Beobachtungen vom „Tatort“-Set : Warum es immer wieder zu Filmfehlern kommt

Ein Besuch am „Tatort“-Set zeigt: Filme ohne Patzer sind fast unmöglich – obwohl zahlreiche Mitarbeiter dafür zuständig sind, Fehler zu vermeiden.

Script Supervisor Jean-Baptiste Filleau (Mitte) mit Regisseur Christian von Castelberg und Schauspielerin Meret Becker.
Script Supervisor Jean-Baptiste Filleau (Mitte) mit Regisseur Christian von Castelberg und Schauspielerin Meret Becker.Fotos: rbb/Marcus Glahn (Montage)

Man kann es natürlich sehen wie Mark Waschke. „Fehler? Was soll das denn sein?“, regt sich der Schauspieler in einer Drehpause auf. „John Cassavetes ,The Killing of a Chinese Bookie‘ ist voll mit Fehlern. Ist das deshalb ein schlechter Film?“ Wer sich mit so was aufhält, meint Waschke, der gucke Filme falsch. So.

Die Assistentinnen grinsen, der Techniker rollt die Augen, der Regisseur bittet zur nächsten Aufnahme.

Ein warmer Oktobertag im Jahr 2018. Im ehemaligen Postbank-Hochhaus in Kreuzberg laufen die Dreharbeiten zum Tatort „Der gute Weg“, der an diesem Sonntag ausgestrahlt wird. Jetzt noch mal die Szene im Präsidium. Noch mal den Gang lang laufen. Diesmal wird von der anderen Seite gefilmt. Schuss, Gegenschuss. „Absolute Ruhe, bitte!“, Klappe ... Mark Waschke geht los. Doch diesmal hat sich sein Hosenbein im Stiefel verheddert. Ein potenzieller Anschlussfehler!

Vielen Filmfans sind solche Kleinigkeiten anders als Waschke allerdings alles andere als egal. Die halten es eher mit Roman Polanski. „Kino sollte einen vergessen machen, dass man gerade in einem sitzt“, erklärte der Regisseur einmal, doch das funktioniert bei vielen eben nur bedingt, wenn die präsentierte Welt nicht schlüssig ist. Wenn bei „Sissi“ im Jahr 1853 Autos auf der Straße herumstehen, wenn bei „Top Gun“ die russische Mig 28 (ein Typ, den es gar nicht gibt), offensichtlich eine amerikanische M38 Talon ist oder wenn Bruce Willis in „Stirb langsam2“ Unfug erzählt wie: „Der Punk hat eine Glock 7 gezogen! Ne Ahnung, was das ist? Eine Pistole aus Porzellan, hergestellt in Deutschland, taucht nicht auf Metalldetektoren auf und kostet mehr, als Sie im Monat verdienen!“ Unter Filmfans legendäre Sätze, weil nichts, aber auch wirklich nichts darin stimmt.

Fans sammeln Hunderte von Patzern

Nur wie kann das überhaupt passieren? An einem Film arbeiten Dutzende Menschen, deren einzige Aufgabe es ist, eine logische Geschichte, eine glaubwürdige Szenerie zu erschaffen. Es gibt Probescreenings, Fachleute als Berater. Kein Film durchwandert, bevor er gezeigt wird, nicht zahllose Kontrollinstanzen wie Produzenten, Redakteure, Testpublikum. Und trotzdem kann jeder Kinobesucher nach fast jeder Vorstellung Zeuge werden, wie Menschen ins Freie strömen und sich fragen, wie es der Dino wohl geschafft haben mag, sich erst aus der Kiste zu befreien, dann die Crew zu zerfleischen und trotzdem den Frachter auf Kurs zu halten – nachdem er sich wieder selber in seine Kiste eingeschlossen hat.

Das Beispiel aus „Jurassic Park 2“ mag ein Extremfall sein, ein Einzelfall ist es nicht. Auf Webseiten wie fehler-im-film.de sammeln Fans Hunderte von Patzern. Die Top-Ten führt derzeit „Troja“ an mit 241 Fehlern, auf Platz zwei folgt „Herr der Ringe – Die Gefährten“ (227 Fehler). Beides wahrlich keine kleinen Produktionen. Aber 227 Pannen in 170 Minuten? Ist das wirklich nicht zu vermeiden? Manchmal nicht, wird sich zeigen, aber manchmal steckt dahinter sogar alles anders als Betriebsblindheit.

Am häufigsten dürften beim Film die sogenannten Anschlussfehler sein. Das heißt, in einer Einstellung von „Apocalypse Now“ (188 Fehler) stehen keine Blumen auf dem Tisch, in der nächsten Einstellung sind plötzlich welche da.

Beim Tatort-Dreh im Herbst ist es die Aufgabe von Jean-Baptiste Filleau, genau solche Dinge zu vermeiden. Script Supervisor lautet die Berufsbezeichnung des komplett in Schwarz gekleideten 55-Jährigen. Früher sagte man Continuity Editor. „Absolute Ruhe, bitte ...“, Klappe. Während Waschke also den Gang herunterläuft und mit seiner Drehpartnerin Meret Becker den möglichen Tathergang durchgeht, sitzt Filleau, Drehbuch und iPad auf dem Schoß, Bleistift im Mund, Kopfhörer auf den Ohren, vor dem Kontrollmonitor und überprüft jedes Wort.

„Scheiß auf die Regieanweisung!“

„Vieles ändert sich spontan, wenn eine Szene mehrfach gedreht wird“, erklärt Filleau später und umschreibt damit höflich, was Waschke mit einem Grinsen so formulierte: „Scheiß auf die Regieanweisung! Wir gucken, was da steht, und dann machen wir es anders.“ Einmal kämmt also jemand die Haare hinter die Ohren, einmal nicht. Einmal dreht sich jemand im Stuhl nach links, einmal nach rechts. „Bei so vielen Veränderungen, da muss einfach etwas passieren“, lautet das nüchterne Fazit des Script Supervisors.

Wäre es also nicht sinnvoll, direkt einzuschreiten? „Es gibt Schauspieler, die macht das nervös, die fühlen sich ertappt“, sagt Filleau. Das stört die Stimmung am Set. Kleinigkeiten wie ein verrutschtes Hosenbein schreibt er also erstmal nur in die App. Die gesammelten Notizen landen in einer Datenbank, mit der sich später beim Schnitt jede Abweichung präzise nachverfolgen lässt. Gab es früher auch nicht.

Ein mindestens so großes Problem sei, dass kaum eine Produktion chronologisch gedreht werde. In seinem Smartphone hat Filleau deshalb Dutzende Fotos von Kostümen und Sets gespeichert. Wer weiß sonst noch, welche Jacke Meret Becker vor drei Wochen anhatte und jetzt wieder anziehen muss? Während er durch die Bilder wischt, erinnert er sich amüsiert an die Polaroidstapel, mit denen sie früher hantieren mussten.

Die Logik ist ein großer Knackpunkt

Doch nicht nur im Spiel, auch am Buch wird noch während der Dreharbeiten ständig etwas geändert. Ein Verdächtiger wohnt nun nicht mehr in Zehlendorf, wie es im Skript steht, sondern in Rudow. Passt besser zur Figur und zur Geschichte, entschied die Crew.

Die Logik ist ein anderer großer Knackpunkt. Bevor ein Drehbuch beim Script Supervisor ankommt, ist es in der Regel schon durch einige Hände gegangen, um inhaltliche Fehler auszumerzen. Also Dinge, die keinen Sinn ergeben (das Dino-Beispiel) oder sachlich falsch sind. Ein aktueller Fall findet sich in „Bohemian Rhapsody“, wo Queen „Fat Bottomed Girls“ bereits bei der ersten US-Tournee spielen. Da war der Song aber noch gar nicht geschrieben.

Den Tatort auf dergleichen abzuklopfen, war der Job der langjährigen Tatort-Redakteurin Josephine Schröder-Zebralla, die kurz nach dem Drehtag mit dem Autor Christoph Darnstädt in ein Café in Schöneberg gekommen ist. Ihre Aufgabe, erzählt die 63-Jährige, sei unter anderem zu schauen, ob die Zeitabläufe stimmen, ob Waschkes Figur Kommissar Karow viel in Hauptsätzen redet, wie es seine Eigenheit ist, ob es stimmt, dass die Azubis bei der Polizei tatsächlich alle schusssichere Westen tragen?

Wir machen hier kein Kino ...

Nichtsdestotrotz habe das auch Grenzen, sagt Schröder-Zebralla. „Fernsehen ist nicht nur Doku und der Krimi eine stark konstruierte Form der Erzählung.“ Polizisten beklagten deshalb häufig, dass TV-Krimis mit ihrer Arbeit nur wenig zu tun hätten. „Aber die echte Welt abzubilden, wäre eben auch viel langweiliger.“ Beim Drehbuchschreiben gelte deshalb „Effekt vor Logik!“

Manchmal ist es auch schlicht eine Frage der Kosten. Im Vertrauen sagen einem Leute aus der TV-Branche, dass Fehler oft entdeckt würden. Erkläre man jedoch den Produzenten, dass man nachdrehen müsse und mehr Geld brauche, bekomme man häufig zu hören: Komm lass, wir machen hier kein Kino ...

„Wieder einer für anschlussfehler.de“

Bleibt der Schneideraum als große Gefahrenquelle. Es ist inzwischen April geworden. Im Charlottenburger Savoy Hotel sitzt der Regisseur Christian von Castelberg im Restaurant, gegenüber im Delphi-Filmpalast wird in wenigen Minuten sein Tatort Premiere haben. Die vergangenen Wochen hat der 64-jährige Schweizer damit verbracht, aus den gedrehten Szenen einen Film zu komponieren.

Gerade bei großen Kinoproduktionen, für die in der Regel ein Viertel mehr Material gedreht wird, als nachher zu sehen ist, verschwinden im Schnitt manchmal wichtige Szenen. Was es mit dem Origami-Einhorn in „Blade Runner“ auf sich hatte, konnten die Zuschauer erst 20 Jahre nach der Premiere verstehen, als Regisseur Ridley Scott eine geschnittene Szene für die Jubiläumsfassung wieder einbaute, die den Verweis erklärt.

Als Regisseur stehe man gelegentlich auch vor dem Problem, zwischen Kunst und Korrektheit zu unterscheiden, sagt Castelberg. Wenn man zwischen besserem Schauspiel mit Anschlussfehler oder schlechterem Spiel ohne Fehler wählen müsse, entscheide man sich oft für das bessere Schauspiel. Manchmal machten sie dann sogar Witze am Set von wegen „wieder einer für anschlussfehler.de“.

Das Beste aus einem Schauspieler herausholen

Und was ist jetzt mit dem Hosenbein? Um 20.30 Uhr öffnet sich im Delphi der rote Vorhang. Titelmusik, Blaulicht am Kotti, es dauert nicht lange, dann gibt es den ersten Toten. Als Karow und Rubin durchs Präsidium laufen, hat die Kamera die Hose gar nicht eingefangen.

Strenge Zuschauer könnten vielleicht fragen, wie glaubwürdig es ist, dass ein Vorgesetzter zwei Streifenpolizisten weiter miteinander arbeiten lässt, nachdem bei einem Einsatz der Sohn des einen zu Tode gekommen ist, und dass es ein Schlafmittel namens „Noctoporal“ gar nicht gibt. Aber Letzteres ist ebenfalls Absicht, um Productplacement zu vermeiden.

Nur hatte Script Supervisor Filleau nicht gesagt, es müsse etwas passieren? Und tatsächlich. In der Mitte des Films spricht Meret Becker den Satz „Ich war heute schon in Rudow“, einen Augenblick später erklärt eine Zeugin, dass sich der Verdächtige nach Zehlendorf versetzen lassen wollte ...

Regisseur Castelberg nimmt es gelassen. Ein wirklicher Fehler, sagt er, sei nur, wenn es ihm nicht gelungen wäre, das Beste aus einem Schauspieler herauszuholen.