Aktivist Jean Ziegler : „Ich bin so radikal, weil ich die Opfer kenne“

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger – das lässt Jean Ziegler nicht ruhen. Er nennt Banken und Konzerne „Massenmörder“. Und hofft auf die Revolte von unten.

Interview: Harald Schumann Norbert Thomma
Intellektueller Jean Ziegler
Intellektueller Jean ZieglerFoto: Mike Wolff

Herr Ziegler, Sie schildern den Hungertod als sehr „qualvoll“. Wo sind Sie ihm erstmals begegnet?

In Äthiopien, in einem unterirdischen Lazarett der eritreischen Befreiungsbewegung. In diesem Höhlenbunker sah ich Kinder, die an Hunger starben. Es ist viel, viel schlimmer, als wir uns das vorstellen. Denn es ist ja nicht so, dass mit der fehlenden Nahrung die Lebensenergie eines Menschen einfach verlöscht. Nein, wenn seine Reserven verbraucht sind, kommt die Infektion der Atemwege, dann der blutige Durchfall, dann bricht das Immunsystem zusammen, dann versagen die Muskeln – es ist sehr schmerzhaft anzuschauen.

Dieses Dahinsiechen haben Sie über Jahre tausendfach gesehen. Wie werden Sie damit fertig?

Ich musste heftig dagegen ankämpfen, mich mit den Opfern zu identifizieren. Man sieht da sofort seine eigenen Kinder und Enkel. Das muss man abstellen, sonst kann man eine Arbeit wie meine gar nicht machen. Das klingt zynisch, aber ich musste es lernen. Auch wenn es nie richtig geklappt hat. Es bleibt immer das Gefühl von Wut, von Ohnmacht.

Verfolgt Sie das bis in Ihre Träume?

Total. In den Nächten sah ich Kinder, die mir ihre Hände entgegenstreckten, sah, wie sie sich über meine Liege beugten, wie ich irgendwas sagen will und nicht kann. Die Fakten sind so entsetzlich. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57 000 Menschen jeden Tag, eine Milliarde sind schwerst unterernährt, und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt und eigentlich zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte.

Sie übertreiben gern.

Nein. Die UN-Agrarorganisation FAO hat das sehr plausibel nachgewiesen. Marx hat geglaubt, der „objektive Mangel“ würde die Menschheit dazu verdammen, immer weiter um die wenigen Güter zu kämpfen. Das war ein Irrtum. Die Produktivkräfte sind unglaublich gewachsen. Heute ist das Problem nicht mehr die Produktion, sondern der Zugang der Menschen zu Mais, Gemüse, Reis … Viele haben das Geld nicht.

Was war das Schlimmste, das Sie als UN-Sonderberichterstatter erleben mussten?

Die Momente, wo ich die Menschen verraten habe – die haben mich wirklich gequält.

Verraten? Sie, Herr Ziegler?

Ja, etwa Anfang 2005 in Guatemala. Dort besitzen 1,5 Prozent der zehn Millionen Einwohner gemeinsam mit Konzernen wie dem Bananenmulti Del Monte 65 Prozent des Bodens. Die meisten ursprünglichen Bewohner müssen von steinigen Maisäckern an den Berghängen leben. Im Vorjahr waren 92 000 Kinder am Hunger gestorben. Und dann kamen wir mit unserem ganzen Tross weiß-blauer UN-Fahrzeuge an, protokollierten die Vertreibung der Leute, dass sie keine Entschädigung bekommen hatten, all das Elend. Plötzlich sah ich Hoffnung in ihren Augen: Ein Weißer, der uns zuhört und helfen wird! Es war schrecklich.

Haben Sie denn konkrete Hilfe versprochen?

Ich habe Visitenkarten verteilt, die sie vorzeigen sollten im Falle einer Verhaftung. Was für ein Blödsinn. Sie haben die Karten wie einen Talisman auf die Brust gepresst. Da wusste ich doch schon, was passieren würde, wenn ich der UN-Generalversammlung meine Empfehlung vortrage: eine Landreform, die Neuverteilung des Bodens.

Was die Menschen dort seit hundert Jahren fordern.

Mein Vorschlag wurde natürlich abgeschmettert von den westlichen Regierungen, weil deren Diplomaten wie Lakaien der Agrarkonzerne agieren. Und das wusste ich schon in Guatemala.

Sie machen sich Vorwürfe?

Ja, ich war es doch, dem diese Bauern vertrauten. Und ich konnte die Hoffnungen nicht erfüllen. Erreicht habe ich nur eins: Jetzt wird wenigstens dank Geldern der Weltbank mit einer ordentlichen Kartierung Guatemalas die Voraussetzung für die Erstellung eines Grundbuchs geschaffen. Wenn sich irgendwann die Machtverhältnisse ändern, ist eine Landreform wenigstens machbar.

Ihre viel zitierte Anklage lautet: „Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Wer sind die Mörder?

Wir alle, wenn wir schweigen. Zu den Tätern zählen auf jeden Fall die Banditen in den Banken und Hedgefonds, die an den Rohstoffbörsen mit Agrarrohstoffen spekulieren und die Preise hochtreiben. Deshalb können sich 1,25 Milliarden Menschen in den Slums, die mit weniger als 1,50 Dollar am Tag auskommen müssen, nicht mehr genug Nahrung kaufen. Diese Spekulanten sind Massenmörder.

Hungernde gab es auch, bevor die Banken die Rohstoffbörsen eroberten.

Aber dieses Raubgesindel hat auch das Finanzsystem ins Chaos gestürzt, und die westlichen Regierungen mussten dafür mehr als 1000 Milliarden Dollar bereitstellen. Gleichzeitig wurden die Beiträge zum UN-Welternährungsprogramm heruntergesetzt, das den Menschen bei akuten Krisen hilft. Die Folge ist, dass, nur zum Beispiel, in Nordkenia die Helfer jeden Tag Hunderte von Familien zurückweisen müssen, weil sie von den reichen Regierungen des Nordens nicht genug Geld bekommen, um das teure Getreide zu kaufen. Und …

Spekulation ist allenfalls eine von vielen Ursachen.

… dazu kommt der Wahnsinn mit den Agrartreibstoffen. Die Amerikaner verbrennen 40 Prozent ihrer jährlichen Maisernte in Automotoren. Und auch in Europa werden zig Millionen Tonnen Getreide zu Biodiesel, Bioethanol und Biogas verarbeitet. Das bringt für den Klimaschutz gar nichts, ist jedoch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, solange so viele Menschen hungern. Nur die Agrar- und Energiekonzerne verdienen daran.

Von den weltweit agierenden Agrarhandelskonzernen wie Cargill oder Glencore behaupten Sie sogar, deren Chefs würden entscheiden, wie viele hungern müssen. Beweisen können Sie das nicht.

Doch. Nahrung bekommt nur, wer sie bezahlen kann. Und diese Konzerne kontrollieren 85 Prozent des Handels mit Grundnahrungsmitteln und beherrschen so die Preisbildung.

Das würde nur als Kartell gehen.

Natürlich stimmen die sich ab! Ein Markt, auf dem so wenige Akteure so große Mengen handeln, da finden sich auch ohne Verschwörung im Hinterzimmer subtile, oligopolistische Arrangements.

Der allergrößte Teil der Welternten wird in den Ernteländern selbst vermarktet. Damit haben Ihre bösen Konzerne nichts zu tun.

Indirekt schon, denn sie fixieren den Weltmarktpreis, an dem sich alle nationalen Märkte ausrichten. Ich habe selbst mitbekommen, wie die Weizenproduzenten in Kasachstan oder die Reishändler in Nigeria ihre Preise völlig daran orientieren.

Der frühere Chef des Nahrungsmittelriesen Nestlé, Peter Brabeck-Letmate, wirft Ihnen „ideologisch getriebene Polemik“ vor. Tatsache sei, „dass wir jede Sekunde zwei Menschen mehr zu ernähren und 0,2 Hektar Agrarfläche weniger zur Verfügung haben“. Darum würden Lebensmittel immer teurer.

Ach, der Brabeck. Der fühlt sich angegriffen und sagt, er sei der falsche Gegner. Er ist ein kluger Mann, aber doch auf der falschen Seite. Natürlich ist der demografische Druck nicht zu bestreiten. Und doch gibt es einen Überfluss an Nahrung. Es sind die Strukturen, die strukturelle Gewalt, die den Armen den Zugang verwehren. Und die Institutionen der reichen Länder machen es fortwährend schlimmer.

Schon wieder so ein pauschaler Vorwurf.

Nein, es ist immer dasselbe: Ein Land ist überschuldet, dann kommen der IWF und die Weltbank und sagen, ja, ihr müsst eben die Baumwollfelder vergrößern oder andere Exportkulturen, um das Geld zu verdienen für den Schuldendienst. Im Ergebnis gibt es weniger Hirse, weniger Tomaten, weniger Reis. Und besonders schlimm ist das „land grabbing“, also der Verkauf von zig Millionen Hektar Bauernland an ausländische Investoren. In Afrika sind deswegen 2011 die Bauern von 41 Millionen Hektar Land vertrieben worden. Die Weltbank finanziert solche Projekte mit der perfiden Begründung, die ansässigen Bauern seien nicht so produktiv wie die Agrarunternehmen.

Sie schreiben selbst, Afrikas Landwirtschaft ist so produktiv wie die europäische im Mittelalter. 600 Kilo Ertrag pro Hektar dort, 10 000 Kilo hierzulande.

37 von 54 afrikanischen Staaten sind Agrarländer. Diese Bauern sind nur deshalb wenig produktiv, weil die Staaten unter ihrer Schuldenlast leiden und nicht in die Landwirtschaft investieren konnten. Den Menschen ist nicht geholfen, wenn die Konzerne dort für den Weltmarkt produzieren. Stattdessen müssten die Staaten entschuldet werden, damit sie den Kleinbauern die nötigen Mittel für Dünger, Lagerhaltung und Transport zur Verfügung stellen können. Das Ziel muss die Selbstversorgung in den armen Ländern sein.

Liegt die Hauptverantwortung nicht bei den Machthabern der Hungerländer selbst, die sich bereichern und sonst nichts tun?

Das stimmt. Im Kongo zum Beispiel plündern ausländische Bergbauunternehmen die wertvollen Erzvorkommen an Coltan und anderen Metallen in eigenen Enklaven aus und schaffen sie mit Lastwagenkolonnen zu den Häfen in Kenia. Ich habe das selbst gesehen. Und 1800 Kilometer westlich sitzt dieser Joseph Kabila, der korrupteste Hund, den es gibt, und kriegt für jede Unterschrift einen fetten Scheck. Genauso der Diktator von Kamerun, Paul Biya, er hat dieses wunderbare Agrarland völlig heruntergebracht. Nur, diese Kleptokraten sind an der Macht, weil internationale Konzerne sie da gut brauchen können, es sind reine Marionetten.

Das können Sie von Indiens Regierung wohl kaum behaupten. Dort lebt ein Drittel aller Unterernährten der Welt. Was können die Regierungen oder Konzerne des Nordens dafür, dass die indischen Eliten ihr Volk hungern lassen?

Sie profitieren davon, dass Indiens Politik Hightech-Zentren und die Rohstoffgewinnung fördert anstatt die Entwicklung der ländlichen Regionen, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt.

Warum greifen Sie die indische Führung dann nicht genauso massiv an, wie Sie es mit den Verantwortlichen in reichen Ländern tun?

Mao sagte, man solle seine Gegner einen nach dem anderen schlagen. Ich bin ein weißer Intellektueller und habe Zugang zum hiesigen Herrschaftswissen und -bewusstsein. Darum kämpfe ich hier.

Als Strategie gegen den Hunger propagieren Sie „konkrete Aktionen, Aufstände, Landbesetzungen“. Das passiert längst jeden Tag irgendwo auf der Welt, ohne an der globalen Agrarpolitik etwas zu ändern.

Doch, es gibt Hoffnung. Jeder dieser mörderischen Mechanismen ist menschengemacht und kann von Menschen gebrochen werden. Kant schrieb: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Dieses Bewusstsein gilt es in den Herrschaftsländern zu wecken.

Wer soll das denn bewerkstelligen?

Sie! Ich. Wir. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen in die Hand. Nahrungsspekulation kann morgen per Gesetz gestoppt werden. Bioethanol kann morgen verbannt werden. Der Bundesfinanzminister kann verpflichtet werden, auf eine andere Politik beim IWF zu drängen.

Nur die Mehrheiten müssen Sie dafür gewinnen.

Che Guevara hat gesagt, auch die stärksten Mauern fallen, wenn sie Risse bekommen. Bauernbewegungen von Bolivien bis zu den Philippinen holen sich das Land zurück, auch wenn das hier niemand zur Kenntnis nimmt. Und in Europa bewegt sich auch sehr viel.

Sie scherzen.

Die Zivilgesellschaft wird immer stärker. Nehmen Sie die Attac-Bewegung. Vor zwölf Jahren wurde der deutsche Zweig gegründet, um die Steuer auf Finanztransaktionen durchzusetzen. Heute ist das in Deutschland Regierungsprogramm. Wenn das kein Riss in der Mauer ist! Der französische Schriftsteller George Bernanosse sagte mal: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“

Gott? Sind Sie gläubig?

Ich antworte mit einem Zitat, da kann man sich gut hinter anderen verstecken. Victor Hugo sagte: „Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen, ich glaube an Gott.“ So geht es mir auch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach dem Tod nichts ist, bei all der Liebe, bei all der Aufopferung, zu der Menschen imstande sind.

Sie haben als Parlamentarier gegen die Schweizer Banken gekämpft, als UN-Berichterstatter den Hungernden beigestanden, als Autor Millionen Leser erreicht und von 1000 Bühnen gesprochen. Hat all das die Welt ein wenig besser gemacht?

Das darf man sich gar nicht fragen. Ich hoffe es, ich weiß es nicht. Man kennt die Früchte der Bäume nicht, die man pflanzt.

Nach Ihren Jahren als Beauftragter für das Recht auf Nahrung haben mehr Menschen gehungert als zu Beginn Ihrer Amtszeit. Das ist eine bittere Bilanz.

Wenn ich das höre, denke ich, mein Leben ist zu kurz. Aber es hält mich nicht vom Streiten ab. Wenn der US-Botschafter im UN-Menschenrechtsrat einfach behauptet, es gebe keine sozialen Menschenrechte, kein Recht auf Nahrung, dann bringt mich das auf die Palme.

Die Schweizer mögen es eigentlich ruhig, dezent und calvinistisch bescheiden. Sie dagegen sind so ein verbaler Haudrauf. Woher kommt Ihr Furor?

Ich bin seit je in einer unglaublich privilegierten Situation. Mein Vater war Gerichtspräsident, meine Mutter eine Bauerntochter, eine liebende Familie. Nur sah ich plötzlich mein Leben als reine Wiederholung des Bestehenden, und ich sah auch die bettelarmen Kinder, die zum Arbeiten an die Reichen ausgeliehen wurden. Da stimmte etwas nicht! Darum bin ich damals weggelaufen ...

… und sind im Paris der 60er Jahre an der Seite von Jean-Paul Sartre ein Radikaler geworden.

Ich argumentiere vielleicht etwas radikaler, weil ich die Opfer kenne. Die deutsche Steuerflucht in die Schweiz, die interessiert mich nicht, daran stirbt niemand. Doch im Spital in Kinshasa, da gibt es kein Antibiotikum, die Leute sterben, wenn sie sich bei einem Schnitt infizieren. Und wo liegt das Geld, das zu ändern? Bei den Wegelagerern in Zürich, den Banken. Dann war ich Professor, der angenehmste Beruf, den es gibt, Lohn kassieren ohne Leistungskontrolle, dann mein Parlamentsmandat und natürlich die UNO, die mir die Mitarbeiter und Reisen bezahlt. Es sind diese unglaubliche Privilegien, die mich verpflichten zu kämpfen.