Der Tagesspiegel : Die neue Liebe zum Papier

In Berlin erscheint das edle Magazin „Upon Paper“ – dazu eröffnet ein Projektraum.

Die Welle reiten. 1961 schoss John Severson sein Foto „Sunset Beach Drop“, das im ersten Themenheft „L.A.“ auftaucht.Foto: © John Severson,courtesy Surferart.com
Die Welle reiten. 1961 schoss John Severson sein Foto „Sunset Beach Drop“, das im ersten Themenheft „L.A.“ auftaucht.Foto: © John...

Man kann es nicht zusammenrollen und unter den Arm klemmen, man kann es kaum im Café lesen und schon gar nicht in der Bahn. „Upon Paper ist kein Magazin“, sagt Holger Homann, Chefredakteur der neuen Publikation, die ab sofort zweimal pro Jahr im Hatje Cantz Verlag erscheint. Und dann rutscht ihm das Wort Magazine doch immer wieder heraus, schlicht weil es kein treffenderes gibt. „Upon Paper“, das sich in der ersten Ausgabe mit dem Thema L.A. beschäftigt, enthält Fotos von aufstrebenden Künstlern wie Tobias Zielony oder Mirko Martin, Reproduktionen von Westküsten-Stars wie Jack Pierson oder der Surfer-Legende John Severson, Zeichnungen von Peter Emch oder Ralf Ziervogel, dazu Interviews, Gespräche und persönliche Geschichten von Sophia Coppola bis Doug Aitken. Das Heft umfasst 80 Seiten und steckt in einer bedruckten Pappbox (49,80 Euro). Es ist riesig, eine aufgeklappte Doppelseite bedeckt locker eine große Tischplatte, eigentlich kann man die Seiten nur im Stehen umblättern und am liebsten würde man Handschuhe tragen, um den hochwertigen Druck nicht zu ruinieren. Im Grunde ist es eine maßlose Übertreibung, ein Zeitschriften-Exzess, völlig unpraktisch.

In dem Moment, in dem der Abgesang auf die Printmedien am lautesten ist, scheint sich im Kunstbetrieb eine neue Lust auf Papier breitzumachen. Wird bedrucktes Papier so etwas wie die Vinylplatte des Kunstliebhabers? Ein Anachronismus, den man leidenschaftlich pflegt, obwohl man iPod und iPad in der Tasche hat? „Papier erzwingt eine Langsamkeit, die es in den digitalen Medien nicht gibt“, sagt Homann, der selbst Fotograf ist und bis 2008 Chefredakteur beim Lifestyle-Magazin Qvest war, wo er mit seinem Premium-Anspruch ans Gedruckte irgendwann an die Grenzen des Machbaren stieß. In „Upon Paper“, das von dem Papierhersteller Hahnemühle FineArt finanziert wird, hält sich Homann mit seinem Team aus Kreativen und Autoren an keine Grenzen. Architektur-Fotografien der Berliner Künstlerin Veronika Kellndorfer – etwa vom Lovell Beach House in L.A. – sind großzügig und in bestechender Qualität auf mehreren Seiten abgedruckt, dazu ein Gespräch der Künstlerin mit dem kalifornischen Architekten Mark Lee. „Ich bin gespannt, ob sich durch das Format der Zeitung noch mal andere Facetten einer künstlerischen Idee transportieren lassen als in der Galerie oder im Künstlerbuch“, sagt Kellndorfer. Auch Ralf Ziervogel oder Rinus van de Velde haben für „Upon Paper“ neue Zeichnungen kreiert, die in Originalgröße reproduziert sind. Für sie ist wohl die Mischung aus künstlerischer Kreation und Kooperation interessant. Parallel zur regulären Auflage verlegt Hatje Cantz eine Edition mit einem Fotoprint des Filmemachers Wim Wenders (980 Euro, 100 Stück plus 10 A.P.) „Upon Paper“ wirkt wie eine Mischung aus Zeitschrift, Künstlerbuch und Edition.

Vieles muss im digitalen Zeitalter nicht mehr auf Papier gedruckt werden, das Internet ist schneller, einfacher, günstiger, auch Künstler-Portfolios kann man im Internet herrlich abbilden und verkaufen, ohne dass ein Sammler sie vorher im Original sehen muss. Doch die Gegenstandslosigkeit des Internets befördert offensichtlich die Sehnsucht nach dem haptischen Erlebnis. Sammler wie Christian Boros – er ist mit einem Interview in Homanns Heft vertreten – scheinen das ähnlich zu erleben. Boros gründete vor einiger Zeit den Distanz Verlag. Die Kunstbücher und Kataloge, die er herausgibt, variieren in Drucktechniken und Papiersorten.

Auch mehrere Kunstinstitutionen entschieden sich in letzter Zeit dafür, das alte Medium Zeitung zu nutzen. Die Berlin Biennale veröffentlichte Statements von Kulturschaffenden zur Berliner Kulturpolitik in einer Zeitung, das Fotohaus C/O Berlin druckt eine Zeitung mit Abbildungen, für die im Ausstellungsbetrieb der Raum fehlt. Sogar die Transmediale, das wichtigste europäische Multimediafestival, lancierte im Januar eine Zeitung, in der die Diskussionen und Blogbeiträge von Experten zum diesjährigen Festivalthema „in/compatible“ abgedruckt waren. Das Blatt wurde vom Londoner Newspaperclub gedruckt, einer mehrfach ausgezeichneten Online-Plattform und spezialisiert, Inhalte von Online-Nutzern in Kleinstauflagen zu drucken.

Parallel zum Launch des Magazins eröffnet „Upon Paper“ einen Ausstellungsraum in Berlin. Auch dafür hat Homann keine adäquate Bezeichnung, er nennt ihn Space. In dem nicht-kommerziellen Ausstellungsraum sollen die Kunstwerke von Kellndorfer, Ziervogel, Mizer oder Wenders noch einmal anders – eben in Realität – inszeniert werden und künftig auch weitere Werke und Fundstücke aus den Bereichen bildende Kunst, Fotografie, Design und Architektur, die Homann als Kurator auswählt; darüber hinaus soll es Lesungen und Diskussionen geben.

Die Kultur des Multimedialen, das Netzwerken und das Vermögen mit der Gleichzeitigkeit von Dingen umzugehen, ist eigentlich eine Errungenschaft aus der digitalen Welt. Dass Künstler, Sammler und Ausstellungsmacher sich nun für das alte Medium Zeitung als Bildträger und Wissenskanal interessieren, ist hoffentlich weniger Nostalgie als eine Suche nach alternativen, parallelen Möglichkeiten, künstlerische Ideen zu kommunizieren und zu teilen.

Upon Paper Space, Max-Beer-Str. 25, ab 31.3., www.uponpaper.com, Erscheinungsdatum der ersten Ausgabe „Upon Paper“ und „Collector's Edition“: 2.4.