Bei den Inuiut rankten sich viele Tabus um die Geburt

Seite 2 von 3
Arktis-Expedition : Das Schneebaby
Cornelia Gerlach

Am 8. Juli 1893 stiegen sie an Bord des Dampfers Flacon, um die Westküste von Grönland hoch bis in den äußersten Norden zu fahren. Insgesamt 14 überwiegend junge Abenteurer, die hofften, dass etwas von Pearys Ruhm auf sie abfärben würde. Sie waren allerdings nicht die Einzigen, die sich in diesen Tagen auf den Weg machten. Bereits am 5. Juli 1893 war Fritjof Nansen vom Norwegischen Trondheim aus mit zwölf handverlesenen Begleitern aufgebrochen, ihr Ziel: der Nordpol.

Pearys Plan sah vor, in einer Art Fertighaus als Expeditionshütte zu überwintern und dann im Frühjahr mit Schlitten über das Inlandeis zum Pol zu reisen. Josephine sollte im Basislager bleiben. Mit dem Kind.

Anders als bei Nansen war bei dem Amerikaner auch eine Kinderfrau mit an Bord – Robert Pearys Zugeständnis an seine Schwiegermutter, die von diesem Abenteuer wenig hielt und auf einer Fachkraft als Begleiterin bestanden hatte. Vermutlich hatte sie im Stillen gehofft, dass sich keine Frau finden würde, die sich auf so etwas einließe. Mr. Peary hatte also eine Anzeige geschaltet: „Gesucht: Ruhige Frau, ausgebildete Krankenschwester mit Erfahrung im Umgang mit Säuglingen, die bereit ist, für 18 Monate eine Expedition nach Grönland zu begleiten. Lohn 50 Dollar pro Monat. Und es wird von ihr erwartet, dass sie für das Team kocht, wenn ihre Dienste als Krankenschwester nicht benötigt werden.“ Sechs Frauen bewarben sich, eine von ihnen, Mrs. Cross, wurde eingestellt.

Während der ersten Expedition 1891 hatte Josephine Peary enge Kontakte zu den Eskimos gepflegt, die in jenem abgelegenen Teil von Grönland leben. Kaum war das Schiff gelandet, kamen die Familien auch schon, sie wieder zu begrüßen. Sie bestaunten den Bauch, der nun schon unübersehbar war, und beobachteten aufmerksam, wie Josephine einen Platz in der Hütte für ihr Baby zurechtmachte.

Bei den Inuit rankten sich viele Tabus um die Geburt. Niemals würde eine Inuit-Frau ihr Kind im Iglu der Familie zur Welt bringen. Man schlug ein kleines Zelt für sie auf oder baute ihr ein eigenes Iglu. Dann briet man ihr auf einem flachen Stein ein Stück Fleisch. Ansonsten durfte sie nichts essen, und niemand durfte ihr bei der Geburt helfen. Wenn das Kind endlich auf der Welt war, wusch die Inuitfrau sich und ruhte eine Nacht, bevor sie wieder in das gemeinsame Haus zurückkehrte. Dann nähte sie sich neue Kleider. Ein neuer Abschnitt im Leben begann. So hatten es die Polareskimos seit Generationen gehalten. So, fanden die Frauen, sollte es Josephine Peary auch halten.

Doch die ließ sich nicht beirren. Unterstützt von der Kinderfrau und dem Expeditionsarzt wollte sie ihr Kind in etwa so gebären, wie sie es auch in Washington getan hätte. Kinder kamen noch fast immer zu Hause zur Welt.

Als sich die ersten Wehen einstellten, schickte die Kinderfrau das Expeditionsteam aus dem Haus. Nur der Arzt und der werdende Vater durften bleiben. Am Nachmittag des 12. September war das Mädchen da, knapp vier Kilo, mit dem dicken Kopf seines Vaters und dem wachen Blick der Mutter. Die Mutter war glücklich. Und der Vater? Ging auf Distanz, so weit, wie das in der engen Hütte möglich war. „Bert scheint froh, mich wieder auf den Beinen zu haben, er mag mein Kind nicht. Das arme, kleine Ding, es ist so gut, wie ein Baby überhaupt sein kann“, schrieb Josephine Peary in ihr Tagebuch. Obwohl das Baby nicht schrie, nachts durchschlief und auch sonst völlig zufrieden schien, lehnte der Vater es ab. Irgendwann ließ er sich dazu hinreißen zu sagen: „Ich denke, sie ist ein gutes Kind.“ Aber er rührte seine Tochter nicht an.

Bereute er, dass er dies Kind in die Welt gesetzt hatte? War er gnadenlos eifersüchtig? Oder nahm ihm das Baby womöglich den Heldenstatus: Wo so ein zartes Wesen überlebte, konnte es ja nicht wirklich gefährlich sein. Und wo es nicht gefährlich war, da ist ein Held kein richtiger Held.

Die Arktis galt als ein Ort für starke Männer. Wo der Mann noch Mann sein und zum Vorbild für die Daheimgebliebenen werden konnte, für all die Büroangestellten und Fabrikarbeiter mit ihren vergleichsweise langweiligen Leben. Den Elementen trotzen, das Leben riskieren, Mut beweisen – hörte man die Reden, die bei Empfängen und Versammlungen geschwungen wurden, schien es um nichts anderes mehr zu gehen.

Auch für Mr. Peary spielte dieser Aspekt eine große Rolle. „Ich will berühmt werden“, hatte er früher einmal gesagt. Nun zog er gleich nach der Geburt seiner Tochter hinaus in die kalte Welt, um mit seinen Männern Vorratslager für die Expedition im Frühjahr einzurichten. Frau und Kind interessierten ihn nicht mehr.

Anders die Inuit. Die konnten nicht genug bekommen von dem kleinen Wesen, das so anders war als die Neugeborenen, die sie kannten. So weiß. Wie Schnee. Sie betrachteten die winzigen Fingerchen, die strahlend blauen Augen, das blonde Haar. Sie wollten es unbedingt berühren. Sie nannten es „Ah-poo Mickaninny“, Schneebaby. Der Name sollte das Mädchen sein Leben lang begleiten – auch wenn die Mutter es Marie nannte und der Vater Ahnighito, nach der Inuit-Frau, die dem Kind den ersten Pelzanzug genäht hatte.

Schon vor der Polarreise hatte es lange Diskussionen gegeben, ob ein Kind in der Polarnacht überhaupt überleben konnte. So ein Baby brauche Licht, sonst würde es rachitisch, hatten Josephines Freundinnen gemahnt. Froschbauch, Quadratschädel, O-Beine, verformte Gelenke seien die Folge. Josephine Peary hatte auch diese Bedenken in den Wind geschlagen. Die Inuitkinder überlebten ja auch.

Kurz nach der Geburt ging die Sonne schon nicht mehr richtig auf. Nur einmal trug Josephine Peary ihre Tochter vor Beginn der langen Dunkelheit ins Freie: Zum Fototermin. Darauf hatte der Vater bestanden. Sie steckten Marie Ahnighito in einen dicken Pelz und wickelten die Fahne der Vereinigten Staaten darum. Dieses Bild sollte ein Beleg sein: Zum ersten Mal war eine amerikanische Staatsbürgerin in der Hocharktis geboren. Die Zeitungen würden das Bild lieben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben