Der Tagesspiegel : Fleckware

Secundino Hernández zu Gast im Salon Dahlmann.

Thomas Groetz
Kalkuliertes Chaos. Hernández’ Gemälde „Ohne Titel“ von 2013. Foto: Peñas / Hernández
Kalkuliertes Chaos. Hernández’ Gemälde „Ohne Titel“ von 2013. Foto: Peñas / Hernández

Sieben Bilder von Secundino Hernández haben die Galerien Bärbel Grässlin und Heinrich Ehrhardt in den Salon Dahlmann gebracht. Die unterschiedlichen Formate verblüffen vielleicht nicht auf den ersten Blick. Schließlich arbeiten sich Künstler seit mehr als einem halben Jahrhundert an einer Bildsprache ab, deren Klassifizierung als abstrakt an sich noch nicht viel aussagt. Hernandez’ Malereien erscheinen als präzise explodierende Linien und Schraffuren auf milchigen Flächen oder sind bunte, an Flickenteppiche erinnernde Entäußerungen auf ungrundierten Leinwänden. Flecken, Kleckse, hingestotterte Farbspritzer und Brocken purzeln umher. Sieht man genauer hin, so erweisen sich diese Partikel und Flächen allerdings als exakt gesetzte Gesten, die erstaunlich vielgestaltig von zart gehaucht bis klumpig changieren.

In Madrid erregte der dort 1975 geborene, zumeist in Berlin lebende Hernández vor kurzem Aufsehen mit einer Bildserie in der Galerie Erhardt, die sich auf einen Zyklus des Malers El Greco bezieht. Dieser hat die zwölf Apostel zum Thema. Auch Velázques und Picasso, zwei weitere Giganten der (nicht nur spanischen) Malereigeschichte, schienen in den Motiven auf. Trotz dieser Verweise ist der Anknüpfungspunkt von Hernandez’ Malerei zunächst mal ein gegenwärtiger: die entfesselte, sich unmittelbar Bahn brechende Energie eines Jackson Pollock steht vielleicht am Anfang, Cy Twomblys ungelenke Gesten und Kritzeleien aus dem Nachkriegs-Nichts schwingen mit. Dann und vor allem muss man die kalkulierten Bild-Anschläge der wilden 80er-Jahre-Maler Martin Kippenberger und Albert Oehlen ins Spiel bringen. Insbesondere Oehlens Konzept einer sogenannten postungegenständlichen Malerei, die er in den letzten zehn Jahren vor allem auf neutralen, weißen Bildhintergründen präsentierte. Das ebenso geschmackvolle wie kalkulierte Besudeln schön-leuchtender Flächen und Farbübergänge mit eingedickten Soßen. Das plastisch wirkende Stocken der Farben, die sich bei Hernández auch reliefartig auf der Bildfläche türmen können. Und das punktuelle Akkumulieren von exkrementartigem Braungrau, welches das gelegentlich noch erahnbare figurative Überbleibsel und vor allem das Schöne auszubremsen versucht: Beauty is a rare thing!

Wen wundert es noch, dass die seit Jahrzehnten mit Oehlen und Kippenberger eng verbundene Frankfurter Galerie Grässlin unlängst Secundino Hernández unter ihre Fittiche genommen hat. Schließlich verkörpert er die erfrischende oder zeitgemäße Weiterführung eines virtuosen bad painting. Thomas Groetz

Salon Dahlmann, Marburger Str. 3; 18., 19., 25. & 26.5., jeweils 12–18 Uhr

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