Er empfängt sie im Bademantel und spricht eine eindeutige Einladung aus

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30 Jahre an der Seite des "Spiegel"-Gründers : Rudolf Augsteins "Schutzengel" erzählt
Rudolf Augstein (links, hier mit Klaus von Dohnanyi).
Rudolf Augstein (links, hier 1985 mit Klaus von Dohnanyi).Foto: p-a/dpa

„Sicher war ich an Rudolf Augstein interessiert“, sagt Nelles. „Aber nicht als Lebenspartner, sondern als Figur der Zeitgeschichte.“ Schon als Schülerin auf dem Mädchengymnasium in Husum erfährt sie, dass dieser Mann besonders ist. Erschüttert macht ihre Geschichtslehrerin im Oktober 1962 im Unterricht auf Augsteins Verhaftung im Zuge der „Spiegel- Affäre“ aufmerksam, und Nelles Vater, ein Pfarrer, wettert sonntags von der Kanzel gegen selbsternannte Staatsfürsten.

Als sie sich in Augsteins Nähe begab, war es nicht ihr Ziel, eines Tages womöglich Frau Augstein zu werden, betont Irma Nelles. Wenn man es mit Rudolf Augstein zu tun gehabt habe, brachte dies für jeden besondere Freiheiten und Privilegien mit sich. Er sei sehr großzügig gewesen, nicht nur in seinem Lebensstil, vor allem in seinem Denken. Für sie war es schlicht und einfach interessant, im „Spiegel“ arbeiten zu können und von diesem charismatischen Mann zu lernen.

1982 beendet Irma Nelles ihr Studium, findet jedoch keine Stelle als Lehrerin. Sie erhofft sich als Zwischenlösung eine Stelle beim „Spiegel“, sie trifft Augstein in einem Bonner Hotel, doch der will nicht über einen möglichen Job reden, sondern empfängt sie im Bademantel und spricht ihr eine eindeutige Einladung aus. Nelles verabschiedet sich empört.

Eine Zeit lang wohnt sie in seiner leerstehenden Zweitvilla

Doch 1984 gibt sie, damals 38, Regniers Bitten nach und zieht zu Augstein in ein Gästezimmer seiner Villa. Sie wird Redakteurin in der Leserbrief- und Personalienredaktion des Nachrichtenmagazins, nach dem Tod von Wolfgang Eisermann 1993 übernimmt sie den Job der Redakteurin im Büro des Herausgebers. Abends sitzt sie zusammen mit Augstein in der Küche, hört seinen Geschichten zu und erzählt von ihren Redaktionserlebnissen. Eine Zeit lang wohnt sie in Augsteins leerstehender Zweitvilla, ab und zu kommt Hellmuth Karasek vorbei, um ein paar Runden im hauseigenen Schwimmbad zu ziehen.

Während Augsteins Frauen und Verehrerinnen kein Problem haben, Nelles’ besondere Beziehung zu ihm zu akzeptieren, gibt es unter den Redakteuren Misstrauen ihr gegenüber. Skeptisch argwöhnen sie, was und wie sie etwas an Augstein heranträgt. „IN“ nennt man sie – eine Anspielung auf die IM der Stasi. Völlig falsch, sagt sie. „Denunzianten hat Rudolf Augstein gehasst.“

„Irma Nelles war absolut unbestechlich“, erinnert sich Stefan Aust, der heutige „Welt“-Herausgeber und frühere „Spiegel“-Chefredakteur. Sie habe sich niemals instrumentalisieren lassen, er habe sie als „außerordentlich integre Person“ kennengelernt. Augstein gegenüber sei sie „zutiefst loyal, aber nicht unkritisch“ gewesen, er habe es geschätzt, dass sie ihm nicht ständig nach dem Mund geredet habe. Zwischen beiden habe allerdings „viel mehr als eine Arbeitsbeziehung“ bestanden, betont Aust: „Sie war sein Schutzengel.“

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Zum Schluss, „als Augstein nicht mehr der alte Augstein war“, habe Nelles seine Texte redigiert und ihn davor bewahrt, „Unsinn in die Welt zu setzen“. Zu dieser Zeit, sagt Aust, sei Nelles eine der wichtigsten Stützen des „Spiegel“-Gründers gewesen. Ein Foto (siehe oben) zeigt sie beim 50. Jubiläum des „Spiegel“ im Juni 1997, fünf Jahre vor Augsteins Tod. Sie hilft dem Herausgeber beim Lesen des Redemanuskripts, die Rollen wirken vertauscht. Jetzt ist sie es, die ihm den Weg weist.

Irma Nelles Lebensgefährte, ein promovierter Islamwissenschaftler, ist in diesen Jahren immer wieder genervt, dass sie springt, wenn der Herausgeber ruft – und zeigt doch Verständnis für ihren Job, der sie so begeistert. Mehr als 30 Jahre ist Nelles mit ihrem Partner inzwischen zusammen. Die Hälfte des Jahres leben sie nun auf einer Insel in Griechenland. Die restliche Zeit verbringen sie mal in der Eifel, mal bei Irma Nelles’ Söhnen und Enkeltöchtern in München oder Berlin. Ihren Söhnen hat sie die Medienleidenschaft vererbt. Manfred Nelles war Produzent von Heidi Klums Modelshow „Germany’s Next Topmodel“ und ist heute PR-Manager, Roland Nelles leitet das Hauptstadtbüro von „Spiegel Online“.

Warum aber vertraute Don Rudolf unter seinen zahlreichen Frauenbekanntschaften ausgerechnet ihr so sehr? Nelles verweist auf eine Szene nach den gescheiterten Verhandlungen über einen Sex-Vertrag. „Du bist mein Katalysator. Du bist mein Puffer. Du bist meine Übersetzerin“, sagte Augstein zu ihr. „Die anderen Leute verstehen mich manchmal nicht so richtig.“

Diese Vermittlerleistung ist Nelles auch mit dem Buch gelungen. Sie bringt die Leser nah heran an den Mann, der getrieben war von journalistischem Instinkt und politischem Gestaltungswillen, der stets umgeben war von Frauen und Freunden und sich in manchen Momenten doch wie der einsamste Mensch auf Erden fühlte.

Nach Augsteins Tod 2002 wollte sie eigentlich nichts veröffentlichen. Es sei ihr auch nach beinahe 15 Jahren noch schwer gefallen. Erst nachdem Freunde ein vorläufiges Manuskript ihrer Erinnerungen gelesen und sie zur Veröffentlichung ermutigt hätten, habe sie sich dazu entschlossen. Irma Nelles beginnt das Buch im Herbst 2002, ein letztes Mal besucht sie Augstein im Krankenhaus. Es ist das Ende einer Beziehung jenseits von Liebe und Freundschaft, einer Beziehung, für die es keinen Vertrag brauchte.

Irma Nelles: Der Herausgeber, Aufbau Verlag, Berlin, 320 Seiten, 22,95 Euro

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