„Die Ostdeutschen waren bestens informiert“

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Besuch beim Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz : „Noch vier Wochen vorher applaudierten sie mir“

Sie nannten bereits die Reisefreiheit. Die Meinungsfreiheit halten Sie für weniger wichtig?
Nein. Ich sehe da durchaus Defizite in der DDR. Oft wird aber vergessen: Die Ostdeutschen waren bestens informiert. Sie rezipierten DDR-Medien und gleichzeitig die elektronischen Medien der Bundesrepublik und West-Berlins. Und es gab trotz Einschränkungen Millionen Reisende von Ost nach West und umgekehrt, die auch Zeitungen und Nachrichten mit in die DDR brachten.

Umso sinnloser, dass die Medien in der DDR zensiert wurden.
Naja, eine direkte Zensurbehörde gab es in der DDR auch nicht. Es gab ein Instrument: die Schere im Kopf. Und da bin ich mir nicht ganz sicher, ob die nicht auch im Westen funktioniert. Der wirtschaftliche Druck ist möglicherweise noch größer als der ideologische. Letzterer ist nämlich nicht von existenzieller Bedeutung.

Sie veröffentlichen seit Jahren Bücher. Das wäre umgekehrt nicht vorstellbar.
Ich bestreite ja nicht, dass die Tatsache, unbehindert sagen und schreiben zu können, wonach es einen drängt, ein hohes Gut ist. Den Artikel 5 des Grundgesetzes sehe ich durchaus als Errungenschaft.

Ihr neues Buch „Wir und die Russen“ handelt vom Verhältnis zwischen Ost-Berlin und Moskau. Gibt es denn jetzt, 30 Jahre später, neue Erkenntnisse, die Ihr Bild verändert haben?
Vor ungefähr zwei Jahren sah ich eine Talkrunde, in der Kohls außenpolitischer Mitarbeiter Herr Teltschik sagte, er sei überrascht gewesen, dass ausgerechnet die sowjetische Seite empfohlen habe, Kohl solle sich mit mir nicht treffen, weil ich den Sonderparteitag nicht überstehen würde. Zu dem Zeitpunkt wusste ich selbst noch nicht, dass es einen Sonderparteitag geben würde. Ich habe kürzlich mit Herrn Teltschik telefoniert, und er sagte mir, dass die Empfehlung vom sowjetischen Botschafter in Bonn, Kwizinski, gestammt habe. Da wurde mir klar: Ich habe jemandem noch vertraut, der hinter unserem Rücken agiert hat.

Wann wurden Sie skeptisch?
Ende November 1989, als mir Gorbatschow eine Botschaft über seine Konzeption für sein Treffen mit US-Präsident Bush auf Malta schickte. Dort wollte er das Ende des Kalten Krieges erklären, was er dann auch tat, woraufhin sich Bush zum Sieger des Kalten Krieges erklärte – was eine Demütigung der Sowjetunion war. In dieser Zeit liegt der Schlüssel zu vielen Problemen, die wir heute haben.

Wie meinen Sie das?
Den USA war es immer nur wichtig, die sowjetischen Truppen aus dem Zentrum Europas zu verdrängen. Jetzt stehen deutsche Truppen wieder da, wo sie 1941 standen, als der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann: an der russischen Grenze. Und Frau Merkel sagt: Putin hat auf der Krim die Nachkriegsgrenzen verändert. Weiß sie denn nicht mehr, was sie mal in der DDR-Schule gelernt hat? Die Nachkriegsgrenzen, übrigens auf der schon damals russischen Krim in Jalta fixiert, gingen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer quer durch Europa, und diese Grenzen sind bereits nach 1990 verändert worden. Die Mauer in Berlin ist weg. Das ist gut so. Sie wurde nach Osten verlegt und besteht dort jetzt zwischen der NATO und Russland. Und das ist schlecht.

Ein Donnerstagabend im Juli. Krenz stellt im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur an der Friedrichstraße sein Buch vor. „Ich dachte, es wären nur ein paar Hanseln da, und jetzt das!“, sagt eine Frau belustigt, als sie sich umschaut. Sie hat Krenz vor einem halben Jahrhundert bei einem Pioniergeburtstag kennengelernt. „Ein sehr gönnerhafter Genosse“, sagt sie. Jetzt steht er nur wenige Meter entfernt: aufgekratzt, von Kameras umstellt, die ihn filmen, wie er Hände schüttelt, für Selfies posiert oder einem Mitarbeiter der russischen Botschaft zuraunt: „Es ist das Buch eines Freundes!“

Im Herbst ist Krenz’ kurze Amtszeit 30 Jahre her, da scheint sich das neue Deutschland plötzlich für ihn zu interessieren. Kürzlich war er bei Peter Gauweilers Geburtstag eingeladen – zusammen mit Uschi Glas, Uli Hoeneß und dem Prinzen von Bayern.

Doch auf der Bühne des Russischen Hauses gibt sich Krenz wenig entgegenkommend. Er zitiert Stalin mit „Die Hitler kommen und gehen, der deutsche Staat bleibt“ und polemisiert gegen den Westen: Während am 9. November „die Politiker in West-Berlin meinten, sie feierten ein Volksfest, mussten wir im Osten ganz schön rackern, damit die Sache vernünftig verläuft“. Schlussapplaus. Danach sind die Journalisten so schnell wieder weg, wie sie gekommen waren, und Krenz mit seinen weißhaarig gewordenen Kernanhängern allein. Eine lange Schlange zieht sich quer durchs Foyer bis zum Büchertisch, an dem Egon Krenz, gut gelaunt, die eigenen Werke signiert.

Herr Krenz, gibt es irgendetwas in der Bundesrepublik, was Sie gut finden?
Ich bin doch kein Ignorant. Es gibt vieles, was sich zum Positiven entwickelt hat: aufwendig restaurierte Innenstädte, die Reisen ins Ausland, neue Autobahnen und manches mehr. Es ist sicher wahr, dass es Deutschland gut geht. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es auch allen Deutschen gut geht.