30 Jahre an der Seite des "Spiegel"-Gründers : Rudolf Augsteins "Schutzengel" erzählt

Rudolf Augstein war Gründer und Macher des „Spiegel“. Irma Nelles arbeitete 30 Jahre für ihn, wurde enge Vertraute, sollte sogar seine Frau werden. Da widersetzte sie sich, dem Machtmenschen imponierte das. Einsichten in ein besonderes Verhältnis.

Irma Nelles, hier beim Gespräch im Aufbau-Verlag in Berlin.
Irma Nelles, hier beim Gespräch im Aufbau-Verlag in Berlin.Foto: Mike Wolff

Wie es denn mit einem Vertrag wäre, will Rudolf Augstein an jenem Abend im Herbst 1984 wissen. Zwei, drei Biere hat er schon getrunken, als er Irma Nelles in der Küche seiner Villa am Hamburger Leinpfad empfängt. Zweimal die Woche Sex, schlägt er vor, frei nach Luther. Das könne doch wohl nicht so schwierig sein. Wobei er von Sex nicht direkt spricht, er nennt es „das Entsetzliche“. Und poltert hinterher, es sei unerhört, ihm das zu verweigern.

Irma Nelles beginnt zu stottern. So laufe das nicht. Er sei doch ihr Chef, eine partnerschaftliche Beziehung zwischen dem „Spiegel“-Gründer und seiner Sekretärin wäre gar nicht möglich, hierarchisch gesehen. Außerdem sei er von zuverlässiger Treuelosigkeit und habe sie bereits einen Freund.

Rudolf Augstein versucht es weiter, er bittet, bettelt, baggert, wieder einmal. Doch Irma Nelles lässt sich nicht rumkriegen, wieder einmal. Augstein ächzt. Dass eine Frau ihm jemals eine platonische Liebesbeziehung abverlange, das habe er sich nie träumen lassen. Er öffnet ein weiteres Bier, sie löffeln gemeinsam Suppe, Sex wird nie wieder ein Thema zwischen ihnen sein – doch an ihrer gegenseitigen Zuneigung soll sich bis zu Augsteins Tod am 7. November 2002 nichts ändern.

Fast 30 Jahre lang war Irma Nelles die Frau an Augsteins Seite, sie war seine Sekretärin, seine Büroleiterin, seine Vertraute. Nun hat sie ein Buch über diese gemeinsamen Jahre geschrieben: „Der Herausgeber“ erzählt von einer Zeit, in der Frauen noch nicht Chefredakteurinnen wurden, sondern Redakteuren das Toilettenpapier in die Kabine nachtragen mussten und als Sekretärinnen fleißig oder hübsch zu sein hatten.

Gerade ist ihr Buch über Augstein erschienen

Nelles ist beides, als sie 1973 im Alter von 26 im Bonner „Spiegel“-Büro als Sekretärin anheuert, eine junge Frau, schlank, mit braunen, kinnlangen Haaren, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. Nur Hausfrau sein, das will sie nicht. Heimlich meldet sie sich auf die Stellenanzeige im „General-Anzeiger“, erhält den Job – und die Scheidungspapiere dazu, denn ihren Ehemann hat sie vorher nicht um Erlaubnis gefragt. Doch das war damals gesetzlich vorgeschrieben.

Trotz ihrer grauen Haare wirkt sie selbst heute fast mädchenhaft, ihre dunklen Augen strahlen, wenn sie von Augstein erzählt. Von ihrer ersten Begegnung, als sie von ihm wissen möchte, wie sie ihn anreden soll. „Du kannst mich nennen wie du willst, Rudolf, Rudi ...“, antwortet er.

Diese und mehr Erinnerungen hat sie noch parat. Sie stehen auch in ihrem Buch über Rudolf Augstein, das gerade erschienen ist. „Der Herausgeber“ ist ein Porträt, stellenweise ein Psychogramm von einem der einflussreichsten Verleger der Bundesrepublik. „Er hätte mir vielleicht wieder einmal gekündigt, wenn er das Buch gelesen hätte, vielleicht aber auch nicht“, sagt die 69-Jährige im Gebäude des Berliner Aufbau Verlags.

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Wäre es nach den Freunden von Augstein gegangen, dem NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier und seiner Frau Antonia Hilke, wäre Nelles nicht nur Augsteins rechte Hand geworden, sondern seine Frau. Sie lernen die „Spiegel“-Sekretärin 1975 im Ski-Urlaub kennen, eigentlich soll Nelles ein Tondokument aus dem Bonner Büro in Augsteins Ski-Domizil ins schweizerische Celerina bringen, doch der Herausgeber lädt die junge Frau ein, zu bleiben, um mit ihm und seinen Freunden ein paar Tage zu verbringen.

Solche Einladungen wiederholen sich, auch im Mai 1978, als Regnier fragt, ob sie nicht zu ihnen und Augstein nach St. Tropez kommen wolle. Ein paar Tage in der Sonne wären nicht schlecht, denkt Nelles, und lässt sich einfliegen, mehr als 1000 Mark kostet das Ticket, unbezahlbar für sie, die neben dem Sekretärinnenjob auch noch Grundschullehramt studiert. Ein Hubschrauber holt sie am Flughafen in Nizza ab und bringt sie zu Augsteins piniengesäumter Villa, die gleich neben der von Brigitte Bardot liegt.

Schnell merkt Nelles, dass die Einladung einem Notfallplan folgt. Bereits am ersten Abend kommen die Regniers zur Sache: „Die Lage ist ernst“. Augstein ziehe sich zurück, trinke zu viel. „Er braucht eine Frau, die ihm Suppe kocht.“ Ob sie nicht wolle?

Wenn Nelles genau eins nach ihrer gescheiterten Ehe nicht möchte, dann eine Partnerschaft, die nicht auf Augenhöhe ist. Die Studentin und der Millionär, die Sekretärin und ihr Chef, die junge Frau und der 24 Jahre ältere Mann, das kann für sie nicht funktionieren. Warum die Regniers von all den Frauen, die Augstein umgeben, ausgerechnet sie „in seine Nähe bugsieren“ wollen, wie Nelles den Verkuppelungsversuch umschreibt, kann auch sie nicht erklären. Deutlich wird allerdings, dass "Der Herausgeber" auch die Geschichte einer Emanzipation ist.

Rudolf Augstein (links, hier mit Klaus von Dohnanyi).
Rudolf Augstein (links, hier 1985 mit Klaus von Dohnanyi).Foto: p-a/dpa

„Sicher war ich an Rudolf Augstein interessiert“, sagt Nelles. „Aber nicht als Lebenspartner, sondern als Figur der Zeitgeschichte.“ Schon als Schülerin auf dem Mädchengymnasium in Husum erfährt sie, dass dieser Mann besonders ist. Erschüttert macht ihre Geschichtslehrerin im Oktober 1962 im Unterricht auf Augsteins Verhaftung im Zuge der „Spiegel- Affäre“ aufmerksam, und Nelles Vater, ein Pfarrer, wettert sonntags von der Kanzel gegen selbsternannte Staatsfürsten.

Als sie sich in Augsteins Nähe begab, war es nicht ihr Ziel, eines Tages womöglich Frau Augstein zu werden, betont Irma Nelles. Wenn man es mit Rudolf Augstein zu tun gehabt habe, brachte dies für jeden besondere Freiheiten und Privilegien mit sich. Er sei sehr großzügig gewesen, nicht nur in seinem Lebensstil, vor allem in seinem Denken. Für sie war es schlicht und einfach interessant, im „Spiegel“ arbeiten zu können und von diesem charismatischen Mann zu lernen.

1982 beendet Irma Nelles ihr Studium, findet jedoch keine Stelle als Lehrerin. Sie erhofft sich als Zwischenlösung eine Stelle beim „Spiegel“, sie trifft Augstein in einem Bonner Hotel, doch der will nicht über einen möglichen Job reden, sondern empfängt sie im Bademantel und spricht ihr eine eindeutige Einladung aus. Nelles verabschiedet sich empört.

Eine Zeit lang wohnt sie in seiner leerstehenden Zweitvilla

Doch 1984 gibt sie, damals 38, Regniers Bitten nach und zieht zu Augstein in ein Gästezimmer seiner Villa. Sie wird Redakteurin in der Leserbrief- und Personalienredaktion des Nachrichtenmagazins, nach dem Tod von Wolfgang Eisermann 1993 übernimmt sie den Job der Redakteurin im Büro des Herausgebers. Abends sitzt sie zusammen mit Augstein in der Küche, hört seinen Geschichten zu und erzählt von ihren Redaktionserlebnissen. Eine Zeit lang wohnt sie in Augsteins leerstehender Zweitvilla, ab und zu kommt Hellmuth Karasek vorbei, um ein paar Runden im hauseigenen Schwimmbad zu ziehen.

Während Augsteins Frauen und Verehrerinnen kein Problem haben, Nelles’ besondere Beziehung zu ihm zu akzeptieren, gibt es unter den Redakteuren Misstrauen ihr gegenüber. Skeptisch argwöhnen sie, was und wie sie etwas an Augstein heranträgt. „IN“ nennt man sie – eine Anspielung auf die IM der Stasi. Völlig falsch, sagt sie. „Denunzianten hat Rudolf Augstein gehasst.“

„Irma Nelles war absolut unbestechlich“, erinnert sich Stefan Aust, der heutige „Welt“-Herausgeber und frühere „Spiegel“-Chefredakteur. Sie habe sich niemals instrumentalisieren lassen, er habe sie als „außerordentlich integre Person“ kennengelernt. Augstein gegenüber sei sie „zutiefst loyal, aber nicht unkritisch“ gewesen, er habe es geschätzt, dass sie ihm nicht ständig nach dem Mund geredet habe. Zwischen beiden habe allerdings „viel mehr als eine Arbeitsbeziehung“ bestanden, betont Aust: „Sie war sein Schutzengel.“

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Zum Schluss, „als Augstein nicht mehr der alte Augstein war“, habe Nelles seine Texte redigiert und ihn davor bewahrt, „Unsinn in die Welt zu setzen“. Zu dieser Zeit, sagt Aust, sei Nelles eine der wichtigsten Stützen des „Spiegel“-Gründers gewesen. Ein Foto (siehe oben) zeigt sie beim 50. Jubiläum des „Spiegel“ im Juni 1997, fünf Jahre vor Augsteins Tod. Sie hilft dem Herausgeber beim Lesen des Redemanuskripts, die Rollen wirken vertauscht. Jetzt ist sie es, die ihm den Weg weist.

Irma Nelles Lebensgefährte, ein promovierter Islamwissenschaftler, ist in diesen Jahren immer wieder genervt, dass sie springt, wenn der Herausgeber ruft – und zeigt doch Verständnis für ihren Job, der sie so begeistert. Mehr als 30 Jahre ist Nelles mit ihrem Partner inzwischen zusammen. Die Hälfte des Jahres leben sie nun auf einer Insel in Griechenland. Die restliche Zeit verbringen sie mal in der Eifel, mal bei Irma Nelles’ Söhnen und Enkeltöchtern in München oder Berlin. Ihren Söhnen hat sie die Medienleidenschaft vererbt. Manfred Nelles war Produzent von Heidi Klums Modelshow „Germany’s Next Topmodel“ und ist heute PR-Manager, Roland Nelles leitet das Hauptstadtbüro von „Spiegel Online“.

Warum aber vertraute Don Rudolf unter seinen zahlreichen Frauenbekanntschaften ausgerechnet ihr so sehr? Nelles verweist auf eine Szene nach den gescheiterten Verhandlungen über einen Sex-Vertrag. „Du bist mein Katalysator. Du bist mein Puffer. Du bist meine Übersetzerin“, sagte Augstein zu ihr. „Die anderen Leute verstehen mich manchmal nicht so richtig.“

Diese Vermittlerleistung ist Nelles auch mit dem Buch gelungen. Sie bringt die Leser nah heran an den Mann, der getrieben war von journalistischem Instinkt und politischem Gestaltungswillen, der stets umgeben war von Frauen und Freunden und sich in manchen Momenten doch wie der einsamste Mensch auf Erden fühlte.

Nach Augsteins Tod 2002 wollte sie eigentlich nichts veröffentlichen. Es sei ihr auch nach beinahe 15 Jahren noch schwer gefallen. Erst nachdem Freunde ein vorläufiges Manuskript ihrer Erinnerungen gelesen und sie zur Veröffentlichung ermutigt hätten, habe sie sich dazu entschlossen. Irma Nelles beginnt das Buch im Herbst 2002, ein letztes Mal besucht sie Augstein im Krankenhaus. Es ist das Ende einer Beziehung jenseits von Liebe und Freundschaft, einer Beziehung, für die es keinen Vertrag brauchte.

Irma Nelles: Der Herausgeber, Aufbau Verlag, Berlin, 320 Seiten, 22,95 Euro

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