnsüchte des notorischen Bar-Besuchers in seinem Amsterdamer Exil an.

Unendlich feiner im Strich ist Ingres’ Porträtzeichnung einer noblen Dame von 1822 bei Coatalem (Paris). Die Galerie hat zwei Pendants, jeweils „Imaginäre Landschaft“ bezeichnet, von Pierre-Antoine Patel und dazu ein Blatt von Giandomenico Tiepolo – dem Sohn des berühmteren Gian Battista – in grandioser Untersicht, „Die Magnifizenz der Prinzen von Russland“ aus dem späten 18. Jahrhundert. Älter ist Giuseppe Crespi (1665- 1747) aus Bologna, von dem Artur Ramon aus Barcelona zwei hinreißende Blätter mitgebracht hat, in Feder und Aquarell gezeichnete Collagen mit illusionistischen Zugaben. Ein Schmetterling setzt sich auf die Zeichnungen in der Zeichnung, eine Eidechse schlängelt elegant darüber hinweg. Für 22 000 Euro müsste sie einen privaten Liebhaber finden – oder vielleicht doch das Berliner Kupferstichkabinett, das in seiner aktuellen Ausstellung mit Grafik der Aufklärung auch eine derb-witzige von Crespi zeigt, von der einzelne Motive in den Pariser Blättern wiederkehren? Das 18. Jahrhundert liebte solche Vexierspiele, und ob die Blätter Crespi zuzuordnen sind, bleibt in Kenntnis der Berliner Ausstellung fraglich.

In ähnlicher Preislage rangieren die Blätter bei Les Enluminures aus Paris. Und doch wird man beim Anblick der illuminierten Blätter nicht froh, müssen sie doch einst Blatt für Blatt aus ihren originalen Handschriften herausgelöst worden sein. Was geschah mit den Seiten, die nicht mit dem Haarpinsel ausgemalt und mit Blattgold belegt waren? Der historische Zusammenhang eines ursprünglichen Stundenbuchs ist unwiederbringlich verloren. Am anderen Ende der Zeitschiene angesiedelt sind die Blätter von Louise Bourgeois, die der aus Köln stammende Pariser Galerist Karsten Greve bereithält. Er hat die gesamte Rückwand seiner Koje mit Arbeiten eines einzelnen Künstlers bedeckt, James Castle (1899 bis 1977), den Greve der Art brut zuordnet – ein Autodidakt aus dem Mittleren Westen der USA, der zeitlebens zeichnete und collagierte, was in seinem lokalen Horizont zu sehen war.

Von Rubens bis Degas sind auch die ganz Großen vertreten. Degas’ Rückenzeichnung der „Madame Camus“ fand bereits bei der Vorbesichtigung einen Käufer. Turner ist mit einer Stadtansicht des südfranzösischen Sisteron zu haben. Also sind doch nicht alle Turner-Blätter mit dem riesigen Nachlass in London geblieben! Oder doch, denn auch dieses nur 13 mal 19 Zentimeter messende Blättchen kommt aus London, angeboten von Julian Agnew.

Ein Blatt für Kenner, und die finden sich eher in höheren Altersklassen. Der Altersdurchschnitt der Besucher, den die Messeleitung statistisch erfasst, ist hoch: Zwei Drittel sind über 45 Jahre alt, von der beruflichen Situation her befinden sich 39 Prozent im Ruhestand. Kein Wunder, dass die Hälfte der Kaufwünsche auf alte Kunst zielt. Erstaunlich, dass es nur die Hälfte sein soll? Immerhin hat der Salon seine Besucherzahl in den vergangenen fünf Jahren von 9200 auf 12 500 gesteigert, da ist weiteres Potenzial zu vermuten. Und: Alte Meister altern nicht. Ihre Arbeiten bleiben attraktiv, kaum beeinflusst von Konjunkturen. Und selbst wenn – Grafiksammler erfreuen sich an ihren Blättern, nicht als spekulative Wertanlage, sondern als Ausdruck hoher Meisterschaft auf kleinem Raum. Da muss man schon in Kauf nehmen, beim Salon von Enthusiasten unbeabsichtigt zur Seite gedrängt zu werden, die einen prüfenden Blick auf die Strichführung eines Blattes werfen wollen. So nah wie hier ist grafische Kunst selten zu genießen.

Palais de la Bourse, Paris, bis 2. April. www.salondudessin.com

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