Wie steht es um die wissenschaftliche Evidenz?

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Ayurveda am Wannsee : Der Mann, der aus der Kälte kam
Andreas Wenderoth
Musiktherapie. Der Arzt zupft auf dem Instrument die Saiten und rezitiert dazu medizinische Sanskrit-Verse.
Musiktherapie. Der Arzt zupft auf dem Instrument die Saiten und rezitiert dazu medizinische Sanskrit-Verse.Foto: Anne Schönharting

Viele Schulmediziner hielten eine solche Erklärung vermutlich für verwegen, sagt Keßler. Er erklärt mir, dass sich aus Sicht der Ayurveda-Lehre dadurch – in einem bildlichen Sinne – der Knorpel „aufraue“ und auch die Versorgung mit der gelenkschmierenden Synovialflüssigkeit nicht mehr ausreichend gewährleistet sei. Das Hauptziel der von ihm für mich entwickelten Therapie sei deshalb die Vata-Reduktion: um so den Bewegungsapparat zu stärken und die Gelenke zu entlasten.

Mag die westliche Schulmedizin bei Notfällen oder in der Chirurgie höchst wirksam und unersetzlich sein – bei chronischen Leiden, wie den typischen orthopädischen und rheumatischen Erkrankungen, beanspruchen Ayurveda-Vertreter für sich, auch Pfeile im Köcher zu haben. Doch wie steht es um die wissenschaftliche Evidenz?

Keßler verweist auf eine gerade abgeschlossene Studie seines Krankenhauses mit 151 Patienten, die unter Kniearthrose leiden und per Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt wurden: Gut 50 Prozent der Probanden erhielten drei Monate lang intensive Physiotherapie und Schmerzmittel, die anderen wurden mit einer komplexen Ayurveda-Therapie behandelt.

Das Ergebnis: Der Behandlungseffekt in der Ayurveda-Gruppe war fast doppelt so groß wie bei den anderen Probanden. Gemessen wurde dies mithilfe einer Reihe wissenschaftlich etablierter Fragebögen, die unter anderem das Schmerzempfinden, Gelenksteifheit sowie die Schlaf- und Lebensqualität der Teilnehmer dokumentieren.

Es geht um viel mehr als Wellness

Ich absolviere meine Kur über insgesamt acht Wochen. Anfangs erwarte ich ein eher entspanntes Wellness-Erlebnis, doch schnell merke ich, dass es um weit mehr geht. Ich werde fast meinen gesamten Alltag an die ayurvedischen Therapieempfehlungen anpassen müssen. Zwei- bis dreimal pro Woche fahre ich ins Krankenhaus und bekomme ayurvedische Ölmassagen, die der „Trockenheit“ und „Kälte“ in meinen Gelenken mit feuchter Wärme entgegenwirken sollen.

Bei den Massagen liege ich zunächst auf dem Bauch. Das Öl wird sanft erwärmt und mit der Hand oder mittels getränkter Kräutersäckchen aufgetragen. Es folgen Ausstreichungen von der Körpermitte nach außen, die jene festeren Massagegriffe an den Gelenken vorbereiten, bei denen Marma bearbeitet werden – Punkte, die für den Fluss der Lebensenergie bedeutsam sind. Das Öl soll dabei Kräuterwirkstoffe über die Haut ins Körperinnere bringen, zudem krankheitsverursachende Ablagerungen im Gewebe lösen, die dann über Lymphe und Blutbahn abtransportiert werden.

Jede Behandlungseinheit dauert 60 bis 90 Minuten und endet damit, dass ich mich in eine Einpersonen-Dampfsauna setze, aus der nur noch der Kopf herausragt. Saunagänge gelten aus ayurvedischer Sicht prinzipiell als gesundheitsförderlich, bei Gelenkproblematiken allerdings nicht die besonders heißen und trockenen Saunen. Auch soll ich auf die anschließende Abschreckung mit kaltem Wasser verzichten – weil es in meinem Fall den Körper belaste und Vata erhöhe.

Therapeuten kennen rund 1000 Heilkräuter und unzählige Mixturen

Ich erhalte Yoga-Lektionen (die Bestandteil fast jeder Ayurveda-Behandlung bei Arthrose sind), Meditationsanweisungen sowie ärztliches Feedback. Und Musiktherapie.

Dabei sitzt Christian Keßler im Schneidersitz auf dem Boden, während ich vor ihm auf einer Matte liege, unter einer Art Zither, die meinen Oberkörper halb umspannt. Auf dem Instrument zupft Keßler die Saiten und rezitiert dazu medizinische Sanskrit-Verse. Die Töne entfalten eine rauschartige Klangmacht, die mich umfängt und durchdringt. Noch nie habe ich Musik so körperlich empfunden. Eine sehr tiefgreifende Erfahrung. Das Gefühl, mit der Welt verbunden und behütet zu sein.

Ein weiterer Grundpfeiler des Ayurveda ist die Pflanzenmedizin. Therapeuten kennen rund 1000 Heilkräuter und unzählige Mixturen. Und sind mit deren Anwendung offenbar erfolgreich.

In einer Studie an Patienten mit rheumatoider Arthritis erhielt ein Drittel der Probanden die gängige medikamentöse Behandlung, ein weiteres Drittel einen ayurvedischen Kräutercocktail und die letzte Gruppe eine Kombination aus beiden Therapien, wobei weder Ärzte noch Patienten wussten, wer was bekam. Nach einer Dauer von neun Monaten zeigten sich die Kräuter den westlichen Mitteln durchaus ebenbürtig: Der Gesundheitszustand der Patienten war vergleichbar, jene mit Kräutermedikation verspürten allerdings weniger Nebenwirkungen.