Amundsen, Cook, Parry & Co. : Von Helden der Isolation in der Coronavirus-Krise lernen

Über die langen Phasen der Selbstbeschäftigung verloren berühmte Entdecker kaum ein Wort. Von der vergessenen Kunst des Zeitgewinns.

32 Quadratmeter Heimat. Roal Amundsen (hinten rechts) und seine Gefährten.
32 Quadratmeter Heimat. Roal Amundsen (hinten rechts) und seine Gefährten.Foto: imago/United Archives International

Sie gehen kaum vor die Tür. Höchstens einzeln, um die Hunde zu versorgen. Monatelang geht das so in diesem antarktischen Winter, der im März 1911 begonnen hat und Ende August immer noch anhält. Irgendwann würde das Warten vorbei sein, das wissen sie. Aber sie sind ungeduldig. Besonders einer von ihnen.

Für Roald Amundsen tickt eine Uhr, die ihm entweder ewigen Ruhm oder die Schmach des Zweiten beschert. Hat der Norweger sich doch auf einen „Wettlauf zum Südpol“ eingelassen, der ihn stärker unter Druck setzt als seinen Kontrahenten, den britischen Marineoffizier Robert F. Scott. Dessen Vorsprung muss einige Monate betragen, wenn nicht sogar Jahre. Und er hat Motorschlitten. Amundsen drängt zum Aufbruch.

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Die Hütte an der Bay of Whales, in der Amundsen und seine zehnköpfige Truppe das Ende des Winters erwarten, trägt den Namen Framheim, misst vier mal acht Meter und besteht aus einem Raum. An den Seitenwänden befinden sich Doppelstockkojen – das einzige, was den Männern an Privatsphäre bleibt. Und nicht mal das. Sie hören einander husten und stöhnen, und es knarzt wenn sie im Schlaf ihre Lage ändern.

Der Preis der Ungeduld

Die Mitte des Zimmers nimmt ein großer Tisch ein, und es hat sich ergeben, dass jeder einen festen Platz hat. Amundsen sitzt am Fenster, durch das man aber nicht hinaussehen kann. Der Wind hat Framheim unter einer Schneewehe begraben. Den Ausgang schaufeln sich die Männer immer wieder frei. An Geburtstagen erheben sie das Glas. Kontakt zur Außenwelt haben sie nicht. Funkverbindungen entstehen damals erst. Die Stimmung ist gut.

Nur über den Zeitpunkt des Aufbruchs herrscht Uneinigkeit. Und als Amundsen nach sechs Monaten des Wartens am 8. September die Hunde vor die Schlitten spannen und seine Männer losfahren heißt, kommt es zum ersten Streit. Hjalmar Johansen meint, dass es noch zu früh sei. Vor allem der Hunde wegen. Und er kennt sich am besten mit Hunden aus. Sie würden in der Kälte von bis zu 60 Grad minus am meisten leiden und die Lasten bald nicht mehr ziehen können, prophezeit er.

Johansen soll Recht behalten. Nach einer Woche gibt Amundsen den Versuch auf. Der Rückzug gleicht einer Flucht, etliche Hunde gehen drauf, und als Amundsen sich 80 Meilen vor Framheim mit zwei Getreuen absetzt, ist plötzlich jeder sich selbst überlassen. In der Kälte und ohne Proviant bleiben Johansen und der Jüngste des Trupps, Christian Prestrud, weit hinter den anderen zurück. Prestrud muss zu Fuß gehen, Johansens Gespann zerrt den Schlitten mit blutigen Pfoten durchs Eis.

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Sie kämen um, wenn Johansen nicht ein so zäher und erfahrener Arktisfahrer wäre. 16 Jahre zuvor hatte er Fridtjof Nansen bei dessen abenteuerlichem Vorstoß zum Nordpol begleitet. Gemeinsam waren sie eineinhalb Jahre im Packeis auf sich allein gestellt gewesen.

Nun bewahrt er dessen Protegé Amundsen vor der Blamage, die der Verlust von zwei Expeditionsteilnehmern bedeutet hätte. Um Mitternacht erreichen die beiden Nachzügler das Winterlager, fünf Stunden nach den anderen. Am nächsten Morgen wendet sich Amundsen an Johansen mit den Worten: „Sag mir, warum seid ihr gestern erst so spät heimgekommen?“

Bloß rumgesessen?

In den Erzählungen der Entdecker kommt es auf Taten an. Sie singen das ewige Lied der Überwindung, die dem Wort Abenteuer erst seinen heroischen Klang geben. Dass die „Eroberer des Nutzlosen“, wie Reinhold Messner seinesgleichen nennt, den Großteil ihrer Zeit gar nichts entdecken, sondern abwarten, bleibt meistens eher unerwähnt. Dabei ist dieses Stillhalten eine Kunst für sich, die – wie in der derzeitigen Coronavirus-Krise – über Erfolg oder Scheitern entscheidet.

So hatte Amundsens berühmte Durchquerung der Nordwestpassage, die er 1903 begonnen hatte, drei Überwinterungen nötig gemacht, von denen er zwei am selben Ort verbrachte. 40 Monate dauerte seine Reise mit der Gjöa durchs arktische Archipel, doch war er davon nur etwas mehr als sieben tatsächlich unterwegs.

Den Rest der Zeit lag der Haikutter eingefroren im Eis, während Amundsen den Umgang der Innuit mit Schlittenhunden studierte. Er kleidete sich auch wie sie und legte so die Grundlagen für seinen späteren Südpol-Triumph.

Der Leiter der Südpol-Expedition Captain Robert Falcon Scott.
Der Leiter der Südpol-Expedition Captain Robert Falcon Scott.Foto: imago/UIG

Zahllose weitere Beispiele ließen sich nennen von Eisgängern und Bergsteigern, die in Zelten, Hütten und Höhlen auf bessere Bedingungen warteten, denen die Zeit zerrann, die Hilfe benötigten, die fast verhungert wären. Wie Frederick Cook und seine beiden Innuit-Begleiter, die sich einen arktischen Winter lang in einem Erdloch auf Devon Island verkrochen und erst nach 14 Monaten wieder unter Menschen kamen. Hernach behauptete der Amerikaner, dass er den Nordpol ein Jahr vor seinem Landsmann Peary erreicht hatte.

Unvergessen ist auch Douglas Mawson, Australier, der 1912 am Südpol als einziger Überlebender einer Expedition in die „Heimat der Schneestürme“ bei seiner Rückkehr zum Stützpunkt gerade noch das Schiff am Horizont verschwinden sah, das ihn hatte abholen sollen. Ein ganzes weiteres Jahr musste er, verletzt und ausgezehrt, in einer Hütte auf dem weißen Kontinent ausharren. Und schließlich ist da die Besatzung der Fram, die 35 Monate auf ihrem Schiff im Packeis festsaß. Ihre Drift Richtung Nordpol war die eleganteste Art, Nichtstun mit Fortschritt zu verbinden.

Ihnen allen stellten sich dieselben Fragen: Wie einander nicht auf die Nerven gehen? Welcher Rituale und Tagesabläufe bedient man sich? Was, wenn sich die Autorität verschiebt?

Der junge Kapitän Parry ließ Theater spielen

Der junge britische Kapitän Edward Parry war besonders eifrig darin, seine Mannschaft bei Laune zu halten. Er erkannte, dass die größte Gefahr von grassierender Langeweile ausging, vor allem bei jenen, die, wie er schrieb, „über wenig inneren Reichtum verfügten“. So führte er, während er nach der Nordwestpassage suchte, 1819 für die Analphabeten an Bord Bildungsprogramme ein, lehrte sie Lesen und Schreiben, rief eine Bordzeitung ins Leben und begründete die Tradition der „Theatergruppen“.

Seine Offiziere animierte er, Frauenrollen zu spielen. Er selbst nahm sich von dem burlesken Mummenschanz nicht aus, schrieb eigene Stücke und setzte selbst komödiantische Akzente – und es spricht für die Autorität des 30-Jährigen, dass er mitspielen konnte, ohne den Spaß zu gefährden.

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Auf Parrys zweiter Fahrt ins Eis, waren extra Kostüme und Requisiten an Bord und hielten die Mannschaftsmoral zwei lange Winter aufrecht. Auf seiner dritten Reise verlor er ein Schiff, das im Sturm vom Treibeis zerdrückt wurde, doch abermals führte er seine Männer wohlbehalten nach England zurück. Niemand beschwerte sich über die Strapazen. Thor Heyerdahl sollte später sagen: „Ein herzhaftes Lachen nimmt wenig Gewicht in Anspruch, wiegt indes schwer auf einer Expedition.“

Darüber, wie viel Bücher wiegen, brach einmal ein Streit aus zwischen dem exzentrischen britischen Bergsteiger Aleister Crowley und seinem Ko-Chef. Die beiden Männer teilten sich die Leitung der Karakorum-Expedition, als sie an den Fuß des mächtigen Baltoro-Gletschers gelangten, der geradewegs hineinführt in die zerklüftete Bergwelt des nördlichen Pakistan, überragt von majestätischen Achttausendern.

Nicht ohne meine Bücher

Der Weg durch dieses Eisdelta ist beschwerlich, doch Crowley bestand darauf, dass seine Büchertruhe nicht zurückgelassen werde. Er leide „lieber körperlich denn geistig“, sagte er, wurde allerdings bald darauf schneeblind, so dass er die einsamen Stunden im Zelt auf beide Arten litt.

Meistens wussten die Entdecker und Höhenbergsteiger, worauf sie sich eingelassen hatten – oder sie behielten, da sie es freiwillig getan hatten, die Überraschung für sich. Aber was, wenn sie es nicht wussten? Oder erst allmählich begriffen?

Wie zerstörerisch sich eine erzwungene Überwinterung auf die Gemütslage auswirken kann, erlebte Frederick Cook als Schiffsarzt der „Belgica“, die 1897 unvorsichtigerweise im Eisgürtel der Antarktis einfror. Cook schaffte es, dass kein Mitglied der Mannschaft, zu der auch der junge Roald Amundsen als Steuermann gehörte, an Mangelernährung starb.

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Doch schrieb er eindrücklich über die „Polaranämie“, die seine Begleiter befiel. Mit Schwinden des Tageslichts ging auch der Wille verloren, sich selbst am Leben zu erhalten. Antriebslos vegetierte die Crew dahin, blass und übermüdet, unfähig zur Arbeit. Ein Seemann verlor den Verstand, ein Offizier starb nach wiederholten Herzattacken.

Da der Kapitän sich nicht darauf vorbereitet hatte, 13 Monate eingefroren im Eis zu verbringen, verpufften seine hilflosen Versuche, die Moral des Trupps zu heben. Die Leute schnitten Frauenbilder aus Zeitschriften, um einen Schönheitswettbewerb zu veranstalten. Aber bald waren sie ihrer „gegenseitigen Gesellschaft so müde“, wie Cook schrieb, dass sie sich in sich selbst verkrochen. Einer schickte Briefe an seine Frau, die er in ein Eisloch legte in dem Glauben, dass es der Briefkasten war.

Die letzte Kugel

Als Amundsen 13 Jahre nach der „Belgica“-Erfahrung zur Eiskappe des Südpols zurückkehrte, wollte er unbedingt vermeiden, was Cook als „Irrenhaus“ beschrieben hatte. Doch sollte er in seinem Bericht später kaum ein Wort über das Winterlager verlieren, das er mit dem brennenden Ehrgeiz, den Engländern „ihren“ Pol streitig zu machen, zu früh verließ.

Auch Hjalmar Johansens Warnung kam in seinem Buch nicht vor. Geschweige denn, was sich aus ihr ergab: Dass an Johansen ein Exempel statuiert und er von der Expedition ausgeschlossen wird; dass sein Name systematisch getilgt wird aus der – beim zweiten Anlauf – unproblematischen „Eroberung des Südpols“. Nach seiner einsamen Rückkehr nach Norwegen jagt sich Johansen eine Kugel in den Kopf.

Robert E. Peary an Bord der S.S. Roosevelt vor seiner Nordpol-Expedition.
Robert E. Peary an Bord der S.S. Roosevelt vor seiner Nordpol-Expedition.Foto: imago images / glasshouseimages

Über Johansens trauriges Schicksal wäre heute wenig bekannt, wenn der Schriftsteller Ragnar Kvam Jr. nicht umfangreiche Recherchen angestellt hätte für sein 1997 veröffentlichtes Buch „Im Schatten“, das die Geschichte des „dritten Mannes“ hinter Nansen und Amundsen schildert. Seine Tragik ist die eines olympischen Turners und brillanten Skiläufers, der sich vom Leben schlecht behandelt fühlt, zu viel trinkt und hofft, seine Probleme im Eis hinter sich zu lassen.

Hintergrund zum Coronavirus:

Er ist der einzige, den Amundsen nicht selbst ausgesucht hat. Johansen war ihm von Nansen aufs Auge gedrückt worden als Dank für die gut ausgerüstete Fram, ohne die der geldklamme Polfahrer sich gar nicht erst auf den Weg hätte machen können. Johansen sah seine Chance und nahm sie an, führte die Hundegespanne geschickt und ackerte unermüdlich. Seinen Begleitern blieb nicht verborgen, wie viel versierter sich der 44-Jährige anstellte als Amundsen, der 39 war, aber älter aussah. So meinte er, dass die Schlitten zu schwer seien.

Als Ende April die Sonne versank, widmeten sich die Norweger nicht wissenschaftlichen Erkundungen wie ihre englischen Konkurrenten, sondern optimierten ihre Ausrüstung. Das Gewicht der Schlitten reduzierten sie auf weniger als ein Drittel, machten ihr Schuhwerk leichter, wärmer und bequemer und arbeiteten ein Stausystem aus, das ihnen erlaubte, an die Vorratskisten zu gelangen, ohne erst den gesamten Schlitten entladen zu müssen. Alles war darauf ausgerichtet, Kräfte zu sparen und schnell voranzukommen.

Das Missverständnis und die „Meuterei“

Nach seinem verfrühten Aufbruch wartet Amundsen, der Framheim als erster wieder erreicht, auf die Rückkehr seiner Leute und beruhigt sich mit dem Wissen ums Johansens große Erfahrung. Wenn einer es ohne Verpflegung und Zelt sicher durch die Nacht schaffen kann, dann er.

In Johansen brodelt es. Ihn erbittert, so im Stich gelassen zu werden. Als er in Framheim eintrifft, den erschöpften Prestrud im Schlepptau, würdigt er den Chef keines Wortes, einen „guten, verständigen und liebenswürdigen Chef“, wie er Amundsen Wochen zuvor gelobt hat.

Amundsen soll später von einer „Meuterei“ gegen ihn sprechen. Aber das hat Johansen gewiss nicht im Sinn, als es auf die Frage, wo er so lange abgeblieben sei, aus ihrem herausplatzt: Was für ein Expeditionsleiter Amundsen glaube zu sein, wenn er zwei Männer allein zurücklasse? So etwas habe er noch nie erlebt, darüber könne man nur lachen. Warum er seine, Johansens, Warnungen vor der Kälte in den Wind geschlagen habe, obwohl er es doch besser gewusst haben müsse?

Johansen spricht aus, was die meisten seiner Begleiter in diesem Moment denken. Die hören erschrocken zu, wie der Beste unter ihnen fragt, ob Amundsen denn nichts anderes als die Engländer im Kopf habe. „Das nenne ich keine Expedition“, schließt Johansen, „sondern Panik.“ Wie schwer dieser Vorwurf wiegt, lässt sich nur in der kargen Enge einer Hütte ermessen, in der neun Personen vier Monate lang auf ein Ziel hingearbeitet haben: Effizienz.

Unter Schneemassen begraben

Amundsen begreift den Affront als Angriff auf seine Person, auf seine Führungseigenschaften, über die es bis dahin nicht den leisesten Zweifel gegeben hat. Vielleicht will er sich auch nur eines Rivalen entledigen. Jedenfalls greift er durch. Er verkleinert die Pol-Mannschaft von acht auf fünf Personen, schließt Johansen aus und degradiert ihn zusätzlich, indem er ihm eine Forschungsfahrt unter dem Kommando des jungen Leutnants Pestrud aufoktroyiert. In sein Tagebuch schreibt er: „Während einer Expedition darf es keine Kritik geben.“

Johansen und der Chef gehen nach dieser Entscheidung vor der Hütte sogar mit Fäusten aufeinander los, und Amundsen ist sich sicher, dass es das „Ende unseres großartigen Zusammenhalts“ ist. Die Geschichte gibt den Erfolgsmenschen Recht, oder etwa nicht? Johansen zum Sündenbock zu machen, hat Amundsens Unternehmen gerettet. Und die Hütte, in der alles begonnen hat, versinkt in der Folgezeit unter Schneemassen. Von ihr ist nie wieder etwas gefunden worden. Es ist wie mit allen Dingen, die nur um des Wartens willen existieren: Als habe es sie nie gegeben.