Liebe, Liebe über alles

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100 Jahre Tschechoslowakei : Wie Tómaš Garrigue Masaryk zum Präsidenten wurde
Mit der First Lady. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk und Ehefrau Charlotte Garrigue 1920 in Prag.
Mit der First Lady. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk und Ehefrau Charlotte Garrigue 1920 in Prag.Foto: imago/CTK Photo

Aber der Denker war Pragmatiker. Jetzt also Prag. Und Politik. Der Name, den er der von ihm mitbegründeten Partei gab, spricht Bände: Realisten. Für sie saß er im Wiener Reichstag. Die Abneigung gegen Österreich-Ungarn wuchs. Er würde einen Vielvölkerstaat der anderen Art gründen, in dem die verschiedenen Gruppen, Tschechen, Slowaken, Deutsche, Ungarn gleichberechtigt waren. Zumindest in der Theorie. In der Praxis waren die Tschechen dann doch noch etwas gleichberechtigter. Von den 270 Sitzen im Parlament etwa waren nur 54 für Slowaken reserviert, die regionale Autonomie wurde weitgehend abgeschafft. Ein zweiter Geburtsfehler: Die Verfassung wurde durch die provisorische Nationalversammlung, nicht durch ein gewähltes Parlament verabschiedet. Doch unter dem Strich sorgte eine große Regierungskoalition für eine auch wirtschaftlich ganz stabile Republik.

Die Superlative, mit denen TGM, wie viele Tschechen ihn nennen, überschüttet wurde, mag man kaum glauben. „Masaryks Tschechoslowakei“, meinte Karl Popper, „war wahrscheinlich einer der besten demokratischen Staaten, die je existierten.“ Selbst der für seine ätzenden Worte bekannte Schriftsteller Karl Kraus zählte zu seinen Fans. 1926 nannte er Masaryk „ein Wunder der Weltgeschichte, nämlich die Verbindung von Staatsmann und Ehrenmann.“ Gerade das war es auch, was der Schriftsteller, Dissident und spätere Staatspräsident Václav Havel bewunderte: Masaryks Integrität. „Was Masaryk lehrte, das tat er auch.“ Ein Vordenker der Zivilgesellschaft. „Er glaubte an die Mündigkeit der Bürger.“ Um dieses Ziel zu erreichen, gab es für ihn nur einen Weg: Bildung, als Fundament der Demokratie. 1930 waren 96 Prozent der Bevölkerung alphabetisiert.

Es existieren Aufnahmen von ihm, in denen er 1929 strahlend für den jungen Tonfilm wirbt. Masaryk liebte Innovationen. Er glaubte tatsächlich, dass der technische Fortschritt auch gesellschaftlichen bringen würde. Auf Englisch malte er sich in einer Szene dieses Films Übertragungen aus, bei denen eines Tages jeder zu Hause sitzen und von dort drahtlos zum Beispiel Tiere in Afrika beobachten könnte. Dann würden alle gezwungen, ehrlich zu sein, es gäbe keine geheimen Verschwörungen mehr. „Vanderfull – no?“ fragte er in seinem tschechisch gefärbten Englisch in die Kamera. Anschließend setzte der passionierte Reiter sich aufs Pferd und galoppierte davon.

Man mag das naiv nennen – aber er hat an die Utopie geglaubt. In seinen Gesprächen mit Karel Mapek klingt er manchmal fast wie ein Hippie: Liebe, Liebe über alles.

Das Sudetenland wurde zum Konfliktherd

Dreimal wurde Masaryk als Staatspräsident vom Volk in seinem Amt bestätigt, bevor er 1935 zurücktrat. Zu spät, wie Kritiker fanden, der 85-Jährige hätte eher Jüngeren Platz machen sollen. Zum Nachfolger bestimmte er seinen frühen Mitstreiter und Außenminister Beneš. Der bald vom Thron geschmissen wurde.

Bei der Gründung des Staates hatte Masaryk auf den historischen tschechischen Grenzen bestanden. Dass inzwischen im Grenzgebiet ein paar Millionen Deutsche lebten, „die die Ohren hängen lassen, wenn Deutschland sich ergibt“, wie er am 31. Oktober 1914 aus Washington an Beneš schrieb – Pech für sie. Auch da gab er sich pragmatisch: „Es ist gerechter, drei Millionen unterzuordnen, als dass zehn Millionen untergeordnet werden.“ Die Deutschen waren nun Bürger der Tschechoslowakei, in der sie weiter Deutsch sprechen konnten, aber keine eigene Amtssprache hatten. Für seine Anhänger gründete der Präsident damit einen multikulturellen Staat. Die Sudetendeutschen sahen das anders. 1938, ein Jahr nach Masaryks Tod, wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet, das die Tschechoslowakei zwang, die überwiegend von Deutschen besiedelten Grenzgebiete abzutreten. Aus Angst vor einem Krieg, so seine Erklärung, lehnte Beneš sich nicht dagegen auf. Geholfen hat es seinem Land nicht. Im März ’39 marschierten die Deutschen im Rest der Tschechoslowakei ein.

1945 dann wurden die Sudetendeutschen vertrieben, die Kommunisten übernahmen drei Jahre später die Macht. Zu dieser Zeit war Masaryks Sohn Jan, immer noch überzeugter Demokrat, Außenminister. Am 10. März fand man ihn tot unter dem Fenster seiner Dienstwohnung in der Prager Burg. Der als „dritter Prager Fenstersturz“ bekannte Fall wurde nie aufgeklärt. Fest steht nur, dass es Mord, kein Selbstmord war.

Masaryk senior verschwand aus der Geschichte. Für die Nazis ein Judenfreund und Unterdrücker der Deutschen, verteufelten die Kommunisten den Republikaner aus dem Volk nun als Volksfeind und bürgerlichen Revanchisten. Allein schon seine Amerikaliebe machte ihn zur Unperson.

Masaryks Union hielt der Zeit nicht stand

Ganz ließ die Erinnerung sich nicht beseitigen. Die Demonstranten des Prager Frühlings beriefen sich 1968 auf die Symbolfigur des Freiheitskampfes ebenso wie ’89 die Anführer der Samtenen Revolution. Havels Widersacher Václav Klaus gehörte nicht zu der Schar von Masaryks Fans. Der war ihm zu links. Für den Geschmack des konservativen Marktwirtschaftlers wird der Gründungsvater zu stark glorifiziert als Väterchen der Nation. Er selbst nannte ihn mal einen Provinzpolitiker.

Die Union, die Masaryk geschaffen hatte, hielt der Zeit nicht stand. 1992 brach sie auseinander. Die Slowaken, die der Tscheche wohl auch aus strategischen Gründen mit ins Boot geholt hatte, wollten jetzt ihre eigene Unabhängigkeit.

An der Idee der Union hätte Masaryk mit Sicherheit festgehalten. Der Tscheche war überzeugter West-Europäer. Als 1925 die Frage diskutiert wurde, wer das Oberhaupt eines möglichen Bündnisses der Vereinigten Staaten von Europa sein könnte, erklärte der Schriftsteller George Bernard Shaw ihn zum einzig denkbaren Kandidaten.

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright hat wiederholt Reden im Namen Masaryks gehalten. 1937 in Prag als Tochter eines Diplomaten geboren, der mit Jan Masaryk befreundet war, bewunderte sie Tomáš Garrigue Masaryk, den Demokraten, den Realisten und den Feministen. „Er benahm sich wie ein Präsident“, sagte sie bei einer Ansprache im Jahr 2000. „Er führte wie ein Präsident. Er sah sogar wie ein Präsident aus.“ Eine Figur, wie sie das 21. Jahrhundert durchaus gebrauchen könnte. Wie meinte er einmal: „Aufregung ist keine Politik.“

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