„Die Leute in der Fankurve werden mir fehlen“

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Berlinale-Chef Dieter Kosslick : „Joschka Fischer vereitelte mir den Scoop“
Für alle da. Bei der Berlinale-Eröffnung im vergangenem Jahr verteilte der Festivalchef kleine Geschenke an die Filmfans.
Für alle da. Bei der Berlinale-Eröffnung im vergangenem Jahr verteilte der Festivalchef kleine Geschenke an die Filmfans.Foto: Paul Zinken/dpa

Ihre Mutter ist auch an Ihrer Kinoliebe schuld. Sie hat Sie nachmittags ins Kino geschickt ...

... wenn Onkel Kurt kam, so hieß der Freund meiner Mutter. Jeden Sonntagnachmittag von eins bis fünf. Ich ging gerne in die Bahnhofs-Lichtspiele Ispringen, so ein typischer Restaurantsaal mit acht Extrasesseln direkt vor der Projektion, leicht erhöht. Eine Vorstellung kostete 50 Pfennig, ein Sesselplatz 80. Da hörte man zwar das Rattern des Projektors, aber sah super, wenn Peter Kraus im Sportwagen vorfuhr und die Töchter von Berliner Rechtsanwälten sich in zweifelhafte Studenten am Bodensee verliebten.

Nicht gerade Filmkunst.

Es war das Filmland Baden-Württemberg, das Deutschlands Kinogeschichte um den „Förster vom Silbersee“ bereichert hat. Eskapismus-Kino, klar, nicht nur für die Älteren, die aus dem Nationalsozialismus kamen, sondern auch für uns, die wir gern der katholischen Zucht und Ordnung entflohen sind.

Sie entkamen ihr zunächst als Werbetexter in München, wo Sie nach dem Politik- und Pädagogik-Studium gelandet waren.

Ich habe ungefähr 250 Storyboards für Radiospots geschrieben, zum Beispiel: „Rieger-Pelze am Isartorplatz mit 34 000 Quadratmetern Schaufensterfläche das größte Pelzhaus Europas. Rieger-Pelze, Rieger-Pelze! Ooaahhh!“

Jetzt brüllen Sie wie ein Löwe im Radio.

Als ich das neulich nachts im Taxi am Isartor zum Besten gab, freute sich der Taxifahrer. Der kannte den Spruch noch.

Wie kam es dann, dass Sie von der Werbeagentur ins Hamburger Rathaus wechselten und für den SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose als Redenschreiber anheuerten?

Wir hatten uns 1978 beim Wahlkampf in München kennengelernt, bei einem tollen Abend in den Torgelstuben. Ich weiß noch, ich habe zwei Bestecke mitgehen lassen, weil wir damit knapp waren in unserer Wohngemeinschaft. Ich bestritt die ganze Unterhaltung, und sein Pressesprecher meinte: „Den nehmen wir mit, aber erst mal stecken wir ihn ins Protokoll. Der muss lernen, wie man sich richtig anzieht und sich anständig benimmt.“ Ich hatte übrigens ein abgeschlossenes Studium, mir fehlte nur die mündliche Promotionsprüfung. Dazu kam es nie, und das bei meinem Thema: Warum brechen Leute mit fertiger Doktorarbeit die Promotion ab?

Bei der Beantwortung des berühmten Proust-Fragebogens in der „FAZ“ haben Sie gesagt, Ihr größter Fehler sei, nicht reich geboren zu sein. Was hätten Sie mit Vermögen anders gemacht?

Ich hätte alles genauso gemacht, nur entspannter. Ich musste immer arbeiten, schon als Student mit 122 Mark Bafög. Wir waren zu Hause arm. Als Redenschreiber in Hamburg bekam ich 2800 Mark im Monat, das war richtig Kohle. Als Süddeutscher hat man das Einfamilienhaus zu stemmen, der Bausparvertrag ist wertvoller als ein Pfandbrief. Das steckt in meinen Genen.

Als Berlinale-Direktor verdienen Sie knapp 300 000 Euro. Macht Sie das ruhiger?

Ja.

Schon Job-Angebote für die Zeit nach Vertragsablauf Ende Mai?

Logo.

Was tun Sie am 1. Juni?

Weiß ich noch nicht. Aber an meinem Geburtstag, dem 30. Mai, werde ich wieder nach Ligurien fahren. Ich bin ein Freund von gutem Pesto, da gehe ich wahrscheinlich in ein tolles Restaurant in Camogli, nicht weit von Genua.

Andere Leute nehmen sich vor, den Mount Everest zu besteigen, im Kloster zu meditieren ...

... fehlt nur noch das Biedermeiersofa. Es gibt vieles, was ich gerne mache. Ich spiele Musik, male, koche, habe einen Garten. Auch studieren würde ich gerne noch mal, ohne Leistungsdruck.

Dieter Kosslick: 18 Jahre als Mister Berlinale
Mit Cate Blanchett. Sie war der Star des Eröffnungsfilms „Heaven“, der die erste Berlinale von Dieter Kosslick 2002 einläutete.Alle Bilder anzeigen
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25.01.2019 13:54Mit Cate Blanchett. Sie war der Star des Eröffnungsfilms „Heaven“, der die erste Berlinale von Dieter Kosslick 2002 einläutete.

Was denn – Betriebswirtschaft?

Wie bitte? Was haben die Ökonomen denn geleistet in den letzten 200 Jahren? Sie haben die Welt an den Abgrund gebracht, Finanzkrisen verursacht, die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht, hat gerade Oxfam gemeldet. Nein, ich fände Kunstgeschichte oder Kulturwissenschaft gut.

Tut der Abschied weh?

Ich denke, ich bin so oft gelobt worden. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich hätte vielleicht noch gern das 70. Jubiläum mitgemacht, aber so ist es jetzt auch gut.

Werden Sie den roten Teppich vermissen?

Das denken die meisten. Die wenigsten wissen, dass nicht ich, Dieter Kosslick, da stehe, sondern ein dekonstruierter Avatar, der den Festivaldirektor ganz gut spielt. Ich werde die Fans vermissen. Das Ehepaar aus Falkensee, das mir jedes Jahr selbst gemachte Marmelade mitbringt. Die Koreanerin, die mich seit Jahren darum bittet, einen Brief an den Regisseur Terrence Malick weiterzuleiten. Die Zuschauer, die vor den Ticketschaltern in den Potsdamer Platz Arkaden übernachten und meine tollen Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich im Sommer den Blues bekomme, dann wegen dieser Menschen. Die Leute in der Fankurve werden mir fehlen.

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