Statt im Kinderwagen durch Washington fuhr Marie im Hundeschlitten auf Eis

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Arktis-Expedition : Das Schneebaby
Cornelia Gerlach

Nach 114 Tagen kam am 14. Februar 1894 die Sonne zurück. So lange, schien es, war das Kind kaum gewachsen. Jetzt musste es raus ans Licht, egal, wie kalt es draußen war. Und es war kalt. Robert Peary tauschte bei den Inuit Kekse, Kaffee und ein Messer gegen einen kleinen Schlitten und ein Rudel Hunde ein. Er baute einen Kasten, der gerade groß genug war, um das Kind, in Felle gewickelt, hineinzulegen. Ein Inuit wurde als Schlittenführer geheuert. Statt mit dem Kinderwagen durch die Parks von Washington machte Marie ihre Frischluftkuren im Hundeschlitten auf dem Eis.

Mit dem Licht kam die Unruhe in das Expeditionsteam. Zusammen mit seinen Männern bereitete Robert E. Peary den Marsch zum Pol vor. Die Logistik war komplex: Über weite Strecken würde es unmöglich sein, sich vor Ort zu verproviantieren. Ein fehlendes Detail konnte das ganze Projekt gefährden. Für Kindergeschrei war da kein Platz, nur zu den Mahlzeiten war die Familie jetzt noch vereint. Am 6. März brachen die Männer auf, mit Hundeschlitten und Fellkleidung wollten sie den Vorstoß in den Norden wagen. Josephine begleitete ihren Mann das erste Stück des Weges, aus dem Tal, wo die Hütte stand, hoch bis zu einem Ort, den sie Glacier-View nannten, Gletscherblick. Dort standen sie einen Moment still beieinander. Dann kehrte Josephine um.

Sie blieb nicht lang allein, sechs Wochen später war die Expedition gescheitert, das Team war den rauen Bedingungen nicht gewachsen. Ein Rückschlag von vielen, die noch kommen sollten.

Kaum waren Mutter und Tochter im Sommer 1894 wieder in der Zivilisation gelandet, da kamen auch schon die Reporter, um die „wohl interessantesten Personen in Washington derzeit“ zu interviewen. „Das junge Fräulein Peary ist zu einer Größe geboren, der sie nie wird entfliehen können“, prophezeite die „New York Times“. Haarklein musste Josephine den Journalisten erzählen, wie das war – mit einem Baby in der Arktis. Und das tat sie. Öffentlichkeit war wichtig für das Projekt, denn Polarforschung war teuer, und Mr. Peary suchte ständig Sponsoren für weitere Expeditionen. Zum Glück für ihn erwies sich nämlich ein anderer Artikel aus der „New York Times“ im Februar 1896 als voreilig. Nansen hatte nicht wie dort behauptet den Nordpol erreicht, er war ihm lediglich so nahe gekommen wie keiner vor ihm.

Der Spitzname Schneebaby hat Marie Ahnighito Peary zeitlebens begleitet, ebenso wie die Rolle, Tochter eines berühmten Vaters zu sein. Josephine Peary erzählte die Geschichte vom Schneebaby in einem Kinderbuch, das 1901 in New York erschien und noch im selben Jahr ins Deutsche übersetzt wurde. Reich bebildert entführt es die Daheimgebliebenen in die Hocharktis, zu den Inuit und den Walrossen und in die Enge der Expeditionshütte, wo das Schneebaby das Licht der Welt erblickte.

Auch Marie selbst hat ihre Geschichte veröffentlicht. Ihr Buch „The Snowbaby’s own Story“ erschien 1934. Sorgfältig ergründet sie darin die Motive ihrer Mutter, in die Arktis zu reisen – zunächst als mitreisende Ehefrau, dann als werdende Mutter und noch mehrfach gemeinsam mit der Tochter. „Was auch immer ihre Gründe waren – ich bin froh, dass sie getan hat, was sie getan hat, denn so begann meine Arktis-Laufbahn und die glücklichste und spannendste Kindheit, die man sich denken kann“, schreibt Marie Peary, erzählt von Fell-Anoraks und vielen lustigen Abenteuern mit den Inuit-Kindern im Schnee. Marie Ahnighito machte es sich zur Aufgabe, das Andenken an ihre Eltern zu pflegen. Sie starb 1978, ihr Nachlass liegt heute in einem Archiv in Maine.

Sie war fast 16 Jahre alt, als Robert E. Peary endlich verkündete, 1909 den Nordpol erreicht zu haben – noch heute streiten die Gelehrten, ob er wirklich dort war. Zumal Pearys ehemaliger Schiffsarzt Frederick Cook öffentlich für sich reklamierte, ihm am Pol zuvorgekommen zu sein. Zunächst fand er damit durchaus Gehör.

Für die Familie gab es keinen Zweifel. Frau und Tochter waren im Sommerhaus, als die Nachricht die zivilisierte Welt erreichte. Es war Marie Ahnighito, die sie entgegennahm. Minuten später kamen die Reporter. Marie gab das erste Interview ihres Lebens. „Papa hat unsere Fahne am Pol gehisst. Ich wusste, dass er das irgendwann tun würde. … Ich habe am Sonntag Geburtstag und werde mit ihm feiern – nicht nördlich des Polarkreises, davon haben wir genug, auch wenn es dort auch sehr schön ist, sondern irgendwo, wo Papa etwas Gutes zu essen bekommt.“ Vielleicht trug Marie Ahnighito mit ihrem Interview dazu bei, dass Cook den Kampf um die öffentliche Meinung verlor. Schließlich wurde er gar des Betrugs bezichtigt. Maries Vater Robert Peary hingegen wurde ein amerikanischer Held.

Von der Autorin stammt auch das Buch: „Pionierin der Arktis – Josephine Pearys Reisen ins ewige Eis“

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