Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat eine Studie zur Diskriminierung am Arbeitsplatz vorgestellt. Wie ist die Situation in Deutschland? : Der große Unterschied

Von Dagmar Dehmer

Dagmar Dehmer

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern in Europa, in denen die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern in den Jahren von 1999 bis 2004 nicht kleiner, sondern größer geworden sind. 2004 war es eine Differenzvon 22 Prozent: Männer verdienten also rund ein Viertel mehr pro Stunde als Frauen. Damit landet Deutschland in Europa beim Vergleich der Entlohnung auf dem viertletzten Platz. Dass Frauen häufiger Teilzeitbeschäftigungen nachgehen, spielt bei dieser Betrachtung keine Rolle. Ins Gewicht fällt aber, dass Frauenberufe fast immer schlechter bezahlt werden als Männerberufe. Ein Maurer verdient im Durchschnitt mehr als eine Friseurin.

Am Donnerstag legte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) einen Bericht über die „Gleicheit bei der Arbeit“ vor. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Frauen werden nur dann eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt haben können, wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert wird. Martin Oelz, Experte der ILO für Gleichberechtigungsfragen, sagte in Berlin, es gehe dabei nicht nur um fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen. „Es geht darum, wie die Arbeit organisiert wird, und ob Unternehmen auch darauf achten, ob auch Männer ihre Familienpflichten wahrnehmen können.“ Als Stichworte für Hindernisse auf diesem Weg nannte Oelz lange Arbeitszeiten, Überstunden, überlange Arbeitszeiten in Führungspositionen, die Frauen oft abschrecken, diese überhaupt anzustreben. „Es geht darum, die Normalarbeitszeiten familienfreundlich zu machen. Denn niemand will seine Kinder 16 Stunden am Tag fremdbetreuen lassen – abgesehen davon, dass es solche Einrichtungen auch gar nicht gibt“, sagte er. Oelz hält es für besonders wichtig, „dass Manager Vorbilder werden“.

Damit mehr Lohngleichheit erreicht werden kann, arbeitet die ILO an Leitfäden zur Bewertung von Arbeit. In der Schweiz kommen solche Bewertungsleitfäden bereits zum Einsatz. Dort müssen Unternehmen, die sich um Staatsaufträge bemühen, eine „Lohnkartierung“ vornehmen, also herausfinden, wie das Lohnniveau der Männer und der Frauen in der Firma ist. Nur wenn sie sich verpflichten, dem Ungleichgewicht entgegenzutreten, bekommen sie die Aufträge. Ähnlich gehen auch die USA vor, die mit diesem Instrument die längste Erfahrung haben. Oelz wünscht sich auch, dass die Tarifparteien nicht nur über höhere Löhne verhandeln, sondern auch über Bedingungen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern können. In Deutschland ist das seit einigen Jahren etwas aus der Mode gekommen.

Die ILO fordert Deutschland auf, das Übereinkommen 156 über Arbeitnehmer mit Familienpflichten zu ratifizieren. Darin verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, darauf hinzuwirken, dass Arbeitnehmer mit Familie durch ihre zusätzlichen Pflichten keiner Diskriminierung ausgesetzt sind. 1985 hatte die damalige Bundesregierung eine Ratifizierung mit der Begründung abgelehnt, dass sonst eine Anpassung des Kündigungsschutzrechts nötig sei. Bisher sind dem Abkommen 38 Länder beigetreten, darunter 19 europäische Staaten.

Die ILO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die 1919 gegründet wurde. Schwerpunkte der Arbeit sind die „Formulierung und Durchsetzung internationaler Arbeits- und Sozialnormen, die soziale und faire Gestaltung der Globalisierung sowie die Schaffung von menschenwürdiger Arbeit“.