Die Architekturfotografin Sigrid Neubert : Der kubische Blick

Ihre Retrospektive in Ingolstadt hat die große Architekturfotografin Sigrid Neubert noch mitgestaltet. Nicht nur ihr Bild vom Theater der Stadt gibt zu denken.

Das Ingolstädter Stadttheater, zur Eröffnung 1966 von Sigrid Neubert fotografiert, wird heute sträflich vernachlässigt .
Das Ingolstädter Stadttheater, zur Eröffnung 1966 von Sigrid Neubert fotografiert, wird heute sträflich vernachlässigt .Foto: SMB, Kunstbibliothek, Sigrid Neubert

Die Avantgarde braucht keine Metropole, das beweisen unter anderem die kühnen Fotografien von Sigrid Neubert. Ihre Aufnahmen zeigen Bungalows inmitten ländlicher Natur – und Kulturhäuser im rauen Stil brutalistischer Architektur, die sich ein Ort wie Ingolstadt einst leistete.

Was aber, wenn man sich dort nicht mehr mit den visionären Ideen der sechziger Jahre identifiziert? Dann verkommt das Gebäude und liefert seinen Gegnern erst recht Argumente dafür, sich der vermeintlichen Betonsünden zu entledigen. Sigrid Neubert, die große Chronistin verschwindender Architektur, wurde in Berlin 2018 mit einer umfassenden Ausstellung im Museum der Fotografie geehrt. Kurz danach erschien der Katalog: Beides spät für eine Künstlerin, die sich zwar in einer Männerdomäne behaupten konnte, deren ästhetische Autonomie jedoch lange unterschätzt wurde.

Die Eröffnung im privaten Ingolstädter Lechner-Museum und in Alf Lechners Skulpturenpark im Altmühltal hat die 1927 Geborene nicht mehr erlebt, sie starb vergangenen Oktober. An den Vorbereitungen ihrer bislang größten Schau in Bayern aber war Neubert noch beteiligt, und so ist „Sigrid Neubert, Fotografien. Architektur und Natur“ zum Vermächtnis der eigensinnigen Fotografin geworden, die Sujets am liebsten in Schwarzweiß festhielt und ihr Wesen(tliches) erforschte.

Im Museum wie im Papierhaus des Skulpturenparks hängen viele der aus Berlin vertrauten Motive, nun allerdings in anderem Kontext. In Ingolstadt kombiniert man die Sonderausstellung mit einem stählernen Labyrinth des Künstlers, der hier immer mit seinen Arbeiten vertreten ist. Noch intensiver gerät der Dialog jedoch im Altmühltal vor der imposanten Kulisse eines ausgehöhlten Steinbruchs: Man passiert Lechners konstruktive Stahlskulpturen auf dem Weg zum Papierhaus, dessen Ausstellung einem Neuberts magische Ansichten des Nymphenburger Schlossparks, vor allem aber die megalithischen Tempel auf Malta, vor Augen führt. Ähnlich archaisch, ähnlich monumental.

Neuberts Bilder setzen Architektur kontrastreich in Szene

Der 2017 verstorbene Bildhauer entstammt derselben Generation wie die Fotografin, beide kannten sich aus dem Münchner Künstlermilieu. Ihre Gemeinsamkeit artikuliert sich nicht zuletzt in der Herausarbeitung des Elementaren: Lechners monumentale Objekte beeindrucken durch ihre silbrig schimmernden oder rostenden Oberflächen. Neuberts Bilder widmen sich den Strukturen der Bauten, die sie kontrastreich in Szene zu setzen vermag. Dem 1966 eröffneten Stadttheater in Ingolstadt verleiht sie in ihren Aufnahmen eine lebendige Haut. Trutzig steht es auf einer erhöhten Plattform, und man sieht sofort, dass seine Architekten Hardt-Walther Hämer und Marie Brigitte Hämer-Buro mit ihrem Haus in der Umgebung alter Stadtmauern auf historische Festungsarchitektur anspielen. Dennoch biedert sich das Theater nicht an, sondern bildet seinen eigenen, für sich autonomen Raum, in den großzügige Glasflächen locken.

Das singuläre kubistische Stadttheater von Ingolstadt wurde stark vernachlässigt

All das arbeitet die Fotografin heraus, bei ihr verfügt die kubische Architektur über skulpturale Qualität, die im Wechsel von Licht und Schatten aufscheinen. Wer sich nun aber auf den Weg macht, um das Ingolstädter Gebäude live zu sehen, wird böse enttäuscht. Die Trutzburg wurde vernachlässigt, sie wirkt heruntergekommen – obwohl sie schon 1967 mit einem wichtigen Preis ausgezeichnet und später in die Liste der städtischen Baudenkmäler aufgenommen wurde. Dennoch ist sie ungeliebt: Statt ihre kompromisslose Singularität zu betonen, tut man aktuell alles mögliche, um die Fassaden mit Plakaten zuzudecken.

Auch das Restaurant im lauten Stil der achtziger Jahre haut wie eine Faust in den strengen Stil einer Architektur, die gerade von der Subtilität ihrer Details lebt. Sie geraten aus dem Blick, die Form verliert sich, übrig bleibt eine versehrte Ikone. Dass 2016 die Sanierung des Theaters beschlossen wurde, sieht man nicht. Es hilft auch wenig, wenn es keine Identifizierung mit dem Erbe des Brutalismus gibt.

Sigrid Neubert könnte helfen. Ihre Bilder machen die Schönheit sichtbar, die das Haus im Blick der Fotografin entwickelt hat. Es kann kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet in Ingolstadt hängen und den Unterschied zwischen Abbild und Realität schmerzlich freilegen. Wie ein Mahnmal für das zu Unrecht verschmähte Theater, weil es sich nicht umstandslos ins Stadtbild pressen lässt. Es reibt sich, lehnt Konformität ab und will visuell erschlossen werden. Das ist ebenso eine Eigenschaft von Lechners Werk – und deshalb nur konsequent, dass vor der nächsten großen Schau mit Herrmann Nitsch noch einmal auf Neuberts großartiges Lebenswerk verwiesen wird.

Alf Lechner Museum, Esplanade 9, Ingolstadt; bis 10.2., Do-So 10-17 Uhr. Der Skulpturenpark in Obereichstätt ist nur im Rahmen einer Führung zugänglich.

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