Angie Pohlers sucht die Liebe : Nicht zum Abschuss freigegeben

Wie eine spontane Kaffeeeinladung von einem fremden Mann unsere Kolumnistin aus der Fassung brachte.

Flirtwillig. Wer Frauen auf der Straße anspricht, riskiert schlimmstenfalls einen Korb.
Flirtwillig. Wer Frauen auf der Straße anspricht, riskiert schlimmstenfalls einen Korb.Foto: imago/Panthermedia

Es passierte, als ich auf die U-Bahn wartete. In den Ohren Musik, die Gedanken irgendwo, da schob sich von rechts etwas in mein Blickfeld. Ein Typ mit rasiertem Kopf, sein Mund formte Worte, ich zog die Kopfhörer runter. Er setzte von Neuem an. „Entschuldigung, ich habe dich hier gerade gesehen und dachte, du hättest vielleicht spontan Lust auf einen Kaffee?“ Ich starrte ihn perplex an. Ebenso gut hätte der einfahrende Zug über mich rüber donnern können. Mein Gehirn brauchte eine Sekunde, um zu kapieren, dass es nicht um eine Unterschrift gegen den Walfang in Japan ging, sondern darum, mit einem wildfremden Menschen mindestens eine halbe Stunde Zeit zu verbringen. Ohne auch nur irgendetwas über ihn zu wissen, nicht mal seinen Namen, nur dies: Der Kaffee stand nicht im Vordergrund.

Aus der wohligen Anonymität der Großstadt war ich herausgerissen worden und sollte mich blitzschnell entscheiden, ob ich meine große Liebe kennenlernen wollte – oder einen distanzlosen Psycho. Ungefähr so schätzte ich die Pole der Möglichkeitsskala ein. Beides war mir zu krass, ich lehnte höflich ab, mein Gesicht glühte. Der Glatzkopf lachte seine Verlegenheit, wenn es die überhaupt gab, problemlos weg. Das machte mich ein bisschen wütend. Auf ihn, weil es ihm egal zu sein schien, dass mir die Situation unangenehm war. Und auf mich, weil es mir unangenehm war. Entspann dich doch mal.

Wer „Frauen ansprechen“ googelt, findet unzählige Videos

Natürlich glaube ich, dass man auch ohne Apps und Kuppeleien die Liebe (oder was auch immer man gerade sucht) finden kann. Es macht trotzdem einen Unterschied, jemanden im Supermarkt zwischen Klopapier und Zahnseide in ein Gespräch zu verwickeln oder auf einer Party in der Küche, mit dem Weinglas in der Hand.

Eine Bekannte von mir würde gern einfach mal so angesprochen werden. Ich glaube, sie hat zu viele Hollywoodfilme gesehen, sonst würde sie es einfach selbst machen. Statistiken gibt es nicht, aber gefühlt sind es doch vor allem Männer, die solche Aktionen starten. Allein diesen Gendergap finde ich merkwürdig.

Wer „Frauen ansprechen“ googelt, findet unzählige Videos. Leicht aufgeputscht wirkende Männer verraten ihre Tricks, erinnern dabei an Pick-up-Artists oder beziehen sich sogar direkt auf dieses Phänomen, das vor einiger Zeit aus den USA zu uns schwappte und durchaus heftig kritisiert wurde. Da geben Typen Anmachkurse, die in Tonalität und und Wortwahl auch als Jagdseminare durchgehen könnten. Ihre anvisierte Beute: Nichtsahnende Frauen, die man am besten überrumpelt, damit sie nicht ablehnen können. Hallo, 21. Jahrhundert!

Ein Kompromissvorschlag für alle Romantiker und Aufreißer

In einem Filmchen, das fast 30 000 Klicks hat, erläutert „Flirt-Coach“ Marko Polo, wie er sich dem Zielobjekt (hier dargestellt von seinem „Schatz“) von hinten in einem Bogen nähert, schräg von vorne ankommt, rückwärts mitläuft und – ja, echt! – anderthalb Armlängen Abstand hält. „Das macht das Ganze so’n bisschen lockerer.“ Ob der Glatzkopf dieses Video gesehen hat? Würde meine Bekannte das jetzt auch noch romantisch finden? Bin ich unfair denen gegenüber, die einfach schüchtern sind, so wie vermutlich viele App-Nutzer auch?

Ein Kompromissvorschlag für alle hoffnungslosen Romantiker und Aufreißer: Wie wäre es mit einem in die Hand gedrückten Zettel? Darauf die Telefonnummer und eine kleine Erklärung. Noch ein Lächeln und Abgang, danke. Kein Druck für die Adressatin oder eben auch den Adressaten. Das entsprechende Video lade ich bald hoch.