„Ich habe viel niedergeschrieben“

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Besuch beim Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz : „Noch vier Wochen vorher applaudierten sie mir“

Sie waren damals 52 Jahre alt und plötzlich Privatier. Wie kamen Sie mit der Umstellung zurecht?
Mit innerer Disziplin. Ich bin nach wie vor früh aufgestanden, gelaufen und habe einen festen Tagesplan gehabt. Ich habe viel niedergeschrieben.

Aber Sie waren nie wieder fest angestellt.
Doch, später bei der Fluggesellschaft Germania.

Eine Gefälligkeit des damaligen Chefs der Fluggesellschaft, oder?
Um Freigänger zu werden, brauchte ich eine Festanstellung. Ein Ostdeutscher wollte mich in seiner neu gegründeten Firma anstellen, konnte mir aber nur ein symbolisches Gehalt bezahlen. Ich erinnere mich an den selbstgerechten Gefängnisdirektor von Hakenfelde. Mit einem Umfang, wie ich ihn jetzt habe, saß er in seinem Sessel und sagte: „Herr Krenz, wir können doch nicht zulassen, dass der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR nur 800 Mark verdient!“ Ich war dem Chef von Germania dankbar, dass er mir einen Job gab, um den Gefängnisboss umzustimmen. Ich übersetzte meist Texte ins Russische, was mir nicht leicht fiel, weil ich viele Begriffe aus dem Flugwesen schon im Deutschen nicht verstand. Ein Freund, Werner Eberlein, auch ein ehemaliges Politbüro-Mitglied, half mir. Er war in der Sowjetunion aufgewachsen und oft Dolmetscher von Ulbricht und Honecker, wenn diese sich mit den sowjetischen Parteichefs trafen.

Zurück ins Wendejahr. Damals sind DDR-Bürger in Scharen den Ku’damm rauf und runter gelaufen. Haben Sie das auch mal gemacht, oder haben Sie sich darüber geärgert, dass andere das taten?
Ich habe mich weder darüber geärgert, dass andere das taten, noch hielt ich es für wichtig für mich. Ein bisschen habe ich ja auch immer Rücksicht darauf genommen, dass ich für manche so etwas wie ein Aushängeschild der DDR war.

Die 90er waren für Sie sicher davon überschattet, dass Ihnen eine lange Gefängnisstrafe drohte.
Elfeinhalb Jahre hatte der Staatsanwalt beantragt. Bevor die Verhandlung begann, wurde mir ein Deal angeboten: Ich sollte mich so verhalten wie Schabowski oder Kleiber, die sich nicht gewehrt hatten. Aber da war ich mir mit meiner Frau einig: Selbst auf die Gefahr, dass ich elfeinhalb Jahre ins Gefängnis hätte gehen müssen, hätte ich mich nicht gebeugt. Wie hätten sie wohl über die DDR gesprochen, wenn ihr letzter Staatschef sich von ihr distanziert hätte? Zu Recht hätten sie das wohl charakterlos genannt.

Wie war Ihr Standpunkt?
Den habe ich wohl zur Genüge bewiesen: Ich habe am 3. November zusammen mit dem Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, Generaloberst Fritz Streletz, einen Befehl erarbeitet, der die Anwendung von Schusswaffen auch im Grenzgebiet untersagte. Dieser Befehl galt auch am 9. November.

Sie waren wegen der Mauertoten angeklagt.
Jeder Tote an der Mauer war einer zu viel, keine Frage. Doch die DDR entschied nicht allein darüber, was an der Grenze passierte, sondern nur mit ihren Verbündeten. Diese Grenze war wie eine Frontlinie zwischen der NATO und den Ländern des Warschauer Vertrages. Egon Bahr, einer der bestinformierten Männer in der alten Bundesrepublik, bestätigte das vor Gericht.

Gorbatschow war ein Befürworter der Grenzanlagen in Berlin. Bei seinem Staatsbesuch 1986 hatten ihm seine Leute den Besuch der Grenztruppen zunächst aus dem Programm gestrichen, doch er wollte unbedingt diesen Termin wahrnehmen. Im Ehrenbuch am Brandenburger Tor würdigte er den „wahren Heldenmut“ der Soldaten, die „den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden vor den Anschlägen des Klassenfeindes“ schützten. Die Preise waren nach 1990 sehr ungleich verteilt. Die einen wurden Ehrenbürger von Berlin, die anderen von der Liste getilgt – auch Landsleute Gorbatschows. Für die Rechtsgeschichte der Bundesrepublik sind die Prozesse gegen DDR-Amtsträger kein Ruhmesblatt. Die Bundesrepublik hat ihre eigene Regel – das uralte Rückwirkungsverbot – ändern müssen, um uns verfolgen zu können.

Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer hat mal gesagt: besser Moabit als Bautzen.
Knast ist nirgendwo ein Sanatorium. Wenn heute Leute berichten, wie unmenschlich es in DDR-Gefängnissen zuging, weil sie sich ausziehen mussten und ihnen in alle Körperöffnungen geschaut wurde – dann sage ich: Ja, das finde ich wirklich fürchterlich. Denn mir widerfuhr es auch. Es gibt keine Waffengleichheit in der Auseinandersetzung zwischen den beiden deutschen Staaten.

Wie meinen Sie das?
Das geht schon damit los, dass der Tag der deutschen Spaltung nicht der Mauerbau war, sondern jener Tag, an dem die Westdeutschen und die West-Berliner nach dem Krieg bei einer separaten Währungsreform andere Banknoten erhielten, als im Rest des Landes im Umlauf waren. Das war der erste Schritt zur Teilung. Dann fand die Gründung der Bundesrepublik statt, wir reagierten mit der Bildung der DDR. Die Bundesrepublik trat der NATO bei, im Osten wurde daraufhin der Warschauer Vertrag gebildet, die DDR trat bei. Kurzum: Die Bundesrepublik hat stets vorgelegt, und wir waren gezwungen nachzuziehen.

Wie erging es Ihnen in Haft?

Ich habe viel Solidarität von Mithäftlingen erlebt. Als ich beispielsweise in Moabit saß, reiste Bundespräsident Roman Herzog nach Russland. Er wollte vor der Duma reden, was die stärkste Fraktion im russischen Parlament an seine Zusage knüpfte, sich für die Freilassung von Egon Krenz einzusetzen. Er sagte, das gehe in einem Rechtsstaat nicht. Also musste er in einem Nebenraum reden. Die große Bühne blieb ihm versagt. Meinetwegen hätte er auch im großen Saal reden können, aber die Haltung der Russen war mir sympathisch. Den Vorgang hatte man auch im Gefängnis mitbekommen. Als ich zum Freigang geführt wurde, rief ein türkischer Mithäftling: “Krenz vertreibt Herzog aus dem Parlament!” Das war natürlich nicht meine Absicht gewesen, aber tat dennoch gut.

Nach knapp vier Jahren wurde Krenz kurz vor Weihnachten 2003 aus der Haft entlassen, vorzeitig, nur offenbar ohne Resozialisierungsziel. Zu einem „Aufruhr im Ostseebad“ sei es noch 2007 gekommen, schrieb der „Spiegel“, nachdem ihm Kinder aus der örtlichen Tagesstätte zum 70sten das Lied „Käfer, du gefällst mir sehr“ gesungen hatten.

Vielleicht verteidigt Krenz deshalb so reflexhaft die DDR, wie er die Bundesrepublik kritisiert. Stunde drei des Interviews ist angebrochen und der Papierstapel noch immer nicht abgearbeitet. Krenz spricht ausladend und besteht darauf, auch so wiedergegeben zu werden. Er ist sehr bestimmt, hier auf seiner Gartenbank: wie ein Staatsoberhaupt, dem nur der Staat abhandengekommen ist.

Doch die alte Gefolgschaft ist ihm erhalten geblieben. Er kriege so viel Post, dass er mit dem Zurückschreiben nicht hinterherkomme, erzählt Krenz. Dabei deutet er auf ein noch kleineres, spitzgiebeliges Häuschen, das hinter seinem Haus liegt: eine Garage, die er zum Arbeitszimmer umgebaut hat. Dort liege ein ganzer Berg Briefe, nicht nur aus dem Osten. In regem Austausch habe er beispielsweise mit dem „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher seit dem ersten Treffen auf Rügen gestanden. Der habe sich, sagt Krenz, sehr für die DDR-Geschichte interessiert. Zum 20-jährigen Mauerfall-Jubiläum schrieb Schirrmacher dann in der „FAZ“ eine ganze Seite darüber, wem der friedliche Verlauf der Wende mit zu verdanken sei: Egon Krenz. Manchmal nutzt es etwas, vehement auf Leute einzureden.

Aus dem westdeutschen Establishment standen Sie außerdem mit dem Kreml-Experten Wolfgang Leonhard in Kontakt, der mittlerweile verstorben ist.
Leonhard hatte nach dem Krieg ein Heftchen über den 1. Mai veröffentlicht, das mich als Kind begeisterte. Dann ging er in den Westen. Oft war ich sauer, wenn ich im Fernsehen sah, wie er sich nicht eben freundlich über uns oder die Sowjetunion ausließ. Dann aber kritisierte er, dass man die DDR-Funktionsträger juristisch nicht so behandeln dürfe, wie man es tat. Ich habe ihn später öfter an seinem Geburtstag angerufen, das Datum vergaß ich nie: Es war der 16. April, der Geburtstag von Ernst Thälmann. Wir haben dann entspannt miteinander gescherzt.

Wen rufen Sie zurzeit zum Geburtstag an?
Es sind schon einige Hundert Leute im Jahr. Ich werde Ihnen keine Namen nennen. Wenn Sie glauben, ich leide an Einsamkeit: Ich wohne hier zwar in aller Ruhe ...

… nein. Wenn stimmt, was man über Sie liest, leben Sie gut integriert in einer Parallelgesellschaft.
So nennt offenkundig der Westen den Osten: Parallelgesellschaft. Ich kann nur die Lektüre einer sächsischen Langzeitstudie von Leipziger Jugendforschern empfehlen, um sich ein Bild zu machen. Seit einem Vierteljahrhundert befragen sie Personen des Jahrgangs 1973. Mittlerweile glauben weniger als zehn Prozent der Befragten daran, dass das bundesdeutsche System die drängenden Probleme lösen wird. Der Kapitalismus ist nicht das letzte Wort der Geschichte. Bereits am 15. Juni 1991 habe ich erste Ergebnisse der Studie an Bundeskanzler Kohl geschickt, der mich 1989 ausdrücklich aufgefordert hatte, dass ich ihn, wenn ich ein Problem hätte, jederzeit anrufen könne. Ich habe damals Kohl davor gewarnt, dass sich die Vereinigung zum nationalen Problem entwickeln könne ähnlich wie die Nord-Süd-Spaltung in Italien. Ich habe ihm dazu vier Seiten geschrieben. Es erfolgte keinerlei Reaktion.

Es ist ein Unterschied, ob man Macht hat oder nicht.
Briefe kann man immer beantworten. Wie ich von vielen Menschen höre, bekommen sie von Politikern immer weniger Antwort auf ihre Fragen. Die Obrigkeit ist zum Teil kommunikationsunfähig. Die etablierten Parteien vertreten oft nicht die Interessen der Ostdeutschen, weil sie diese nicht kennen. Ich sehe manche Parallele zwischen 1989 und heute.