"27. Juli in Spa einer Hure 1 Krone"

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250. Geburtstag Wilhelm von Humboldts : "So viel Weibliches in mir"
Henriette Herz (1764 - 1847) auf einem Gemälde von Anna Dorothea Lisiewska, das die Berliner Salonnière und Arztgattin als 18-Jährige zeigt.
Henriette Herz (1764 - 1847) auf einem Gemälde von Anna Dorothea Lisiewska, das die Berliner Salonnière und Arztgattin als...Foto: Alamy Stock Photo

Allerdings war er mit seinen 21 Jahren noch keineswegs bereit, sich tatsächlich für die „Länge eines Lebens“ festzulegen. Im Gegenteil vertrat der spätere Bildungsreformer die Meinung, dass sich der Mensch vor allem durch vielfältige Erfahrungen bilde, und das bezog sich auch auf Frauen. Studium, Bildungsreisen und andere Liebeleien – etwa mit Therese Forster, der Frau des Weltreisenden Georg Forster – gingen also vor.

Und er besuchte Bordelle. „Ich lasse der Begierde ungescheut die Zügel schießen, und erkenne in dem Genuss, selbst in dem, den viele ausschweifend nennen würden, eine große und wohltätig fruchtbare Kraft.“ In einem Oktavheftchen hielt er fest, wie viel er für die Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse ausgegeben hatte: „27. Juli in Spa einer Hure 1 Krone; 30. Juli in Brüssel einer Hure 7 Sous; 10. August ,Fleischeslust’ 1 Karolin; 14. August ,Sinnenlust’ 2 Kronen 24 Sous.“

Mit schonungsloser Ehrlichkeit analysierte Humboldt im Tagebuch seine sexuellen Phantasien. „Es ist unbegreiflich, wie anziehend für mich jeder Anblick angestrengter Körperkraft bei Weibern – vorzüglich niedrigeren Standes – ist. Es wird mir beinahe unmöglich, meine Augen wegzuwenden, und nichts reizt so stark jede wollüstige Begier in mir.“ Dies rühre noch aus den Jahren seiner ersten Kindheit her. „Wie sich zuerst meine Seele mit Weibern beschäftigte, dachte sie sich immer Sklavinnen, durch allerlei Arbeit gedrückt, tausend Martern gepeinigt, auf die verächtlichste Weise behandelt. Noch jetzt hab ich Sinn für solche Ideen.“

Caroline verliebte sich mehrfach in andere Männer

Glücklich machten ihn diese „Ideen“ nicht – sie hätten, so analysierte er weiter, letztlich „die Gleichgültigkeit und Leere in mir hervorgebracht, an der ich jetzt kranke“. Als Humboldt, anderthalb Jahre nach dem ersten Zusammentreffen in Burgörner,  im Dezember 1789 Caroline auf einem Ball in Erfurt einen Heiratsantrag machte, suchte er auch ein Gegenmittel gegen diese Leere. Früher „fehlte das Leben, die Energie, die Glut – diese belebende Kraft, diese alles durchströmende Wärme gab mir deine Liebe, Lina.“

Die Grundlage der Ehe von Wilhelm und Caroline war maximale Freiheit für beide Partner. Caroline war überzeugt, dass „die reizendste Blüte des Lebens nur in dem Odem der höchsten Geistesfreiheit aufblüht“. Wilhelm glaubte, dass sie diese Freiheit nur bei ihm finden würde. „Ich kenne die Männer, fast alle sind sie eingeengt und einengend“, schrieb er ihr. Und an seinen Freund Georg Forster: „Sollte einer von uns nicht mehr in dem anderen, sondern in einem Dritten das finden, worin er seine ganze Seele versenken möchte, nun, so werden wir beide genug Wunsch, einander glücklich zu sehen und genug Ehrfurcht für ein so schönes, großes, wohltätiges Gefühl, als das der Liebe ist, besitzen, um nie auch durch die mindeste Undelikatesse die Empfindung des anderen zu entweihen.“ Wenn sich einer der Partner in einen anderen verlieben sollte, würde der jeweils andere das nicht nur akzeptieren, sondern gutheißen.

An diese Maxime sollten sich beide halten. Während ihrer Ehe lebten Wilhelm und Caroline auf den Gütern des Schwiegervaters, in Jena, Paris, Rom und Berlin; als Wilhelm um 1810 im Dienste des preußischen Königs das Bildungswesen reformierte und später als Diplomat auf dem Wiener Kongress, in Frankfurt und London tätig war, waren sie oft viele Monate voneinander getrennt. Ihre Briefe aneinander füllen sieben dicke Bände. Die begeisterungsfähige, kunstsinnige Caroline verliebte sich mehrfach in andere Männer. Einer davon, Wilhelm Theodor von Burgsdorff, zog in Jena sogar bei den Humboldts ein. Dass Gast und Hausherrin einander eng verbunden waren, blieb nicht verborgen. Lotte Schiller fand das Verhalten „unschicklich“, und das Gerücht machte die Runde, Caroline werde Burgsdorff heiraten. Das geschah nicht. Doch dem 1797 geborenen zweiten Sohn gab sie den Namen „Theodor“, und es wurde gemunkelt, Burgsdorff sei der Vater.