Bewertungen im Internet : Die Meinungsmacher

Millionen von Menschen vergeben jeden Tag Sterne für Cafés, Ärzte und sogar Bushaltestellen. Das ist praktisch, aber raubt den Nutzern die Intuition.

Matthias Kirsch
Bewertungen sind in den letzten Jahren Alltag geworden.
Bewertungen sind in den letzten Jahren Alltag geworden.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Das Smartphone von Joshua Heid summt schon, bevor er im Café überhaupt einen Platz gefunden hat. Der 43-Jährige blickt nur kurz auf den Bildschirm, er weiß, wer ihn gerade erreichen will. Heid lehnt seinen Rucksack an ein Sofa, lässt sich in das Polster fallen und blickt hinaus aus dem Fenster, auf den Berliner Boxhagener Platz.

Joshua Heid macht eigentlich gerade Mittagspause. Trotzdem wird er in der nächsten halben Stunde arbeiten, unbezahlt. Er wird nicht nur auf sein Essen warten, er wird die Zeit aufmerksam nutzen. Wie ein Restaurant-Tester wird er die Einrichtung beurteilen, das Essen, die Bedienung sowieso. Weil er eben hier sitzt, in diesem Café mit Wohnzimmeratmosphäre in Friedrichshain.

Die Nachricht auf seinem Handy ist von Google. Joshua Heid bewertet freiwillig Restaurants, Hotels, Sehenswürdigkeiten auf Maps, der Internet-Karte des Unternehmens. Mit der Nachricht hat Google ihn daran erinnert, dass er diesem Job jetzt, in diesem Moment, nachgehen sollte.

Woher kommt dieser Drang?

Bewertungen sind in den letzten Jahren Alltag geworden. Bei Facebook werden Buchhandlungen beurteilt, Restaurants bei Yelp, Ärzte bei Jameda. Bei Maps sind alle fällig: Der Eingang zur U-Bahn-Station Hermannplatz in der Sonnenallee ist „nicht schlecht, aber es gibt viel Stau“, die Bushaltestelle Franz-Klühs-Straße am Mehringplatz ist zwar nur „Ok“, hat aber fünf Sterne. Auf dem Internetportal Glassdoor können sämtliche Arbeitgeber bewertet werden, der Tagesspiegel erhält dort, aktuell, vier von fünf Sternen.

Die Sternchen-Bewertung ist zu einem Qualitätsmerkmal für alles geworden, universell anerkannt, leicht verständlich. Aber woher kommt dieser Drang, alles zu beurteilen? Warum legen wir auf die Meinung von Fremden so viel Wert? Und wie verändert der Bewertungskult den Blick auf die Welt?

Joshua Heid – ein kompakter, sportlicher Mann, mit grauer Hornbrille und raspelkurzen Haaren auf rundem Kopf, Marketing-Manager und Vater – schrieb seine erste Bewertung bei Maps vor gut zwei Jahren. Ein Imbiss in Friedrichshain, nur wenige Straßenzüge entfernt von dem Café, in dem er gerade sitzt. Kommentarlos gab Heid dem Imbiss zwei Sterne. Kurz danach bewertete er wieder. Hotel Märkisches Gildehaus, Schwielowsee. Ein Stern, „unglaublich unfreundliche Bedienung“.

Einfach mal Dampf abzulassen

In den ersten Wochen seiner neuen Nebentätigkeit sind Joshua Heids Kommentare tendenziell eher negativ. Oft sind die Bewertungen wortlos, nur die Sternchen geben sein Urteil wieder. Google hat sie bis heute gespeichert, auf seinem Profil sind sie öffentlich zugänglich und nachlesbar – genau wie große Teile von Heids Leben. Heid sagt heute: „Anfangs habe ich nur kommentiert, wenn ich eine schlechte Erfahrung gemacht habe.“

Goldberg Bar Café Restaurant in Kreuzberg: Ein Stern, „Leider gar nicht empfehlenswert. Das Essen ist noch nicht mal auf dem Niveau von fastfoodrestaurants.“

Dass Bewertungen und Kommentare oft negativ sind, ist nicht ungewöhnlich, sagt Steffen Mau, Soziologe an der Humboldt-Universität. „Bewertungsportale sind eine Möglichkeit, Dampf abzulassen. Aber beide Extrempole, auch der positive, werden besetzt. Leute, die etwas bewerten, sind entweder sehr unzufrieden oder sehr zufrieden.“

Aber warum beurteilen Menschen wie Heid überhaupt ihr Essen, ihre Busse, sogar die Straßenkreuzungen vor ihrer Tür? Laut Steffen Mau liegt das in der Natur des Aktes. „Alles permanent bewerten zu können, hat etwas Attraktives. Weil es die klassischen Machtverhältnisse umdreht.“

Bewertungsgrundlage

Juristisch gesehen ist jede Bewertung ein Ausdruck der Meinungsfreiheit: Was im Internet präsentiert wird, darf beurteilt werden. „Aber jede Meinungsäußerung braucht eine Tatsachengrundlage“, sagt David Geßner, Anwalt für Medienrecht. Wer etwas negativ benotet, muss es belegen können. „Deswegen ist es für Laien immer gefährlich, eine Bewertung abzugeben.“ Oft sagen Bewerter die Wahrheit, können es aber nicht belegen. Außerdem darf zum Beispiel ein Restaurant nur von Kunden, die vor Ort waren, rezensiert werden. „Hat ein Dienstleister Grund zur Annahme, dass eine Bewertung nicht von einem Kunden stammt, kann sie rechtlich angefochten werden“, sagt Geßner. Anwälte können den Bewerter oder das Internet-Portal kontaktieren. „Wenn unwahre Tatsachen behauptet werden, können sie fast immer gelöscht werden“, sagt Geßner. Nur die Sternebewertung ohne zusätzlichen Kommentar nicht.

Ein Aufstand des Publikums

Bewertungen als Prinzip sind nichts Neues. Jedes Schulkind lernt schon in der ersten Klasse - und spätestens beim Zeugnis – ,was es heißt, bewertet zu werden. „Aber heute kann jeder Schüler auch seine Lehrer bewerten, es gibt dafür eigene Plattformen. Die Bewertungen sind eine Art Selbstermächtigung“, sagt Steffen Mau. Ist der Bewertungskult also die Emanzipation von alten Hierarchien? Ein Aufstand des Publikums?

Im Januar 2019 konnte man einen solchen Aufstand beobachten. In einem Werbespot bezog die Rasierzubehörfirma Gillette Stellung zur #MeToo-Bewegung. Gillette spielte auf seinen jahrzehntealten Slogan „Für das Beste im Mann“ an und stellte die Frage, ob männliche Stereotype („boys will be boys“) nicht sehr veraltet seien. Die Folgen spürte das Unternehmen vor allem in den Kommentarspalten des Internets. Innerhalb weniger Stunden überschwemmten wütende – vor allem männliche – Kunden die Online-Shops, fühlten sich und ihre Männlichkeit durch das Video angegriffen. Noch heute sind bei Amazon die meistgelesenen Bewertungen unter vielen Gillette-Produkten solche: Nutzer cyberfish2: ein Stern, „aus Versehen gekauft, bevor ich die toxische Werbung gehört habe“. Nutzer J. Young: ein Stern, „Ich werde nie mehr einen Gillette-Rasierer kaufen“.

Auch gegen Unternehmen gab es in der Vergangenheit schon Boykotte. Meist blieb die Aufregung jedoch an einem Ort, in einer Stadt – oder, wenn es schlecht lief, in einer Region. „Aber wenn alles so transparent und sichtbar wird und dauerhaft im Internet zu finden ist, dann kommt es zur Delokalisierung von Reputation“, sagt Soziologe Steffen Mau.

Die überall präsenten Bewertungen machen vieles einfacher. Wer sich im Urlaub an der Nordsee das Bein bricht, sieht innerhalb weniger Minuten, welcher Arzt in Cuxhaven die besten Ratings hat. 4,6 Sterne, gibt es eine bessere Gipsgarantie?