13. Berliner Fashionweek : Kleidergröße 36 ist die neue Size „Zero“

„Gesund“ aussehen ist jetzt in! Doch das Ex-Model Kera Deiß berichtet, dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen gesund aussehen und gesund sein gibt.

Dünne Models bei der Präsentation der Sommerkollektion von Dolce und Gabbana.
Dünne Models bei der Präsentation der Sommerkollektion von Dolce und Gabbana.Foto: Miguel Medina/AFP

Als Kera Deiß zum ersten Mal als Model auf der Berliner Fashion Week lief, kämpfte sie bereits mit einer Essstörung: Bulimie ohne Übergeben. Fressattacken, Abführmittel, tagelang nichts essen. Alles, um schlank genug zu sein für die Modelbranche.

Schon vor ihrer Zeit bei Germany’s Next Topmodel bekam die damals 15-Jährige ein Angebot von einer großen deutschen Modelagentur: Sie könne anfangen, sei mit Kleidergröße 36/38 aber zu dick. Sie solle abnehmen und ein Jahr später wiederkommen. Mit der Diät begann bei Deiß die Essstörung.

Die nächsten zwölf Jahre ihres Lebens waren von ständigen Gedanken über Mahlzeiten und Nahrungsmittel bestimmt. Irgendwann dachte sie sogar an Selbstmord. Zwar haben in den vergangenen Jahren einige Länder gesetzliche Regelungen eingeführt, die Essstörungen in der Branche vorbeugen sollen. „Aber niemand kontrolliert das“, sagt Yannis Nikolaou, Modelscout und Inhaber einer Hamburger Modelagentur.

In Frankreich müssen Models seit 2017 einen bestimmten Body-Mass-Index (BMI) vorweisen, um in der Branche zu arbeiten. Wenn Auftraggeber sie trotzdem engagieren, machen sie sich strafbar. „Die französischen Agenturen arbeiten mit bestimmten Ärzten zusammen. Die bescheinigen den Mädchen, dass sie gesund sind, ohne sie gesehen zu haben. Das müsste mal einer kontrollieren, welche Frauen auf dem Laufsteg in Paris laufen. Das verstößt gegen das Gesetz“, so Nikolaou.

Laut dem Modelscout müssten Frauen bei diesen internationalen Shows zwischen 1,77 Meter und 1,82 Meter groß sein, mit einem Hüftumfang von etwa 88 Zentimetern und Kleidergröße 34, Größe „Zero“. Nur sehr sehr wenige Frauen hätten diese körperlichen Voraussetzungen, alle anderen würden sich auf diese Größe runterhungern. „Ich kann mit meinem Blut unterschreiben, dass 60 Prozent dieser Mädchen sofort damit aufhören sollten, weil deren Körper das nicht möchte.“

In seinen 21 Jahren als Modelagent habe er vielleicht fünf Mädchen unter mehreren tausend gesehen, die von Natur aus schlank genug für die internationalen Modenschauen waren. Dabei geht es um Paris, Mailand, New York. Die drei großen Städte der Mode. Die Models müssten sich dort herunterhungern, um von den Designern gebucht zu werden.

Das ehemalige Model Kera Deiß.
Das ehemalige Model Kera Deiß.Foto: Robert Cook/Privat

Seitdem ein Model aus Nikolaous Agentur während eines Fotoshootings umgekippt war, schickt er laut eigener Aussage höchstens noch die Frauen zu internationalen Shows, die dafür nicht hungern und ungesund leben müssen.

Zum Glück seien in Deutschland die Voraussetzungen besser, versichert Nikolaou. Das bestätigt auch Kera Deiß. Die Berliner Fashion Week spiele nur in der zweiten Liga, würde nicht so ganz ernst genommen werden, weil keine Marken wie Gucci, Prada oder Versace auf den Laufstegen vertreten sind. „Und die deutschen Designer sagen zu mir immer, ich soll ihnen gesunde Models schicken und keine so dünnen“, sagt Yannis Nikolaou. Ein Gesetz wie das in Frankreich brauche man hier deshalb nicht unbedingt.

Neunjährige posieren mit sexy Posen

Kera Deiß sieht das anders: „Mir hat man, als ich noch bei Germany’s Next Topmodel und mit der Show auch auf der Berliner Fashion Week war, nicht angesehen, dass ich essgestört war.“ Das könne man nicht nur anhand des BMI beurteilen, nicht jede junge Frau hätte eine natürliche Kleidergröße 36. Und noch in anderen Bereichen der Branche sollten dringend die gesetzlichen Regeln angepasst werden: Auf manchen Werbebildern sehe man neunjährige Mädchen, die sexy zurechtgemacht werden und posen wie erwachsene Frauen.

Kinder und Jugendliche sollten vor dem Beruf geschützt werden. Für Essstörungen seien Minderjährige viel anfälliger. Und das sei keine Krankheit, die wie eine Grippe einfach wieder vorbeigehen kann. „Die Krankheit hat mich komplett fremdgesteuert. Essen war mein bester Freund und mein größter Feind. Obwohl ich so viele Therapien gemacht habe, ambulant und stationär, hat es zwölf Jahre gedauert, bis ich gesund wurde.“

In Frankreich gibt es noch ein weiteres Gesetz, das besagt, dass bearbeitete Fotos gekennzeichnet werden müssen. Werden also bei Bildern von Models die Brüste größer, die Taille schlanker und das Model insgesamt dünner retuschiert, müsse das drunter stehen. Auch in Spanien und Israel gibt es verschiedene Regelungen, in Italien eine freiwillige Selbstverpflichtung und in Großbritannien wurden Werbeaufnahmen sogar schon nachträglich zurückgezogen.

Für Kera Deiß geht nicht einmal das weit genug: „Es bringt mir doch nicht viel, wenn unter jedem Bild steht, dass es bearbeitet wurde. Da weiß ich noch nicht, was verändert wurde. Wenn ich einen Gebrauchtwagen verkaufen würde und ich würde den so sehr photoshoppen, wie es mit den Models gemacht wird, würde ich dafür bestraft werden.“ Die Behauptung falscher Tatsachen dürfe nicht legal sein. Außerdem gewöhne sich das Gehirn an solche Bilder und verändere das Selbstwertgefühl. „Niemand kann so aussehen wie die Frauen auf den Bildern.“

Photoshop bringt Enttäuschung

Auch Yannis Nikolaou sieht die Bearbeitung als großes Problem. Seine Models wollen auch gar nicht von den Kunden gephotoshoppt werden, weil dann die Kunden beim nächsten Casting enttäuscht seien, wenn die Models anders aussehen als auf den Bildern. „Ich habe auch viele Promis gesehen, die live komplett anders aussehen als in den Werbungen. Und wenn eine 50-Jährige Werbung für Faltencreme macht und auf diesen Bildern aussieht wie 20, halte ich das für Betrug.“

Bisher sind gesetzliche Regelungen in den Bereichen der Bildbearbeitung, der Gesundheit von Models oder dem Umgang mit Kindermodels in Deutschland lediglich Forderungen, die aber immer mehr Menschen und Vereine in der Branche äußern. Jedoch bleiben soziale Netzwerke von diesen Forderungen bislang gänzlich unberührt. Dabei können Influencer oder einfache Nutzer auf Instagram ihre Bilder mit wenigen Klicks so sehr bearbeiten, dass sie darauf aussehen wie Kim Kardashian oder andere Schönheitsvorbilder. Und ausgerechnet diese Plattform ist bei Teenagern besonders beliebt.

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