Blind Booking : Das ungewisse Etwas

Blind Booking – der Algorithmus, bei dem man mit muss. Erst kurz vor der Abreise erfuhr unser Autor: Es geht nach Mailand.

Florentin Schumacher
Wes Anderson entwarf die Bar Luce in der Fondazione Prada.
Wes Anderson entwarf die Bar Luce in der Fondazione Prada.Foto: Attilio Maranzano/Courtesy Fondazione Prada

Mailand also. Viel fiel mir nicht dazu ein. Es gibt einen Dom, die Fußballvereine AC und Inter, und in Mailand lebt auch der neue Freund meiner Exfreundin. Nun ja. Als die letzten Sekunden des Countdowns heruntergelaufen waren und das Ziel meiner Überraschungsreise auf dem Laptop erschien, löste der Name der Stadt in mir allenfalls ein neutrales Gefühl aus – wie Toastbrot, die Songs des Rappers Drake und Badminton.

Ein paar Wochen zuvor hatte ich mich durch die Website des Reiseveranstalters Blookery geklickt, der auf Blind Booking spezialisiert ist: Reisen, bei denen man erst eine Woche vorher erfährt, wohin es geht. Ich gab an, worauf ich Lust hatte, Sightseeing und Nightlife. Romantik schloss ich aus, da ich allein reiste. Dann konnte ich entscheiden, ob ich die nördliche, mittlere oder südliche Region Europas besuchen wollte. Ich nahm alle, schließlich sollte es eine Überraschung sein, und aus demselben Grund markierte ich von den potenziellen Reisezielen nur zwei Städte, in die ich auf keinen Fall fahren wollte: Amsterdam, weil mich Horden schluffiger Graserstkonsumenten nerven, und Kattowitz, weil ich in der Stadt einmal ein Wochenende verbracht hatte und mir echt nicht einfiel, was ich dort mit einem weiteren Tag anfangen könnte. Das Budget für Flug und zwei Nächte legte ich auf 400 Euro fest.

In letzter Zeit nimmt das Angebot an Überraschungsreisen zu. Ähnlich wie Blookery stellen das Portal wowtrip.travel und das Münchner Start-up Unplanned anhand einiger Kundenangaben eine Kombination aus Flug und Hotel zusammen. Airlines wie Eurowings und Lufthansa bieten günstige Flüge zu unbekannten Zielen aus Kategorien wie Kultur und Party. Der Reiseveranstalter FTI hat in einigen Urlaubsregionen sogenannte Glückshotels im Angebot. Erst nach der Ankunft erfahren die Urlauber, wo sie untergebracht sind.

Die Anbieter verkaufen kein Ziel, sondern ein Erlebnis

Nun kann man sich fragen: Was soll das? Die Auswahl im Internet erlaubt es jedem, sich seine individuelle Reise zusammenzustellen. Die endlosen Kombinationsoptionen – Zug oder Flugzeug? Airbnb oder Hotelzimmer? Paris oder Prag? – sind es allerdings auch, die ein bisschen überfordern, sodass potenzielle Reisende lieber erschöpft daheim bleiben.

Es ist konsequent, dass Anbieter wie Blookery kein Ziel verkaufen, sondern ein Erlebnis. Wer sagt schon: „Fliegst du mit mir übers Wochenende nach Tiflis? Ich würde wirklich gern die Kathedrale mit ihrer einzigartigen Natursteinfassade sehen.“ Eher ist es doch so: „Lass mal wieder ein paar Tage wegfahren und rauskommen, einen Kurztrip machen.“ Wohin, ist fast egal. Ändert es das Reisen da überhaupt noch, wenn man das Ziel ganz dem Zufall überlässt (oder zumindest dem Algorithmus von Blookery)?

Als das Flugzeug abhob, ging ein kollektives Erschlaffen durch die spärlich belegten Sitzreihen der Maschine. Freitagmorgen, sieben Uhr. Die eine Hälfte der Passagiere, Typ Mittzwanziger-Studenten, ratzte in ergonomisch bedenklichen Körperhaltungen weg. Teil zwei, Graukopf-Rentnerinnen, erarbeitete mittels Reiseführer eine Stadterkundungsroute. Erst über den Alpen dann einige Ohs der Fluggäste an den Fensterluken, die Neugier ihrer Sitznachbarn, also die Sitznachbarn weckend. Sieht brutal schön aus, wie sich die Sonne hinter dem Gebirge in fettsattem Orangenorange erhebt.