Die Richter glauben ihm kein Wort

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40 Jahre Deutscher Herbst : Wie die RAF ihre Waffen baute
Der Tüftler. Beim Bombenbau war die RAF auf den drogensüchtigen Peter-Jürgen Boock angewiesen.
Der Tüftler. Beim Bombenbau war die RAF auf den drogensüchtigen Peter-Jürgen Boock angewiesen.Foto: pa/dpa

Weitaus praktischer sind für die RAF ihre Kontakte zur palästinensischen Terrorgruppe PFLP. In deren Ausbildungslager im Südjemen lernt Peter-Jürgen Boock die Feinheiten des Bombenbaus.

Für den Anschlag mit seiner „Stalinorgel“, benannt nach dem sowjetischen Raketenwerfer aus dem Zweiten Weltkrieg, hat die RAF in Karlsruhe ein Nachbarhaus ausgekundschaftet. Am 25. August 1977 wird das Ehepaar aus dem zweiten Stock in seiner Wohnung überwältigt und im Nebenzimmer gefesselt. Die Terroristen tragen die Einzelteile der Stalinorgel in Pampers-Kartons nach oben.

Boocks Konstruktion hat einen Zeitzünder. Wenn sie losfeuert, wollen die Terroristen lange fort sein. So der Plan. Doch die Waffe zündet nicht, nach sieben Stunden können sich die Bewohner befreien und die Polizei rufen. In einer Erklärung verkündet die RAF später, ihre Aktion sei bloß eine Warnung gewesen. Man habe zeigen wollen, zu welchen Blutbädern man theoretisch in der Lage sei. Vor Gericht wird Boock eine andere Version auftischen: Er habe beim Zusammenbau der Waffe Skrupel bekommen und dann die Zünduhr absichtlich nicht aufgezogen, um die Aktion zu sabotieren und Menschenleben zu retten. Die Richter glauben ihm kein Wort. Sie gehen davon aus, dass Boock unter Drogen stand und das Aufziehen im Stress schlicht vergaß. Tatsächlich ist Peter-Jürgen Boock seit Jahren schwer abhängig. Nimmt LSD, Koks, Speed, Schmerzmittel. Die Genossen müssen ihm regelmäßig Stoff besorgen. Wegen seiner technischen Fähigkeiten gilt er als unverzichtbar.

Bevor sich der Tüftler Boock 1975 der RAF anschließt, ist die Gruppe auf Hilfe von außen angewiesen. Im Frühjahr 1972 sucht Holger Meins den Frankfurter Metallbildner Dierk Hoff in dessen Werkstatt auf. Meins stellt sich als „Erwin“ vor und behauptet, er arbeite in der Filmbranche. Für einen Dreh („eine Art Revolutionsfiktion“) solle Hoff verschiedene Requisiten herstellen: etwa Handgranatengehäuse oder Abschussgeräte für Schrothülsen. Meins gibt auch den Bau einer nach außen gewölbten Metallvorrichtung in Auftrag. Die werde sich die Protagonistin seines Films um den Bauch binden und sich so als Hochschwangere tarnen. In Wahrheit aber werde sie, so stehe es im Drehbuch, eine Bombe zum Zielort eines Anschlags schmuggeln. Hoff baut die sogenannte „Babybombe“ tatsächlich, sie kommt jedoch nie zum Einsatz.

Die dritte Generation hinterlässt kaum Spuren

Das Zusammenmischen von Sprengstoff übernimmt die Gruppe selbst. In einer extra angemieteten Wohnung in Frankfurt zerkleinert sie 1972 Ammoniumnitrat und Holzkohle, dazu benutzt sie zehn elektrische Kaffeemühlen. Der Handmixer, mit denen die Zutaten anschließend verrührt werden müssen, geht bald kaputt. Deshalb steckt Andreas Baader einen Schneebesen in die Bohrmaschine. Das Pulver füllen die Terroristen in Metallrohre ab, packen kleine Stahlkugeln dazu. Mit diesen Bomben greifen sie im Mai 1972 unter anderem ein US-Offizierskasino in Frankfurt an, ein Soldat stirbt.

Im Vergleich zu den Taten der 1970er sind die Anschläge der dritten Generation in den 1980er Jahren deutlich professioneller. Es werden auch weniger Spuren hinterlassen. Der Unterschied ist so auffällig, dass sich bis heute Verschwörungstheorien halten. Derart komplizierte Verbrechen wie der Autobombenmord an Alfred Herrhausen könnten ein paar linksradikale Gewalttäter unmöglich alleine hinbekommen haben, heißt es. Entweder hätten sie Hilfe eines fremden Geheimdienstes gehabt – oder noch extremer: Die dritte RAF-Generation existierte nie, tatsächlich operierten deutsche Agenten, um linke Bewegungen zu diskreditieren. Zumindest letztere Theorie gilt unter Historikern als abwegig.

Die Geburtsstunde der RAF

Aus heutiger Sicht erstaunt, dass ausgerechnet der allererste Anschlag gelang, den Gudrun Ensslin und Andreas Baader verübten. Im April 1968 wollten sie zusammen mit zwei Freunden in der Frankfurter Innenstadt Brandsätze legen: zwei Stück im berühmten Kaufhaus „Schneider“, zwei im nahegelegenen „Kaufhof“. Dazu hatten sie Benzin in Kunststoffflaschen abgefüllt und in Taschen deponiert, dazu jeweils ein Sprengstoffgemisch, eine Batterie sowie einen Reisewecker als Zünduhr.

Die Bomben gingen tatsächlich hoch und richteten einen Millionenschaden an. Einen schweren Fehler hatten die vier trotzdem begangen: Sie hatten nicht daran gedacht, ihre Spuren zu verwischen. Als Polizisten zwei Tage später den grauen VW-Käfer untersuchten, mit dem die Gruppe nach Frankfurt gereist war, fanden sie Teile der Reisewecker, Einkaufslisten mit allen Zutaten der Bomben, in Ensslins Jacke sogar einen Zettel mit den genauen Grammmengen des benötigten Phosphors, Schwefels und Kaliumchlorats. Jeder der Täter erhielt drei Jahre Zuchthaus. Die gewaltsame Befreiung Baaders wurde später zur Geburtsstunde der RAF.

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