Christa Boré (Geb. 1939) : Ein Herz zu groß für das reale Leben

Wenn sie beschloss, dass Bäume lila waren, dann waren Bäume lila. Der Nachruf auf eine Geschichtenerzählerin.

Friedhof Alter St Matthäus in der Großgörschenstraße 12 in Berlin Schöneberg.
Friedhof Alter St Matthäus in der Großgörschenstraße 12 in Berlin Schöneberg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

So richtig, richtig glücklich war Christa erst in den letzten vier Jahren, hier an diesem Ort, an dem sie endlich ihren Platz gefunden hatte. Hier konnte sie traurig sein, so sehr, dass sie nur noch im Bett lag und sich überhaupt nicht mehr bewegte. Und es war in Ordnung. Hier konnte sie auch euphorisch werden, ihre Energie versprühen, ihr Christa-Lächeln lächeln, ihre Geschichten erzählen, und auch das war in Ordnung. „Unsere Süßkartoffel“ nannten sie Christa und stritten sich darum, wer die Schicht bei ihr bekam.

Christa machte sich ihre Welt, wie es ihr gefiel. Wenn sie beschloss, dass Bäume lila waren, dann waren Bäume lila. Was sollte man da groß mit ihr diskutieren? Wenn sie allen davon berichtete, dass sie mit zwei Babys schwanger sei, mit dem einen im siebten Monat, mit dem anderen im dritten, sagten sie zu ihr: „Herzlichen Glückwunsch, wie viele sind es dann insgesamt?“

330. So viele Kinder hatte Christa, davon war sie überzeugt. Die meisten waren von Helmut Schmidt, ein toller Typ. Nur warum der jetzt die ganze Zeit im Baum vor Christas Zimmer hockte, rüberschaute, aber nicht reinkam, verstand sie nicht. Schmidt war es auch, der ihr die 137 Kleider geschenkt hatte, selbstgenäht, und außerdem die 36 Milliarden Mark für die Heizkosten. Christa erzählte ihre Geschichten, dass es eine Freude war, ihr zuzuhören.

„Ich habe 50 Professorentitel.“

„In was denn so genau?“

„In Psychatrie zum Beispiel.“

Bipolare Störung – eine Scheißkrankheit

Hier, in der Spezialabteilung für psychisch Kranke, der letzten Station ihres Lebens, war das in Ordnung so. Der Weg hierher war lang und hart. Nicht nur für Christa, auch für ihre Familie. Für ihren Mann, der das alles mittrug, der das Leben drumherum organisierte, der einkaufte, kochte, die Kinder zur Schule brachte, ihnen das Pausenbrot bis in den Unterricht brachte, und der vor 14 Jahren starb. Für ihre drei Kinder, ein Junge und zwei Mädchen, die mit einer Mutter aufwuchsen, die sie liebten, die sie liebte, die überhaupt die liebevollste Mutter mit dem größten Herz war.

Doch die eben auch eine Mutter war, die an einer bipolaren Störung litt, an Verfolgungswahn, an Schizophrenie, an Angstzuständen. War sie manisch, lebte sie in ihren komisch-lustigen Geschichten. War sie depressiv, bestand ihre Welt aus einem finsteren, tiefen Loch, auf dessen Boden sie hockte. „Eine Scheißkrankheit“, wie ihre mittlere Tochter sagt. So glaubte Christa fest daran, in Auschwitz gefoltert worden zu sein oder dass ihre Nachbarin sie belauschen und verfolgen würde.

Um Letzteres zu verhindern, drehte sie nachts die Musik auf volle Lautstärke, Roland Kaiser gegen einen imaginären Feind. Wie sollte man da schlafen? Wie sollten die Kinder für Klassenarbeiten und für das Abitur lernen? Sah denn niemand die Zwangslage und auch die Not, in der sie immer wieder steckten?

Ihre Mutter war auch psychisch krank

Christa kam aus einem kleinen Dorf im Rheinland. Ihr Vater war ein viel beschäftigter Pfarrer, Mitglied der bekennenden Kirche und mit Bonhöffer befreundet. Es kam vor, dass es nachts an ihrer Tür klopfte und Menschen davorstanden, die schnell irgendwo und irgendwie versteckt werden mussten. Sie waren untergetaucht, auf der Flucht. Dann passierte es, dass es früh an der Tür donnerte, die Gestapo war da, um das Haus zu durchsuchen. Die schwarzen Ledermäntel waren bei Christa so sehr mit einer Kinder-Ur-Angst verbunden, dass sie noch Jahrzehnte später ihre Tochter darum bat, ihre Lederjacke beim nächsten Besuch doch zu Hause zu lassen.

Christa und ihre sechs Geschwister zogen sich quasi selber auf, sorgten füreinander, standen füreinander ein und passten aufeinander auf. Ihre Mutter war dazu nicht in der Lage, konnte sich um nichts kümmern und keinen Handschlag rühren, manchmal war sie gemein, manchmal nur lethargisch und manchmal im Kopf ziemlich weit weg. Auch sie war psychisch krank.

Nach der Volksschule arbeitete Christa als Gemeindehelferin und lernte dort ihren späteren Mann Gerhart kennen. 20 Jahre älter, ein Genie, ein Bastler, hoch intelligent, aber auch einer, der mit Gefühlen nicht so konnte. Sie besuchte ihn in Berlin, sie gingen in die Oper, und Christa war fest entschlossen: Den schnappt sie sich jetzt. Drei Kinder kamen auf die Welt. Einen älteren Sohn brachte Gerhart mit.

Schaut man in das Fotoalbum dieser Zeit, sieht man eine Mutter, die ihr Mutterlächeln lächelt: Liebevoll, stolz und beschützend. Doch ihre Liebe war nicht nur für ihre Kinder reserviert. Die Tür stand immer offen für all jene, denen es zu Hause nicht gut ging und die einen Platz zum Schlafen brauchten, für eine Nacht, für eine Woche, für einen Monat oder länger. Für offizielle und inoffizielle Pflegekinder. Oder sie lud alle Kinder der Straße auf ein Eis ein. Oder sie sorgte sich um die Armen der Stadt.

Das war die eine Seite von Christa. Setzte sich die andere Seite durch, sprach sie mit Menschen, die nicht da waren, kippte der Nachbarin einen Eimer rote Lackfarbe auf den neuen weißen VW Käfer, trank viel, um den Schmerz zu betäuben, um zur Ruhe zu finden oder kam gar nicht mehr aus dem Bett.

Mit dieser Mutter umzugehen, lernten die Kinder erst spät. Wie auch? Das ist nichts, was einem in der Schule beigebracht wird, weder Selbsthilfegruppen noch eine andere Unterstützung gab es damals. Der Sohn kümmerte sich um die Mutter und den Vater, als der dement wurde. Die jüngere Tochter sang der Mama immer das Lied „Komm bau ein Haus“ vor, um sie zu beruhigen. Die mittlere musste lernen, der Mama und ihren Geschichten nicht zu widersprechen, sondern sie anzunehmen. Als Christa starb, hielt sie ihre Hand.

In der Traueranzeige steht„Wir wollten dich und dein liebevolles Herz – zu groß für das reale Leben – noch so gerne behalten.“

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