Der Tagesspiegel : Ein Wolf in der Stadt

Obsessiv, intensiv: Die Galerie Tammen vergleicht das Werk zweier Berliner Künstlerinnen.

Die Unterschiede sind offenbar – hier die mit Paraffin getränkten, nahezu erstarrten Leinwände von Heike Jeschonnek. Dort die kleinteiligen, beweglichen Zeichnungen und comicartigen Installationen von Marion Eichmann. Dass Galerist Werner Tammen sie in einer gemeinsamen Ausstellung zusammenhängt, kann man dennoch verstehen: Beider Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie spielerische Paraphrasen eines schnellen, poetischen und manchmal ins Unheimliche gleitenden Alltags. Und sie vermitteln etwas Obsessives; dies aber auf den zweiten Blick.

Intensiv wirken Jeschonneks gefärbte, geritzte und in unzähligen Schichten mit dunstiger Tiefenperspektive versehene Sujets allein schon, weil das Auge sich auf verschiedenen Ebenen bewegt. Das gilt auch für ihre Themen. Die Künstlerin, Jahrgang 1964 und an der Berliner Universität der Künste ausgebildet, kombiniert urbane Landschaften oder Innenräume mit Figuren, die sich jeder stringenten Erzählung widersetzen. Weibliche Bogenschützen, Wölfe oder Joseph Beuys tauchen auf und widmen sich rätselhaften Tätigkeiten. Ein „Fabulieren auf Tatsachenbasis“ nennt Christoph Tannert es treffend im begleitenden Katalog.

Eichmanns Ansichten von New York, die jeden Fassadenstein so säuberlich wie kapriziös mit Fineliner wiedergeben und dabei nicht einmal offensive Werbeplakate aussparen, wirken dagegen wie ein später Gruß der Warhol’schen Pop-Art. Die Zeit und Beharrlichkeit, mit der die 1974 Geborene, ehemalige Meisterschülerin an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, sich das Gesehene aneignet, braucht wiederum Zeit zur Entfaltung. Dennoch wünscht man sich ein wenig von jenem kreativ Unperfekten zurück, das die früheren Arbeiten der Künstlerin auszeichnet. In den Skizzen, wie sie etwa in Istanbul entstanden sind, schimmert dieses virtuose Tasten noch durch. Sie sind allerdings nicht Teil der Ausstellung – die preislich einen Bogen von 650 Euro für kleine Arbeiten Jeschonneks bis 15 000 für Eichmanns großes Ensemble spannt –, sondern im ebenfalls frischen Katalog zu sehen. Christiane Meixner

Galerie Tammen & Partner, Hedemannstr. 14; bis 12. 10., Di–Sa 12–18 Uhr

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