Besser als Reisen : Eine Ode an die großen Ferien zu Hause

Wer bewusst daheimbleibt, rebelliert gegen den Konsumwahn. Irgendwo still sitzen, während die Welt weiter rennt – ist diese Vorstellung nicht beglückend?

Harriet Köhler
Erholungsbedürftig? Manchmal genügt auch ein Nickerchen nach dem Frühstück.
Erholungsbedürftig? Manchmal genügt auch ein Nickerchen nach dem Frühstück.Foto: imago/Westend61

Zugegeben: Daheimbleiben – das hört sich erst einmal trostlos an. Nach Hausarrest und Regentagen, nach Staubsaugerbeuteln und Langeweile, nach dem fahlen Licht von LED-Glühlampen und dem Wäscheständer, der mit Vorwürfen behängt in der Ecke steht. Es hört sich an wie: immer so weiter. Wie: bloß keine Pause. Wie: nur die Mühle nicht verlassen.

Mein Mann tat sich dann auch erst einmal schwer mit unserem Entschluss. Er hat einen ziemlich fordernden Job und große Sehnsucht danach, woanders zu sein. Er war immer davon überzeugt, dass er wegfahren muss, um Abstand zum Alltag zu finden, dass ein Ortswechsel ihn mehr als alles andere in die Lage versetzt, seinen Geist wieder zu weiten und Kraft zu tanken.

Mir hingegen machte unsere Entscheidung weniger aus. Ich gehörte noch nie zu den Leuten, die es zu Hause nicht aushalten, wenn nicht schon die nächste Reise gebucht und in Vorbereitung ist. Ich mag die gewohnten Rhythmen des Alltags und finde nichts dabei, die immer gleichen Dinge zu den immer gleichen Zeiten zu tun und dabei die immer gleichen Leute zu sehen. Ich habe nur selten das Gefühl, dass feste Strukturen mich einengen, im Gegenteil. Ich empfinde sie sogar als Befreiung. Als Rahmen, innerhalb dessen ich völlig frei denken kann, ohne viel Energie daran zu verschwenden, welchen Bus ich nehmen muss und wo ich ein genießbares Mittagessen kriege. Erholungsbedürftig bin natürlich auch ich manchmal – aber meistens genügt mir dann ein langes, heißes Bad oder ein Nickerchen nach dem Frühstück.

Das Reisen zu Erholungszwecken ist eine ziemlich neue Erfindung

Seine Urlaube zu Hause zu verbringen, das kommt mir eigentlich nicht sonderlich unnatürlich vor. Und tatsächlich ist das Reisen zu Erholungszwecken ja auch eine ziemlich neue Erfindung. In Deutschland wurzelt es in der Zeit der Weimarer Republik, als die ersten Tarifverträge ausgehandelt wurden und Arbeiter zum ersten Mal eine Woche frei bekamen. Wirklich durchgesetzt wurde die Idee allerdings erst von den Nationalsozialisten, die den Jahresurlaub auf zwei bis drei Wochen ausdehnten und sich von Mussolini zu einem „Nationalen Freizeitwerk“, der NS-Organisation „Kraft durch Freude“, inspirieren ließen.

„Das Ziel der Organisation ist die Schaffung einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und die Vervollkommnung und Veredelung des deutschen Menschen“, hieß es damals, und deshalb ging es auch nicht um verweichlichendes Vergnügen, sondern um gesunde Freude, die dem Arbeiter Kraft geben möge – dafür, die volkswirtschaftliche Produktion anzukurbeln und einen Krieg zu führen. Hitler selbst sprach davon, dass ausreichender Urlaub und ausreichende Erholung die Deutschen zu einem Volk machen sollten, das auch dann die Nerven behält, wenn man sich mit ihm aufschwingt, um „wahrhaft große Politik“ zu machen.

Heute mischt sich kein Staat mehr darin ein, wie wir unseren Urlaub verbringen. Wir schöpfen nicht mehr „Kraft durch Freude“, sondern sind „Fit for fun“. Trotzdem kann man das Gefühl bekommen, dass der Gedanke der individuellen und kollektiven Optimierung dem Urlaub noch immer nicht ausgetrieben ist. Wir hoffen, uns in den Ferien gut zu erholen, die Batterien wieder aufzuladen, zu regenerieren – um dann als verbesserte Version unserer selbst wieder voll zu funktionieren.

Sich einmal gegen das Räderwerk des Kapitalismus stemmen

Sprachgeschichtlich geht der Urlaub auf das alt- und mittelhochdeutsche Wort urloup zurück, also die „Erlaubnis“: Wenn ein Ritter im Hochmittelalter seinen Lehnsherrn um urloup bat, dann meinte er damit die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Ich finde: Schon allein der Gedanke, sich abzumelden und dann nicht zu entfernen, sondern einfach zu bleiben, wo man ist, birgt ein gewisses Hochgefühl. Nämlich jenes, das sich immer dann einstellt, wenn man beschließt, irgendwo nicht mitzumachen. Nicht zur Verfügung zu stehen, nicht zu funktionieren.

Autorin Harriet Köhler.
Autorin Harriet Köhler.Foto: Urban Zintel
Harriet Köhler

Harriet Köhler studierte Kunstgeschichte und schreibt als freie Autorin Romane, Restaurantkritiken und Sachbücher. Am 2. September ist ihre „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ (Piper, 208 Seiten, 15 Euro) erschienen, aus der dieser Text stammt.

1200 Euro jährlich geben die Deutschen laut Tourismusanalyse 2018 im Schnitt für ihren Urlaub aus. Das sind 1200 Euro, die im Rachen der vielen Pauschalreiseveranstalter, auf den Konten der Hiltons, Marriots, Trumps, von russischen Oligarchen oder den Investoren von Airbnb verschwinden. Daheimbleiben, das bedeutet also auch, einmal nichts zum Wirtschaftswachstum beitragen. Die Konsumgesellschaft boykottieren. Sich seine Unterhaltung nicht zu kaufen und sich stattdessen selbst zu amüsieren. Sich einmal gegen das Räderwerk des Kapitalismus zu stemmen, der von uns verlangt, unsere Arbeitskraft möglichst kostenintensiv wiederherzustellen. Sich der Tourismusindustrie zu verweigern, die uns einredet, wir könnten uns nur dann erholen, wenn wir möglichst weit weg in möglichst neu angeschaffter Ausrüstung jemand anderen spielen als den, der wir sind.

Irgendwo still sitzen, während die Uhren sich immer weiterdrehen, während die Welt weiter rennt und redet und kauft und klickt und macht und tut wie verrückt – ist diese Vorstellung nicht beglückend?

Daheimbleiben ist kein Stillstand, auch, wenn man sich dabei nicht vom Fleck bewegt. Es bedeutet nicht, dass man den Status quo akzeptiert. Im Gegenteil: Wer bewusst daheimbleibt, rebelliert gegen Erderwärmung, Umweltzerstörung und Wachstumslogik, gegen Overtourism und den Irrglauben, dass der geistige Horizont eines Menschen vor allem von seinem Meilenkonto bestimmt wird. Daheimbleiben kann ziemlich bereichernd sein und ist eine echte Alternative zum Reisen in die Ferne.

Die sanfteste aller Arten, Widerstand zu leisten

14 freie Tage sollte man schon aufwenden für die sanfteste aller Arten, Widerstand zu leisten. Aber natürlich macht auch ein langes Wochenende Spaß, denn anders als bei einem Kurztrip geht nicht die Hälfte der freien Zeit für An- und Abreise drauf – man ist ja bereits da, und das schon lange! Und damit der Urlaub auch garantiert nicht in Stress ausartet, sollte man sich für jeden Tag nur ein einziges To-do vornehmen, höchstens. Schließlich geht es beim Daheimbleiben nicht darum, eine Urlaubsreise zu imitieren. Jeden Tag an den Badesee flüchten, das kann Spaß machen, keine Frage. Aber damit verfällt man schon wieder der alten Logik. Letztlich gelingt Daheimbleiben dann am besten, wenn man sich klarmacht, dass es ebenfalls eine Reise ist. Eine Reise, bei der man nicht den Körper, sondern den Geist bewegt. Bei der man innehält und seine Perspektive verändert und das Fremde und Überraschende im oft allzu Vertrauten entdeckt. Bei der man guckt, was dieses Daheim eigentlich ist – und ob man dieses Leben, dem man immerfort entfliehen will, nicht auch anders leben könnte. So, dass man sich irgendwann vielleicht gar nicht mehr wegsehnen muss, sondern es ganz gut finden kann, so, wie es ist.

Denn das eigene Zuhause hält alles bereit, was man zum Glücklichsein braucht: ein sauberes Bett mit genau dem richtigen Kopfkissen – ganz ohne Kissenmenü. Immer die richtige Kleidung im Schrank, egal wie verregnet oder warm es ist. Klares Wasser aus dem Hahn. Fenster, die man öffnen kann und die sich wunderbar schließen lassen und durch die man ein Stück vom Himmel sieht. Wer dann noch im Sommer daheimbleibt, wenn die Stadt wie entvölkert ist, weil alle anderen weggefahren sind, kann überdies ein Zuhause erleben, das ihm sonst entgeht. Er kann erfahren, wie Cafés, Straßen und Parks beinahe leer gefegt sind und die Welt um ihn herum befreit aufatmet – wie wenn man nach einem langen, anstrengenden Tag endlich aus den schweren Schuhen schlüpft.