"Ein verbaler Haudrauf"

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Aktivist Jean Ziegler : „Ich bin so radikal, weil ich die Opfer kenne“
Interview: Harald Schumann Norbert Thomma

Liegt die Hauptverantwortung nicht bei den Machthabern der Hungerländer selbst, die sich bereichern und sonst nichts tun?

Das stimmt. Im Kongo zum Beispiel plündern ausländische Bergbauunternehmen die wertvollen Erzvorkommen an Coltan und anderen Metallen in eigenen Enklaven aus und schaffen sie mit Lastwagenkolonnen zu den Häfen in Kenia. Ich habe das selbst gesehen. Und 1800 Kilometer westlich sitzt dieser Joseph Kabila, der korrupteste Hund, den es gibt, und kriegt für jede Unterschrift einen fetten Scheck. Genauso der Diktator von Kamerun, Paul Biya, er hat dieses wunderbare Agrarland völlig heruntergebracht. Nur, diese Kleptokraten sind an der Macht, weil internationale Konzerne sie da gut brauchen können, es sind reine Marionetten.

Das können Sie von Indiens Regierung wohl kaum behaupten. Dort lebt ein Drittel aller Unterernährten der Welt. Was können die Regierungen oder Konzerne des Nordens dafür, dass die indischen Eliten ihr Volk hungern lassen?

Sie profitieren davon, dass Indiens Politik Hightech-Zentren und die Rohstoffgewinnung fördert anstatt die Entwicklung der ländlichen Regionen, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt.

Warum greifen Sie die indische Führung dann nicht genauso massiv an, wie Sie es mit den Verantwortlichen in reichen Ländern tun?

Mao sagte, man solle seine Gegner einen nach dem anderen schlagen. Ich bin ein weißer Intellektueller und habe Zugang zum hiesigen Herrschaftswissen und -bewusstsein. Darum kämpfe ich hier.

Als Strategie gegen den Hunger propagieren Sie „konkrete Aktionen, Aufstände, Landbesetzungen“. Das passiert längst jeden Tag irgendwo auf der Welt, ohne an der globalen Agrarpolitik etwas zu ändern.

Doch, es gibt Hoffnung. Jeder dieser mörderischen Mechanismen ist menschengemacht und kann von Menschen gebrochen werden. Kant schrieb: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Dieses Bewusstsein gilt es in den Herrschaftsländern zu wecken.

Wer soll das denn bewerkstelligen?

Sie! Ich. Wir. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen in die Hand. Nahrungsspekulation kann morgen per Gesetz gestoppt werden. Bioethanol kann morgen verbannt werden. Der Bundesfinanzminister kann verpflichtet werden, auf eine andere Politik beim IWF zu drängen.

Nur die Mehrheiten müssen Sie dafür gewinnen.

Che Guevara hat gesagt, auch die stärksten Mauern fallen, wenn sie Risse bekommen. Bauernbewegungen von Bolivien bis zu den Philippinen holen sich das Land zurück, auch wenn das hier niemand zur Kenntnis nimmt. Und in Europa bewegt sich auch sehr viel.

Sie scherzen.

Die Zivilgesellschaft wird immer stärker. Nehmen Sie die Attac-Bewegung. Vor zwölf Jahren wurde der deutsche Zweig gegründet, um die Steuer auf Finanztransaktionen durchzusetzen. Heute ist das in Deutschland Regierungsprogramm. Wenn das kein Riss in der Mauer ist! Der französische Schriftsteller George Bernanosse sagte mal: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“

Gott? Sind Sie gläubig?

Ich antworte mit einem Zitat, da kann man sich gut hinter anderen verstecken. Victor Hugo sagte: „Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen, ich glaube an Gott.“ So geht es mir auch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach dem Tod nichts ist, bei all der Liebe, bei all der Aufopferung, zu der Menschen imstande sind.

Sie haben als Parlamentarier gegen die Schweizer Banken gekämpft, als UN-Berichterstatter den Hungernden beigestanden, als Autor Millionen Leser erreicht und von 1000 Bühnen gesprochen. Hat all das die Welt ein wenig besser gemacht?

Das darf man sich gar nicht fragen. Ich hoffe es, ich weiß es nicht. Man kennt die Früchte der Bäume nicht, die man pflanzt.

Nach Ihren Jahren als Beauftragter für das Recht auf Nahrung haben mehr Menschen gehungert als zu Beginn Ihrer Amtszeit. Das ist eine bittere Bilanz.

Wenn ich das höre, denke ich, mein Leben ist zu kurz. Aber es hält mich nicht vom Streiten ab. Wenn der US-Botschafter im UN-Menschenrechtsrat einfach behauptet, es gebe keine sozialen Menschenrechte, kein Recht auf Nahrung, dann bringt mich das auf die Palme.

Die Schweizer mögen es eigentlich ruhig, dezent und calvinistisch bescheiden. Sie dagegen sind so ein verbaler Haudrauf. Woher kommt Ihr Furor?

Ich bin seit je in einer unglaublich privilegierten Situation. Mein Vater war Gerichtspräsident, meine Mutter eine Bauerntochter, eine liebende Familie. Nur sah ich plötzlich mein Leben als reine Wiederholung des Bestehenden, und ich sah auch die bettelarmen Kinder, die zum Arbeiten an die Reichen ausgeliehen wurden. Da stimmte etwas nicht! Darum bin ich damals weggelaufen ...

… und sind im Paris der 60er Jahre an der Seite von Jean-Paul Sartre ein Radikaler geworden.

Ich argumentiere vielleicht etwas radikaler, weil ich die Opfer kenne. Die deutsche Steuerflucht in die Schweiz, die interessiert mich nicht, daran stirbt niemand. Doch im Spital in Kinshasa, da gibt es kein Antibiotikum, die Leute sterben, wenn sie sich bei einem Schnitt infizieren. Und wo liegt das Geld, das zu ändern? Bei den Wegelagerern in Zürich, den Banken. Dann war ich Professor, der angenehmste Beruf, den es gibt, Lohn kassieren ohne Leistungskontrolle, dann mein Parlamentsmandat und natürlich die UNO, die mir die Mitarbeiter und Reisen bezahlt. Es sind diese unglaubliche Privilegien, die mich verpflichten zu kämpfen.