Arktis-Expedition : Das Schneebaby

Robert Peary marschiert 1894 gen Nordpol. Seine Frau und die neugeborene Tochter bleiben den Winter über bei den Inuit zurück. Das Baby im Eis wird zur Mediensensation.

Cornelia Gerlach

Ungeheuerlich! Wie kann sie das nur wagen! So mokierte sich vor 120 Jahren die Damenwelt von Washington. Denn Josephine Diebitsch Peary, Tochter deutscher Auswanderer, reiste hochschwanger in die Arktis. Am Kai stand die Presse, Reporter begleiteten sie auf Schritt und Tritt: Robert E. Peary startete seinen zweiten Versuch zum Nordpol, und seine hübsche junge Frau war wieder mit dabei. Diesmal würde sie in der Polarnacht ein Kind gebären. Und erst Monate später sollten die Daheimgebliebenen erfahren, ob das wohl gut gegangen wäre. Denn bis das nächste Mal ein Schiff zu den Küsten im Norden von Grönland vorstieß, verging mindestens wieder ein Jahr.

Die Geschichte vom Schneebaby ist die Geschichte eines Kindes, dessen Vater beseelt war von einem großen Traum: Robert E. Peary wollte als erster Mensch den Nordpol erreichen, um dort die amerikanische Flagge zu hissen.

Die Pole zu entdecken, diese letzten Flecken auf der Weltkarte, auf die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte, war damals so etwas wie später der Flug zum Mond: Hier konnte ein Mann berühmt werden, hier konnte eine Nation ihre Stärke zeigen. Es war ein gefährliches Unterfangen. Der Brite John Franklin etwa war bei seinem Versuch, 1845 einen Seeweg durch das Nordpolarmeer zu finden, mit seiner gesamten Expedition, 129 Männern, verloren gegangen. Das Unternehmen hatte seinerzeit die umfangreichsten, allerdings auch vergeblichen Rettungsaktionen des Jahrhunderts ausgelöst.

Robert E. Peary war wie besessen von seiner Idee. Josephine, seine gebildete und feinsinnige Gattin, war überzeugt, dass eine Frau an die Seite ihres Mannes gehört. „Und wenn der Mann in die Arktis will, dann muss die Frau eben mit.“ Sie war schon zwei Jahre zuvor, 1891, bei Pearys erster großer Expedition dabei gewesen.

Am 8. Juli 1893 stiegen sie an Bord des Dampfers Flacon, um die Westküste von Grönland hoch bis in den äußersten Norden zu fahren. Insgesamt 14 überwiegend junge Abenteurer, die hofften, dass etwas von Pearys Ruhm auf sie abfärben würde. Sie waren allerdings nicht die Einzigen, die sich in diesen Tagen auf den Weg machten. Bereits am 5. Juli 1893 war Fritjof Nansen vom Norwegischen Trondheim aus mit zwölf handverlesenen Begleitern aufgebrochen, ihr Ziel: der Nordpol.

Pearys Plan sah vor, in einer Art Fertighaus als Expeditionshütte zu überwintern und dann im Frühjahr mit Schlitten über das Inlandeis zum Pol zu reisen. Josephine sollte im Basislager bleiben. Mit dem Kind.

Anders als bei Nansen war bei dem Amerikaner auch eine Kinderfrau mit an Bord – Robert Pearys Zugeständnis an seine Schwiegermutter, die von diesem Abenteuer wenig hielt und auf einer Fachkraft als Begleiterin bestanden hatte. Vermutlich hatte sie im Stillen gehofft, dass sich keine Frau finden würde, die sich auf so etwas einließe. Mr. Peary hatte also eine Anzeige geschaltet: „Gesucht: Ruhige Frau, ausgebildete Krankenschwester mit Erfahrung im Umgang mit Säuglingen, die bereit ist, für 18 Monate eine Expedition nach Grönland zu begleiten. Lohn 50 Dollar pro Monat. Und es wird von ihr erwartet, dass sie für das Team kocht, wenn ihre Dienste als Krankenschwester nicht benötigt werden.“ Sechs Frauen bewarben sich, eine von ihnen, Mrs. Cross, wurde eingestellt.

Während der ersten Expedition 1891 hatte Josephine Peary enge Kontakte zu den Eskimos gepflegt, die in jenem abgelegenen Teil von Grönland leben. Kaum war das Schiff gelandet, kamen die Familien auch schon, sie wieder zu begrüßen. Sie bestaunten den Bauch, der nun schon unübersehbar war, und beobachteten aufmerksam, wie Josephine einen Platz in der Hütte für ihr Baby zurechtmachte.

Bei den Inuit rankten sich viele Tabus um die Geburt. Niemals würde eine Inuit-Frau ihr Kind im Iglu der Familie zur Welt bringen. Man schlug ein kleines Zelt für sie auf oder baute ihr ein eigenes Iglu. Dann briet man ihr auf einem flachen Stein ein Stück Fleisch. Ansonsten durfte sie nichts essen, und niemand durfte ihr bei der Geburt helfen. Wenn das Kind endlich auf der Welt war, wusch die Inuitfrau sich und ruhte eine Nacht, bevor sie wieder in das gemeinsame Haus zurückkehrte. Dann nähte sie sich neue Kleider. Ein neuer Abschnitt im Leben begann. So hatten es die Polareskimos seit Generationen gehalten. So, fanden die Frauen, sollte es Josephine Peary auch halten.

Doch die ließ sich nicht beirren. Unterstützt von der Kinderfrau und dem Expeditionsarzt wollte sie ihr Kind in etwa so gebären, wie sie es auch in Washington getan hätte. Kinder kamen noch fast immer zu Hause zur Welt.

Als sich die ersten Wehen einstellten, schickte die Kinderfrau das Expeditionsteam aus dem Haus. Nur der Arzt und der werdende Vater durften bleiben. Am Nachmittag des 12. September war das Mädchen da, knapp vier Kilo, mit dem dicken Kopf seines Vaters und dem wachen Blick der Mutter. Die Mutter war glücklich. Und der Vater? Ging auf Distanz, so weit, wie das in der engen Hütte möglich war. „Bert scheint froh, mich wieder auf den Beinen zu haben, er mag mein Kind nicht. Das arme, kleine Ding, es ist so gut, wie ein Baby überhaupt sein kann“, schrieb Josephine Peary in ihr Tagebuch. Obwohl das Baby nicht schrie, nachts durchschlief und auch sonst völlig zufrieden schien, lehnte der Vater es ab. Irgendwann ließ er sich dazu hinreißen zu sagen: „Ich denke, sie ist ein gutes Kind.“ Aber er rührte seine Tochter nicht an.

Bereute er, dass er dies Kind in die Welt gesetzt hatte? War er gnadenlos eifersüchtig? Oder nahm ihm das Baby womöglich den Heldenstatus: Wo so ein zartes Wesen überlebte, konnte es ja nicht wirklich gefährlich sein. Und wo es nicht gefährlich war, da ist ein Held kein richtiger Held.

Die Arktis galt als ein Ort für starke Männer. Wo der Mann noch Mann sein und zum Vorbild für die Daheimgebliebenen werden konnte, für all die Büroangestellten und Fabrikarbeiter mit ihren vergleichsweise langweiligen Leben. Den Elementen trotzen, das Leben riskieren, Mut beweisen – hörte man die Reden, die bei Empfängen und Versammlungen geschwungen wurden, schien es um nichts anderes mehr zu gehen.

Auch für Mr. Peary spielte dieser Aspekt eine große Rolle. „Ich will berühmt werden“, hatte er früher einmal gesagt. Nun zog er gleich nach der Geburt seiner Tochter hinaus in die kalte Welt, um mit seinen Männern Vorratslager für die Expedition im Frühjahr einzurichten. Frau und Kind interessierten ihn nicht mehr.

Anders die Inuit. Die konnten nicht genug bekommen von dem kleinen Wesen, das so anders war als die Neugeborenen, die sie kannten. So weiß. Wie Schnee. Sie betrachteten die winzigen Fingerchen, die strahlend blauen Augen, das blonde Haar. Sie wollten es unbedingt berühren. Sie nannten es „Ah-poo Mickaninny“, Schneebaby. Der Name sollte das Mädchen sein Leben lang begleiten – auch wenn die Mutter es Marie nannte und der Vater Ahnighito, nach der Inuit-Frau, die dem Kind den ersten Pelzanzug genäht hatte.

Schon vor der Polarreise hatte es lange Diskussionen gegeben, ob ein Kind in der Polarnacht überhaupt überleben konnte. So ein Baby brauche Licht, sonst würde es rachitisch, hatten Josephines Freundinnen gemahnt. Froschbauch, Quadratschädel, O-Beine, verformte Gelenke seien die Folge. Josephine Peary hatte auch diese Bedenken in den Wind geschlagen. Die Inuitkinder überlebten ja auch.

Kurz nach der Geburt ging die Sonne schon nicht mehr richtig auf. Nur einmal trug Josephine Peary ihre Tochter vor Beginn der langen Dunkelheit ins Freie: Zum Fototermin. Darauf hatte der Vater bestanden. Sie steckten Marie Ahnighito in einen dicken Pelz und wickelten die Fahne der Vereinigten Staaten darum. Dieses Bild sollte ein Beleg sein: Zum ersten Mal war eine amerikanische Staatsbürgerin in der Hocharktis geboren. Die Zeitungen würden das Bild lieben.

Nach 114 Tagen kam am 14. Februar 1894 die Sonne zurück. So lange, schien es, war das Kind kaum gewachsen. Jetzt musste es raus ans Licht, egal, wie kalt es draußen war. Und es war kalt. Robert Peary tauschte bei den Inuit Kekse, Kaffee und ein Messer gegen einen kleinen Schlitten und ein Rudel Hunde ein. Er baute einen Kasten, der gerade groß genug war, um das Kind, in Felle gewickelt, hineinzulegen. Ein Inuit wurde als Schlittenführer geheuert. Statt mit dem Kinderwagen durch die Parks von Washington machte Marie ihre Frischluftkuren im Hundeschlitten auf dem Eis.

Mit dem Licht kam die Unruhe in das Expeditionsteam. Zusammen mit seinen Männern bereitete Robert E. Peary den Marsch zum Pol vor. Die Logistik war komplex: Über weite Strecken würde es unmöglich sein, sich vor Ort zu verproviantieren. Ein fehlendes Detail konnte das ganze Projekt gefährden. Für Kindergeschrei war da kein Platz, nur zu den Mahlzeiten war die Familie jetzt noch vereint. Am 6. März brachen die Männer auf, mit Hundeschlitten und Fellkleidung wollten sie den Vorstoß in den Norden wagen. Josephine begleitete ihren Mann das erste Stück des Weges, aus dem Tal, wo die Hütte stand, hoch bis zu einem Ort, den sie Glacier-View nannten, Gletscherblick. Dort standen sie einen Moment still beieinander. Dann kehrte Josephine um.

Sie blieb nicht lang allein, sechs Wochen später war die Expedition gescheitert, das Team war den rauen Bedingungen nicht gewachsen. Ein Rückschlag von vielen, die noch kommen sollten.

Kaum waren Mutter und Tochter im Sommer 1894 wieder in der Zivilisation gelandet, da kamen auch schon die Reporter, um die „wohl interessantesten Personen in Washington derzeit“ zu interviewen. „Das junge Fräulein Peary ist zu einer Größe geboren, der sie nie wird entfliehen können“, prophezeite die „New York Times“. Haarklein musste Josephine den Journalisten erzählen, wie das war – mit einem Baby in der Arktis. Und das tat sie. Öffentlichkeit war wichtig für das Projekt, denn Polarforschung war teuer, und Mr. Peary suchte ständig Sponsoren für weitere Expeditionen. Zum Glück für ihn erwies sich nämlich ein anderer Artikel aus der „New York Times“ im Februar 1896 als voreilig. Nansen hatte nicht wie dort behauptet den Nordpol erreicht, er war ihm lediglich so nahe gekommen wie keiner vor ihm.

Der Spitzname Schneebaby hat Marie Ahnighito Peary zeitlebens begleitet, ebenso wie die Rolle, Tochter eines berühmten Vaters zu sein. Josephine Peary erzählte die Geschichte vom Schneebaby in einem Kinderbuch, das 1901 in New York erschien und noch im selben Jahr ins Deutsche übersetzt wurde. Reich bebildert entführt es die Daheimgebliebenen in die Hocharktis, zu den Inuit und den Walrossen und in die Enge der Expeditionshütte, wo das Schneebaby das Licht der Welt erblickte.

Auch Marie selbst hat ihre Geschichte veröffentlicht. Ihr Buch „The Snowbaby’s own Story“ erschien 1934. Sorgfältig ergründet sie darin die Motive ihrer Mutter, in die Arktis zu reisen – zunächst als mitreisende Ehefrau, dann als werdende Mutter und noch mehrfach gemeinsam mit der Tochter. „Was auch immer ihre Gründe waren – ich bin froh, dass sie getan hat, was sie getan hat, denn so begann meine Arktis-Laufbahn und die glücklichste und spannendste Kindheit, die man sich denken kann“, schreibt Marie Peary, erzählt von Fell-Anoraks und vielen lustigen Abenteuern mit den Inuit-Kindern im Schnee. Marie Ahnighito machte es sich zur Aufgabe, das Andenken an ihre Eltern zu pflegen. Sie starb 1978, ihr Nachlass liegt heute in einem Archiv in Maine.

Sie war fast 16 Jahre alt, als Robert E. Peary endlich verkündete, 1909 den Nordpol erreicht zu haben – noch heute streiten die Gelehrten, ob er wirklich dort war. Zumal Pearys ehemaliger Schiffsarzt Frederick Cook öffentlich für sich reklamierte, ihm am Pol zuvorgekommen zu sein. Zunächst fand er damit durchaus Gehör.

Für die Familie gab es keinen Zweifel. Frau und Tochter waren im Sommerhaus, als die Nachricht die zivilisierte Welt erreichte. Es war Marie Ahnighito, die sie entgegennahm. Minuten später kamen die Reporter. Marie gab das erste Interview ihres Lebens. „Papa hat unsere Fahne am Pol gehisst. Ich wusste, dass er das irgendwann tun würde. … Ich habe am Sonntag Geburtstag und werde mit ihm feiern – nicht nördlich des Polarkreises, davon haben wir genug, auch wenn es dort auch sehr schön ist, sondern irgendwo, wo Papa etwas Gutes zu essen bekommt.“ Vielleicht trug Marie Ahnighito mit ihrem Interview dazu bei, dass Cook den Kampf um die öffentliche Meinung verlor. Schließlich wurde er gar des Betrugs bezichtigt. Maries Vater Robert Peary hingegen wurde ein amerikanischer Held.

Von der Autorin stammt auch das Buch: „Pionierin der Arktis – Josephine Pearys Reisen ins ewige Eis“

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