Craft-Bier aus Brandenburg : Ein Kessel Blondes

Die Mark knüpft an alte Traditionen an. Bier-Rebellen und kleine Brauereien südlich von Berlin erobern die Szene. Auf der Brandenburger Bierstraße lohnt sich mancher Schluck.

Würzig. Wenn Braumeister Uwe Zech von der Spreewälder Privatbrauerei 1788 in Schlepzig den Sud kocht, erfüllt der Hopfenduft auch den Gastraum im Brauhaus.
Würzig. Wenn Braumeister Uwe Zech von der Spreewälder Privatbrauerei 1788 in Schlepzig den Sud kocht, erfüllt der Hopfenduft auch...Foto: Ingolf Patz

Laut beklagt die Bierwirtschaft den nachlassenden Durst der Deutschen. Doch sicher trägt sie selbst mit immer ähnlicher schmeckenden, regional nicht mehr verwurzelten Produkten zu weniger Lust auf Pils und Weizen bei. Doch während die Marktgiganten ins halb leere Glas stöhnen, entwickelt sich eine lebendige Szene von Kleinbrauereien – nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg, wo vielerorts Traditionen neu aufleben und sich Bier wieder zu einem wichtigen Anreiz für den Tourismus entwickelt. Mit der Aussicht, bei einem Frischgezapften das Land zu erkunden, entstand zum 500. Jubiläum des Deutschen Reinheitsgebotes 2016 die Idee einer „Brandenburger Bierstraße“. Sie verbindet aktuell 17 Klein- und Gasthausbrauereien und will zeigen, welchen Anteil Bier an der Stärkung regionaler Infrastrukturen haben kann.

Es ist unmöglich, diese Brandenburger Bierstraße an einem Tag abzufahren, zumal man Trinken und Fah­ren ohnehin auf Distanz zueinander halten sollte. Die vereinten Brauer empfehlen drei Touren: die weiträumige Nordtour bis nach Lychen und Wittenberge, die zentrale Tour zwischen Potsdam und Brandenburg (Havel) und die Südtour durch die Niederlausitz und den Spreewald. Auf dem Weg südwärts, von Berlin aus leicht per Auto oder auch Bahn zu erreichen, liegt Fürstenwalde, über dessen Attraktionen ein alter Reiseführer zusammenfassend notierte: „Dom und gutes Bier“. So soll es auch wieder sein. Der am Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigte Dom lässt in seinem Kirchenschiff die Vergangenheit Revue passieren, die hier stets eng mit dem Bier verknüpft war.

104 Brauhäuser produzierten einst in Fürstenwalde

Im Gewölbekeller des Alten Rathauses erzählt das Brauereimuseum nicht nur von der Herstellung des ehemaligen Grundnahrungsmittels, hier wird die mitunter überschäumende Stadtgeschichte sinnlich nachvollziehbar. Mit einstmals 104 Brauhäusern innerhalb der Stadtmauern war Fürstenwalde nach Bernau der zweitgrößte Brauort in Brandenburg. Überall gärte es in der Stadt, in der Lohnbrauer von Tür zu Tür gingen und das Krugverlagsrecht genau regelte, wo welches Bräu ausgeschenkt werden durfte. Es ging um Einfluss, Gewinne und Steuereinnahmen, denn ums Bier konnte, auch nüchtern betrachtet, leicht Streit entstehen. Dem Krüger Kersten brachte es gar den Tod.

Der Gastwirt aus Steinhöfel hätte nach geltendem Krugverlagsrecht Bier aus Müncheberg ausschenken müssen. Doch das wollte Kersten partout nicht, vielleicht, weil ihm der Transportweg zu weit war, vielleicht, weil seinen Gästen das viel gepriesene Bier aus Fürstenwalde besser schmeckte. Kersten verdrosch eine Delegation, die ihn zur Räson bringen wollte. Darauf entführten die Müncheberger im Jahre 1516 den Wirt und seinen Sohn, knüpften Krüger Kersten am Galgen auf und warfen den Sohn ins Gefängnis.

Im Brauereimuseum ist Krüger Kersten springlebendig und führt per Video in die Fürstenwalder Geschichte des Brauens ein. Die Rathausbrauerei hat dem Bier-Rebellen ein flüssiges Denkmal gesetzt, mit einem Bräu, das seinen Namen trägt. Es ist herber als die anderen Sorten und in Geschmack und Farbe von rauchigem Röstmalz geprägt. Fürstenwaldes Bier- und Stadtkultur veränderte sich mit dem Ende des Krugverlagsrechts 1810 deutlich. Durch Zusammenschlüsse bildeten sich größere Familienbrauereien, was Produktionshallen und kleine Villen in die Stadt brachte, die teilweise noch heute zu entdecken sind.

"In der Region wird nicht allzu stark gehopft"

Diese stolze Phase endete 1936, als mit der Privatbrauerei Ludwig Mord das letzte Familienunternehmen schloss. Großbrauereien aus Berlin wie Tivoli, Patzenhofer und Schultheiss hatten sich längst über das Brauerbe hergemacht. Mords Nachfahren betreiben einen Getränkehandel in der Stadt. Dafür, dass heute wieder Bier in Fürstenwalde gebraut wird, sorgt Oliver Wittkopf. Und er kennt den Geschmack seiner Kunden genau: „In der Region wird nicht zu herb getrunken, eher mild, nicht allzu stark gehopft.“ Folglich nimmt das süffige Pils den meisten Raum in seinen Lagertanks ein.

Eine Spezialität mit regionalem Bezug ist das Roggenbier, das auf Anregung von Ferdinand von Lochow gebraut wird. Sein Urgroßvater hatte in Baruth große Erfolge als Getreidezüchter erlangt und wurde „der Roggenkönig“ genannt. Die Nachfahren betreiben ein Skater-Hotel samt Restaurant, wo Roggenspätzle aus dem betriebseigenen Korn serviert werden – und das Roggenbier aus Fürstenwalde. Der zart nussige, leicht sämige Trunk findet auch Freunde unter Nichtbiertrinkern. Wittkopf weiß von einer begeisterten Damengruppe aus Berlin zu berichten. Mitnehmen kann man das Fürstenwalder Bier in Liter-Bügelflaschen für acht Euro, Nachfüllen kostet drei Euro. Frischbier hält sich mindestens vier Wochen.

Dass sich Fürstenwalde dieses Jahr im Mittelpunkt der Bierstraße wiederfindet, hat zwei Gründe: Am 31. August und 1. September steigt das Brandenburger Brauereitreffen auf dem Marktplatz, 20 Kleinbetriebe schenken dort ihre Biere aus.

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