Besuch beim Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz : „Noch vier Wochen vorher applaudierten sie mir“

Egon Krenz guckt „Gundermann“ und geht zu Gauweilers Geburtstag. 30 Jahre nach der Wende kämpft der Ex-DDR-Staatschef um seinen Blick auf die Geschichte.

Egon Krenz bei der Präsentation seines Buches „Wir und die Russen“
Egon Krenz bei der Präsentation seines Buches „Wir und die Russen“Foto: AFP/Tobias Schwarz

Die erste Nachricht von Egon Krenz war kurz und rätselhaft: „Ich melde mich, sofern ich wieder zu Hause bin“, schrieb er im vergangenen Sommer. Saß er irgendwo fest? Tags darauf kam die Auflösung: Er sei mit seinem Buch „China – wie ich es sehe“ auf Lesereise gewesen, die er bald fortsetze. Deshalb müsse er die Interviewanfrage absagen.

Seltsamerweise war nirgends im Internet eine Veranstaltung mit ihm zu finden. Die Parallelgesellschaft, die Frank Schirrmacher in den 90ern beschrieb, als er eine Lesung von Krenz auf Rügen besuchte und sich in einer „wie in Bernstein“ konservierten DDR wiederfand, scheint es noch immer zu geben – unauffindbar für Google.

Wenige Tage vor Weihnachten, nach einer neuen Anfrage, hatte man ihn dann am Telefon. Klangvolle Stimme, verbindlicher Ton. Immer noch keine Zeit. Er saß schon am nächsten Buch, diesmal über die Sowjetunion. Ohnehin habe er von Interviews Abstand genommen, erklärte er, da er in der Regel verzerrt wiedergegeben werde. Vage stellte er schließlich doch ein Treffen in Aussicht, im Frühjahr, das dann bereits fast verstrichen war, als tatsächlich im Mail-Fach ein Terminvorschlag von ihm eintraf: An einem Mittwoch um zwölf Uhr bei ihm zu Hause in Dierhagen. „Bitte nicht früher!“ Was er am Vormittag wohl vorhatte?

Da wartet er dann bereits vor seinem kleinen, reetgedeckten Haus gleich hinter dem Ostsee-Deich. Jeans, blauer V-Ausschnittpulli. Sehr rüstig. Das typische breite Lachen wie auf den alten DDR-Fotos, das man als Zeichen von robuster guter Laune gedeutet hatte. Der gebräunte Teint, der ihn früher aus den grauen Herren des Politbüros herausstechen ließ, als habe er Verwandtschaft im Süden.

Krenz bittet auf seine Terrasse, die mit Milchglasscheiben umrahmt ist. Ein Windschutz. Eine holzige Hecke trennt seinen Garten vom Deich, über den ein viel befahrener Radweg führt. Er schottet sich nicht ab. Hin und wieder hat er sogar Journalisten hierher eingeladen. Sein Haus mit den Spitzengardinen und den 36 Quadratmetern Grundfläche eignet sich gut, um materielle Bescheidenheit auszustellen. Krenz hat eine Thermoskanne Kaffee gekocht. Schnell läuft er nach drinnen und kommt mit einer kleinen Flasche Kondensmilch zurück. Dann setzt er sich und legt einen Papierstapel vor sich auf den Tisch.

Egon Krenz

Egon Krenz, 82, ist in Kolberg geboren und in Damgarten in der Nähe von Rostock aufgewachsen. Nach einer abgebrochenen Schlosserlehre ließ er sich auf Rügen zum Lehrer ausbilden. In den 60er Jahren erwarb er außerdem an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau ein Diplom in Gesellschaftswissenschaften.
SED-Mitglied seit 1955, stieg Krenz erst in der Jugendorganisation der Partei bis zum Ersten Sekretär des FDJ-Zentralrats auf. 1983 kam er ins Politbüro der SED.
Am 18. Oktober 1989 beerbte Krenz Erich Honecker als Staatschef.
Doch seine Amtszeit währte nur sieben Wochen. Bereits am 3. Dezember trat das ganze Politbüro nach massiven Protesten der Parteibasis zurück. Am 6. Dezember musste Krenz das Amt des Staatsratsvorsitzenden abgeben. Im Januar wurde er aus der mittlerweile in PDS umbenannten Partei ausgeschlossen.
Nach der Wiedervereinigung stand Egon Krenz wegen der Mauertoten vor Gericht und wurde 1997 wegen Totschlags in vier Fällen zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach einer abgewiesenen Verfassungsbeschwerde kam er 2000 ins Gefängnis, aus dem er Ende 2003 vorzeitig entlassen wurde. Seitdem wohnt er im Ostseebad Dierhagen.

Herr Krenz, Sie nannten sich vor vier Jahren in einem Gesprächsband das letzte Relikt aus der DDR. Sehen Sie sich immer noch so?
Das war nicht ganz ernst gemeint. Ich fühle mich nicht so sehr als Gestriger, sondern eher als ewig Morgiger. Das mag in meinem Alter komisch klingen. Ich habe den Wunsch, dass Zeithistoriker endlich die DDR analysieren, statt sie nur zu verdammen.

Gibt es denn DDR-Relikte, mit denen Sie sich umgeben: Rotkäppchen-Sekt oder ...
… was ist an Rotkäppchen-Sekt ein „Relikt“? Die DDR-Marke ist heute Marktführer auf dem deutschen Sektmarkt. Ich möchte allerdings nicht, dass die DDR auf Sekt und Würstchen reduziert und den Ostdeutschen dann noch ganz undifferenziert Ostalgie vorgeworfen wird.

Sie sind jetzt 82 Jahre alt. Wie sieht Ihr Rentnerleben aus?
Rentner? Mein Arbeitstag ist oft anstrengender als zu DDR-Zeiten. Ich bin viel unterwegs, schreibe Bücher oder nehme Einladungen zu Vorträgen und anderen Treffen wahr. Früher hatte ich Referenten, die mir zuarbeiteten, jetzt recherchiere und schreibe ich alles selbst. Und nebenbei führe ich auch noch einen Haushalt. Meine Frau Erika ist, wie Sie vielleicht wissen, vor über zwei Jahren gestorben. Sie war auch meine beste Kritikerin.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie die DDR heute aussehen würde, wenn sie überlebt hätte? Ein High-Tech-Land mit Hochhäusern und leuchtenden Werbetafeln wie in Shanghai – würde Ihnen das gefallen?
Für mich sind leuchtende Werbetafeln nicht Belege für Fortschritt. Fortschritt ist, weil Sie auf China anspielen, dass dort hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt wurden.

Höhepunkt Ihrer Amtszeit war der Mauerfall, der sich im Herbst zum 30. Mal jährt ...
Die Mauer fiel erst später. Am 9. November 1989 wurden Grenzübergänge sowohl an der Staatsgrenze zwischen der DDR und der BRD wie auch die in Berlin geöffnet. Damals nur von Ost nach West.

Schon klar.
„Mauerfall“ oder „Sturm auf die Mauer“ sind ideologische Begriffe, die erst später entstanden. Als mich beispielsweise Helmut Kohl am 11. November anrief, gratulierte er mir zur Öffnung der Grenze. Gorbatschow sprach von einer Grenzöffnung auf Beschluss der DDR-Regierung.

Egon Krenz zieht ein Blatt aus dem Papierstapel: der erste Beweis. Absender ist Gorbatschow, Adressat Kohl. „Wie Ihnen bekannt ist“, steht da, „hat die Führung der DDR einen Beschluss gefasst, der den Bürgern dieses Landes die Möglichkeit der freien Ausreise über die Grenzen zur BRD und zu Berlin-West ermöglicht.“ Kaum hat man fertig gelesen, drückt Krenz einem das nächste Papier in die Hand: ein Telegramm von George Bush, dem älteren.

Krenz’ freundliche, gleichwohl sture Gesprächsführung hat etwas von einem Privat-Vortrag. Das ist nicht uninteressant. Wann hat man schon mal ein Staatstelegramm in der Hand? Dabei erzählt er mit theatralischem Talent, macht Kunstpausen, mischt Pathos bei. Man merkt, dass er nach der Wende hauptsächlich als Autor und Vortragsredner gearbeitet hat. Seine Stimme wird oft so laut, dass die Ausflügler oben auf dem Deich mit zuhören könnten, wenn sie nur wüssten, wer unten wohnt. „Am Abend des 9. November“, sagt er, „ist niemand von der Ostseite her mit Handwerkszeug an die Mauer gegangen, um sie einzureißen!“

Dass die DDR-Führung die Öffnung ihrer Grenzen beschlossen hatte, bestreitet doch keiner. Was mitunter geschrieben wird, ist, dass Günter Schabowski, der den Beschluss verlas, ihn eigenmächtig um einen Tag vordatierte.

Schabowski hat damals irrtümlich erklärt, diese Regelung gelte ab sofort. Aus seiner Verwirrtheit erwuchs nachfolgend Chaos an den Grenzübergängen. Unsere Grenzer, die hohes Verantwortungsbewusstsein gezeigt haben,wurden davon so überrascht wie die Vier Mächte. Das Vierseitige Abkommen über Berlin von 1971galt unverändert. Um den Status der Stadt zu ändern, bedurfte es der gemeinsamen Zustimmung Moskaus, Washingtons, Londons und Paris. Diese hatte dort aber niemand von uns eingeholt. Entsprechend harsch waren auch die ersten Reaktionen.  Der Außenminister der UdSSR Schewardnadse spricht in seinen Erinnerungen davon, dass sogar die Gefahr bestand, dass an diesem Abend der Frieden in der Welthätte sterben können. Die Gefahr war real.

Sie haben einmal geschrieben, dass im Jahr 1989 auf einmal im Politbüro Honecker widersprochen wurde, was vorher unüblich gewesen sei. Waren Ihre Kollegen und Sie zu affirmativ?
Als gewählter erster Mann hatte er, wie man sagt, Richtlinienkompetenz. Ich habe zu lange gewartet, um eine Änderung herbeizuführen. Erich Honecker, dem ich durchaus freundschaftlich zugetan war, und er mochte mich wohl auch, hatte ein Problem, das wohl viele Menschen im Alter haben. Sie merken nicht, dass sie den Herausforderungen nicht mehr gewachsen sind. In den frühen 80ern erlebten Honecker und ich in Moskau den todkranken Tschernenko, wie ihm bei der Rede die Blätter aus der Hand glitten, und die Politbüromitglieder um ihn herum, auch nicht viel jünger, sammelten sie vom Boden auf. Da beugte sich Honecker zu mir und meinte, ich solle, wenn es bei ihm einmal so weit sein sollte, dies unbedingt verhindern. Das vergaß er ziemlich bald. Das Prinzip Richtlinienkompetenz gibt es auch in der Bundesrepublik.

Angela Merkel wird doch ständig angegriffen, sogar von Parteifreunden.
Was heutzutage Politiker aushalten müssen, ist barbarisch. Auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben: Ich habe sogar Mitleid mit ihnen und bin froh, dass ich Rentner bin. Das Klima ist rau, der Umgang brutal, in den eigenen Parteien und über Parteigrenzen hinweg. Das war nicht immer so. Ich habe hier einen handschriftlichen Brief von Gerhard Schröder aus dem Jahr 1987, in dem er mir gratulierte. „Lieber Egon, man wird nicht alle Tage 50“, schrieb er nach seinem Besuch in Berlin. „Besonders war ich von Erich Honecker beeindruckt.“

Diplomatie. Das haben Sie sicher damals auch nicht besonders ernst genommen.
Warum nicht? Er war nicht der einzige Politiker des Westens, der von Honecker beeindruckt war. Honecker war zu Staatsbesuchen von Japan über Schweden bis nach Frankreich. Meinen Sie, die dortigen Regierungschefs hätten einen kommunistischen Despoten eingeladen? Nach dem Treffen zwischen Honecker und Strauß meinte dessen Gattin: Was für ein Mannsbild, dieser Honecker! Schade nur, dass der Kommunist ist. Hätte Kohl auch nur geahnt, dass die DDR 1989/90 verschwindet, er hätte mit Sicherheit Honecker nicht noch 1987 zum Staatsbesuch in die BRD eingeladen.

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