Der Tagesspiegel : Der Himmel als Tollhaus

Wie die Kamera Räume erschafft: Eine Begegnung mit Candida Höfer, die in London neue Fotografien zeigt.

Illusionsmalerei. Candida Höfers „Museo Civico Di Palazzo Te Mantova IV“ von 2010.Foto: Höfer / Ben Brown, VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Illusionsmalerei. Candida Höfers „Museo Civico Di Palazzo Te Mantova IV“ von 2010.Foto: Höfer / Ben Brown, VG Bild-Kunst, Bonn...

Die berühmte Fotografin Candida Höfer zeigt in der Londoner Galerie Ben Brown Fine Arts neue Arbeiten aus der Serie „A Return to Italy“. Zu sehen sind theatrale Prunkräume, die die Künstlerin in den Aufnahmen noch etwas artifizieller aussehen lässt. Unser Autor hat sich mit der Candida Höfer, die sonst selten Interviews gibt und lieber hinter ihrer Arbeit verschwindet, in London getroffen.

Die Fotografin sitzt, künstlerschwarz gekleidet, im Büro des Londoner Galeristen Ben Brown, die Hände zwischen die Knie geklemmt. Mit 70 Jahren ist sie immer noch scheu. „Stellen Sie ihr nicht zu viel technische Fragen“, riet mir ein Mitarbeiter der Galerie. Bei Ben Brown Fine Arts hängen siebzehn neue Höfer-Fotos von Prunkräumen in Italien, das Teatro La Fenice in Venedig, das allerliebste Teatro Scientifico Bibbiena und der Palazzo Ducale in Mantua, das Teatro Olimpico in Vicenza. Räume aus alter Zeit, die auf diesen Fotos stolz in ihrem eigenen Licht erstrahlen, menschenleer, mit sich allein, als hätte die Fotografin gerade das Licht angeknipst und sie beim Nachtschlaf überrascht.

Im Büro hängt ein älteres Bild, der menschenleere Louvre, ihre bekannteste Fotoserie – schon weil alle den Louvre nur als überfülltes Museum kennen. Ein riesiges Querformat mit starken Perspektiven, die den Betrachter förmlich ins Bild hineinziehen. Befindet man sich als Betrachter eines solchen Fotos vor oder in dem Bild? „Bei dem Bild hier würde ich sagen, dass man es betreten kann“, sagt Candida Höfer. „Es hat auch damit zu tun, in welcher Höhe das Bild hängt. Wenn es etwas tiefer hängen würde, wäre der Effekt noch stärker“.

Liegt darin vielleicht auch ein utopisches Element ihrer Kunst? In der Klarheit und bewegungslosen Ruhe ihrer Fotos, in denen man sich verlieren kann – wenn sie tief genug hängen. An die Musentempel, die Höfer seit über zehn Jahren fotografiert, mit immer größeren Negativen und immer mehr Details. Paläste, Theater, Bibliotheken; Räume, deren prunkvolle Architektur sich dem menschlichen Drang nach der Neuschaffung der Welt verdankt, dem Sehnen nach konzentrierter Emotion, nach Ausgrenzung des Zufälligen, nach Weihe und Schönheit. Wie Höfer diese Räume in ihren Bildern aus der Zufälligkeit ihrer Geschichte und Nutzung zu sich selber zurückholt, durch Zauberei oder die Wunder der Kamera!

Utopisch? „Nö, würde ich nicht sagen“, sagt Frau Höfer und rückt ungeduldig im Stuhl. Sie will sich nichts einreden lassen. „Natürlich, mein Traum ist eine künstlich geschaffene Situation. Das kann man mit einer Kunstwelt vergleichen. Ich mache ja keine realen Aufnahmen. Ich will Dinge in dem Raum herausbringen, Licht, Farbe, bestimmte Strukturen“.

An die Fotos aus dem Louvre erinnert sie sich gern. Wie sie früh aufstand, um vor den Menschen im Museum zu sein, und selbst erstaunt war über die leeren Räume. Dann war sie noch einmal erstaunt, als ihre menschenlosen Bilder in einem Louvre voller Menschen ausgestellt wurden. Sie sind aus ihren Fotos verschwunden, weil sie als Fotografin „ein merkwürdiges Gefühl dabei hatte, Menschen für meine Arbeit zu nutzen“. Dann, weil sie sich immer mehr auf die Innenräume konzentrierte und ihr dabei auffiel, „dass der Raum sichtbarer wird, wenn sich keine Menschen darin befinden“.

Schnappschüsse werden auf ihren Fotoexpeditionen jedenfalls nicht gemacht. Nur mit Erfindungsgeist und Planung dringt man in menschenleere Räume vor. „Die Orte wähle ich von zu Hause aus. Diesmal bat ich eine Galeristin aus Bologna, ein paar Fotos zu machen. Mit diesem Material habe ich dann die Auswahl getroffen.“ Vor allem das Teatro Olimpico in Vicenza, Andrea Palladios letztes Werk, hat es ihr angetan. Theater fotografiert Höfer meist von der Bühne ins Auditorium, nimmt von der ersten Stuhlreihe im Parkett bis zum Deckenfresko alles ins Visier, die Logen und Ränge, auch die Risse im Stuck und die Schilder für die Notbeleuchtung. Hier fotografierte sie aus dem Auditorium Palladios berühmtes Renaissance-Bühnenbild aus Holz und Stuck, mit seinen Trompe-l’oeil-Perspektiven und dem blauen, italienischen Kunsthimmel: Hier ist erst recht nicht zu entscheiden, wo die Wirklichkeit endet und die Kunstwelt beginnt.

Existiert, was man auf diesen Fotos sieht, vielleicht nur auf den Fotos? Wird etwas sichtbar, was ohne das privilegierte Auge von Höfers Kamera unsichtbar wäre oder vielleicht gar nicht existierte, eine Welt aus italienischen Barockfassaden, aus Licht und Schatten, in der Zeit gefroren? Höfer lacht. „Na ja, wenn die Kamera einmal eingerichtet ist und auf dem Stativ steht, muss ich warten, bis die Belichtungszeit beendet ist“. Sie fügt hinzu: „Ich muss mich während ich die Kamera einrichte, darauf konzentrieren, wie ich das Bild haben möchte. Aber es stimmt, ich bin natürlich sehr privilegiert, dass ich an bestimmten Plätzen fotografieren kann, ob nun im Louvre oder das Teatro Olimpico.“

Sie schaut genau hin, plant geduldig, stellt das Stativ ein und wartet die Belichtungszeit ab. Das war schon so, als sie an der Düsseldorfer Akademie in der Filmklasse studierte, weil Fotografie nicht gelehrt wurde, und trotzdem nie Filme, nur Diaprojektionen machte. Bernd Becher, eben als Professor einer neuen Fotoklasse berufen, sah ihre Projektionsarbeit „Türken in Deutschland“ und lud sie in die Klasse ein, die dann das Geburtslabor der Kunstfotografie werden sollte. „Sie wissen ja, wer damals in der Klasse war, Axel Hütte, Thomas Struth, Volker Döhne, Petra Wunderlich, später kamen Thomas Ruff und Andreas Gursky dazu“, zählt Höfer stolz auf. „Wir arbeiteten ziemlich selbstständig, halfen uns gegenseitig, und das Gute war, dass Bernd Becher und seine Frau Hilla nicht nur über Fotografie sprachen, sondern auch über andere künstlerische Entwicklungen.“

Aber was war das, was die Bechers wussten, um aus dieser Klasse die wichtigsten Kunstfotografen Europas hervorgehen zu lassen? „Ich glaube, das ist unbewusst passiert – wenn meine Erinnerung nicht trügt, wussten wir alle, was wir wollten. Durch die Gespräche mit den Bechers wurde das getestet und gefestigt. Die Zeit auf der Kunstakademie war für mich die wichtigste Zeit, aber ich dachte nie darüber nach, dass ich eines Tages Künstlerin wäre, meine Bilder in einer Galerie gezeigt werden und ich hier mit Ihnen sitze und ein Interview mache.“

Ben Brown Fine Arts London, bis 12.4.

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