Berlins größte Lagerhalle : Der Verstauraum

Hier lagern Motorräder, eine Windkraftanlage, Schallplatten von Manfred Krug und jede Menge Erinnerungen. Ein Tag in einer Selfstorage-Halle.

Frederik Seeler

Weil die Mieten steigen und Dachgeschosse zu Wohnungen ausgebaut werden, boomen in Großstädten Hallen für sogenanntes Selfstorage, zu deutsch: "Selbstlagerung". Die größte in Berlin hat fünf Geschosse, 5500 Quadratmeter und 1100 Abteile. Sie nutzen alte und neue Berliner, Start-up-Gründer, Rentner, DJs, Studierende. Doch was verbirgt sich hinter den Türen?

Kein Platz zu Hause? Martina Liedtke kann da weiterhelfen. Sie arbeitet seit elf Jahren in Berlins größter Lagerhalle.
Kein Platz zu Hause? Martina Liedtke kann da weiterhelfen. Sie arbeitet seit elf Jahren in Berlins größter Lagerhalle.Foto: Thilo Rückeis

10 Uhr, Dritter Stock

Ein Mann in Lederjacke schiebt sein Ducati-Motorrad durch den langen Flur einer Lagerhalle. Die Wände sind aus weißem Blech, die Türen aneinandergereiht wie in einem Gefängniskorridor. Hinter ihm geht seine Frau, rasierte Schläfen, auch in dunkler Lederjacke. Sie schiebt ein Naked Bike, ein besonders handliches Motorrad ohne Außenverkleidung. Swantje Wendt und ihr Mann Ben bleiben vor dem Abteil mit der Nummer 3042 stehen. Er drückt die Tür auf. Dahinter zwölf Quadratmeter Betonboden, für die nächsten sechs Wochen ihr Parkplatz.

Gestern haben sie erfahren, dass die Tiefgarage ihrer Wohnanlage renoviert wird, übers Wochenende mussten sie ein neues Zuhause für ihre fünf Motorräder finden. Sie sind zur Selfstorage-Halle in der Landsberger Allee gefahren, haben die Maschinen in den Fahrstuhl manövriert und GPS-Tracker in die Fahrzeugtechnik eingebaut, zur Sicherheit. Als Swantje Wendt die Tür mit zwei Schlössern verriegelt, sagt sie: „Es wäre wohl einfacher, wenn wir Briefmarken sammeln würden.“

Der Mensch lebte einst als Sammler. Wer Beeren, Feuerholz und Pelze hortete, hatte bessere Chancen zu überleben. Den evolutionären Drang haben wir behalten: Bücher, Eintrittskarten, Panini-Sticker oder Motorräder. Nur fehlt heute in der Großstadt dafür oft der Platz. Deshalb bauen Unternehmen immer neue Lagerhallen für sogenanntes Selfstorage, zu deutsch: „Selbstlagerung“.

Viel zu verstauen: Die Zahl der Hallen in Deutschland hat sich seit 2009 verdreifacht - auf 136.
Viel zu verstauen: Die Zahl der Hallen in Deutschland hat sich seit 2009 verdreifacht - auf 136.Foto: Thilo Rückeis

Schon die alten Chinesen verstauten wohl Besitz in Tongefäßen und lagerten sie in öffentlichen Kellern ein. In den USA wurden moderne Storage Units in den 1960er Jahren populär. Heute mietet jeder zehnte Amerikaner ein Abteil. Längst sind sie Teil der Gegenwartskultur geworden. In der Serie „Auction Hunters“ ersteigern Leute blind den Inhalt zurückgelassener Storage Units, weil sie darin antike Schätze vermuten. In Serien und Filmen werden die Lagerräume gern als Ort des Verbrechens dargestellt. Skyler White aus „Breaking Bad“ deponiert in einem Abteil das Drogengeld ihres Mannes und sprüht es ein, damit die Silberfische nicht daran nagen.

In Deutschland hat sich die Anzahl der Selfstorage-Hallen seit 2009 verdreifacht – auf 136. Allein in Berlin betreibt der Marktführer MyPlace 13 Filialen und baut gerade zwei neue. Der Bedarf steigt dort, wo selbst Keller und Dachboden zu Wohnungen ausgebaut werden.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Die größte Lagerhalle Berlins steht in Friedrichshain an der Landsberger Allee. Fünf Stockwerke, 5500 Quadratmeter, 1100 Abteile, einen oder 50 Quadratmeter groß. Die Mieter dürfen ihre Abteile tagsüber jederzeit betreten, auch wenn das Coronavirus gerade das Leben lahmlegt. Eigentum ist systemrelevant.

Doch was verbirgt sich hinter den Türen? Was bringen die Leute in dieses Hotel der Dinge? An einem Samstag trifft sich dort ein Querschnitt der Stadt: alte und neue Berliner, Start-up-Gründer, Rentner, DJs, Studierende. Allen fehlt Platz – zum Arbeiten, für ihre Hobbys, manchen sogar zum Schlafen.

10.45 Uhr, Erdgeschoss

Im Büro gleich am Eingang der Lagerhalle sitzt Martina Liedtke, 63 Jahre alt. Wer ein Abteil braucht, muss an ihren Schreibtisch treten. Formular ausfüllen, Ausweiskopie, Kaution. Oft seien es große Veränderungen im Leben, die Menschen dazu bringen, etwas einzulagern, sagt sie. „Trennung, Umzug, Todesfall, Sabbatical.“ Dass jemand seine Motorräder hier parkt, habe sie noch nicht erlebt. Doppelklick, der Drucker schiebt einen Vertrag in ihre Hand. „Denken Sie daran, eine Pappe unter die Motorräder zu legen, falls Öl ausläuft.“ Sie legt den Vertrag vor Swantje Wendt auf den Schreibtisch. Sie nickt und unterschreibt. An den Wochenenden fahren sie und ihr Mann über Brandenburgs Landstraßen, erzählt sie. „Als Ausgleich zur Arbeitswoche.“ Sie ist 41 Jahre alt, designt Mode und Schnittmuster, er, 39, leitet eine Agentur, die Apps entwickelt. Sie verabschieden sich, um die anderen drei Motorräder zu holen.

Martina Liedtke bietet Kaffee an. Seit der Eröffnung 2009 arbeitet sie hier: Elf Jahre, in denen sich Friedrichshain stark verändert hat. Von ihrem Schreibtischstuhl aus hatte Liedtke einen guten Blick darauf. Menschen, die seit 2015 in den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zogen, verdienen laut einer Studie im Durchschnitt 425 Euro mehr als jene, die dort schon länger wohnen. Liedtke erzählt von einem Grafen, der sich 30 Quadratmeter mietete, um antike Schränke einzulagern. Und von Obdachlosen, die sie im Winter schlafend in den Abteilen fand.

Unter Verschluss: Der Komplex an der Landsberger Allee misst 5500 Quadratmeter.
Unter Verschluss: Der Komplex an der Landsberger Allee misst 5500 Quadratmeter.Foto: Thilo Rückeis

Als 2014 Airbnb boomte, mieteten Leute plötzlich Räume, um Bettlaken, Shampoo und Handtücher unterzubringen. Clubbetreiber schleppten Kisten mit Getränken heran, die Liedtke noch nicht kannte: Mate-Limonade und Biozisch. Einmal brach die Polizei ein Abteil auf, weil wohl etwas eingelagert wurde, was genau wie Mate in Berliner Clubs konsumiert wird.

Ein älteres Ehepaar betritt das Büro: „Hallo Frau Liedtke, wie geht es Ihnen?“

Herr und Frau Fischer sind 72 und 68 Jahre alt. Beide wohnen fast ihr ganzes Leben in Friedrichshain. Sie bringen die Monatsrate für ihr Abteil vorbei. Bar in einem Umschlag. 100,60 Euro für drei Quadratmeter inklusive Versicherung.

Sie mieten es seit drei Jahren. Da starb Frau Fischers Mutter. In der Wohnung fanden sie Textima-Nähmaschinen, in Leder gebundene Bücher aus den 50er Jahren: Heine, Goethe, Schiller. Henkeltöpfe mit Kupferboden, Schallplatten von Manfred Krug und den Puhdys.

In ihrer Zweiraumwohnung war kein Platz, aber das Leben ihrer Mutter wegschmeißen, das konnte Frau Fischer nicht. Also packten sie alles in ihren Volvo und Herr Fischer fuhr es zur Lagerhalle.

Zeigen können sie das Abteil nicht. Herr Fischer hat den Schlüssel nicht mit. Überhaupt würden sie das Abteil kaum betreten, sagt er. Warum auch? Mit den Maschinen wird niemand mehr nähen, mit den Henkelkochtöpfen niemand mehr kochen, die Platten niemand hören. Ihr Drei-Quadratmeter-Abteil ist ein emotionaler Tresor, den man nicht öffnen muss, solange man den Inhalt wohlbehalten weiß.

Frau Fischer überlegt und sagt, dass sie bald wieder ins Abteil gehen wird. Sie will die alten Kinderbücher über Clown Ferdinand aus den Kartons kramen. „Die will ich meinen Enkeln vorlesen.“

Man könnte den Bedarf an Selfstorage als Folge unserer Konsumgesellschaft sehen. Wir besitzen so viele Dinge, dass wir nicht mehr wissen, wohin damit. In Friedrichshain zahlte man 2019 laut Mietspiegel etwa 15 Euro für einen Quadratmeter kalter Wohnfläche. Ein Quadratmeter Lagerabteil kostet ungefähr das Doppelte. Die Betreiber der Selfstorage-Hallen profitieren von der Platznot – und beanspruchen dafür wiederum Fläche, auf der Leute wohnen könnten. Die Betreiber argumentieren, dass sie an viel befahrenen Straßen oder in Industriegebieten bauen. Dort, wo niemand wohnen will.

13.30 Uhr, Innenhof

Das elektrische Tor vor der Lagerhalle schiebt sich auf. Der Australier Paul Retchford fährt auf den Hof und parkt seinen weißen Miettransporter direkt neben dem Fahrstuhl.

Er und sein Freund Dustin aus Texas wollen die letzten Umzugskartons aus seinem Abteil holen. Retchford ist 27 Jahre alt. Er trägt einen Schlabberpulli und eine Mütze, die nicht bis zu den Ohren reicht. Erst gestern ist er in Berlin-Tegel gelandet. Er war in Australien bei seiner Familie. Jetzt zieht er in ein neues WG-Zimmer in Prenzlauer Berg. Während der zwei Monate, die er in Australien verbracht hat, lagerte er seinen Besitz ein. Das war günstiger als Miete in seiner alten WG zu zahlen. Viel besitzt er eh nicht. Retchford schließt das Abteil im fünften Stock auf: ein Rennrad, eine Espressomaschine, ein Keramik-Messer, das 150 Euro kostet. Retchford arbeitet in einem Bistro in Mitte. „Als Koch wird man in Berlin scheiße bezahlt, aber die Stadt gleicht das aus“, sagt er.

Die Nachfrage nach Selfstorage erzählt auch etwas über die Lebensweise einer Generation. 20- bis 35-Jährige wechseln heute häufiger Job und Stadt. Sie verreisen mehr und länger. Konsequenterweise klingen auch die Firmennamen der Storage-Anbieter nach Start-up, nicht nach Blechwand: MyPlace, MyStorage, Boxie24.

15.30 Uhr, Erster Stock

Ein Mann steht vor seinem Vier-Quadratmeter-Abteil. Aus dem Billy-Regal am Eingang ragen Kartons voller Schrauben und Muttern, ein Rotorblatt fällt ihm entgegen. „Halten Sie Abstand. Ich kann Ihnen das nicht zeigen“, sagt der Mann. „Die Chinesen sind da auch dran.“

Der Besitzer ist 46 Jahre alt, trägt kurz geschorenes Haar und Brille. Er arbeitet als Ingenieur, wie er sagt. Seinen Namen möchte er nicht verraten. Er baue eine mobile Windkraftanlage. Die Idee sei ihm gekommen, als er in der Wildnis von Neuseeland campen war. Er wollte sein Handy aufladen und hatte einen mobilen Solarkollektor dabei, aber die Sonne schien an diesem Tag nicht.

Leere Gänge, launiger Soundtrack: Aus den Lautsprechern der Lagerhalle dudelt George Michael.
Leere Gänge, launiger Soundtrack: Aus den Lautsprechern der Lagerhalle dudelt George Michael.Foto: Thilo Rückeis

Ein Windkraftrad, das in den Rucksack passt. Ultraleicht müsse es sein, aus Carbon, sagt er. Möglichst zusammenklappbar. Er experimentiere gerade mit den Rotoren von Drohnen. Dafür brauche er Platz, aber seine Frau habe sich beschwert, dass überall in der Wohnung Schrauben herumlagen. Deswegen hat er das Abteil gemietet. Den Prototyp will er bald testen. Er erzählt von Titan-Beschichtungen, Megahertz und Akkukapazitäten. Es ist schwer, ihm zu folgen. Er glaubt, dass die Chinesen uns bald Entwicklungshilfe zahlen werden, weil sie uns so weit voraus sind. Dann sagt er, dass er los müsse, zum Baumarkt. Er schließt sein Abteil ab. Nicht ohne sich zu versichern, dass niemand mehr in der Nähe ist.

16.45 Uhr, Zweiter Stock

Besitz ist etwas Intimes. Oft ist es aber gar nicht er selbst, der viel über uns verrät, sondern die Art, wie wir damit umgehen. Aus den Lautsprechern im Lagerhaus an der Landsberger Allee dudelt George Michael. Ein junger Mann kommt einen der sterilen Gänge entlang. Auf seinen Karton angesprochen, möchte er erst mal einen Presseausweis sehen. Er will sichergehen, nicht an einen Betrüger geraten zu sein, der sich Zugang zu seinem Abteil erschleichen will. Dann erzählt er von Kellereinbrüchen bei ihm in der Nachbarschaft. Deswegen miete er jetzt ein Abteil, hier sei alles mit der Kamera überwacht. Welche Schätze mag er wohl einlagern? Aus seinem Karton ragt Weihnachtsdeko, zwei Holzsterne umwickelt mit einer Lichterkette.