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Straßenszene aus Nova Holanda.

© Reuters

Favela-Gangster werden radikale Christen: Brasilianischer Deal mit Jesus

Im Angesicht des Todes streckten sie die Waffen und wurden neu geboren: Gangster der Favelas. Evangelikale Christen versprechen ihnen ein besseres Leben. Doch der Satan lauert überall.

Diese Hände. Weder groß noch kräftig, eher zart und fein. Links ein Ehering. Diese Hände, es sind Mörderhände. Massenmörderhände. Obwohl er das nie so sagen würde.

Es herrschte eben Krieg, damals. Und er war Soldat. Erst als Kind, später als Jugendlicher, immer im Einsatz. Verteidigung des Territoriums, der eigenen Leute, des Geschäfts. Auch Angriffskrieg gehörte dazu, Ausweitung der Drogenverkaufszone. Mit Pistole und Gewehr.

Der Soldat existiert nicht mehr. Sagt er. Als er bei einem Gefecht 13 Kugeln abbekam, da sei er gestorben. Mit 21 Jahren.

Und er wurde neu geboren. Jetzt streckt er die rechte Hand, die Pistolenhand, den Neonleuchten an der Decke entgegen, schließt die Augen, senkt den Kopf. In der Linken hält er ein Mikrofon, seine Worte hallen durch den großen Raum, in dem sich 60, vielleicht 70 Besucher zwischen den Stuhlreihen verlieren.

„Der Satan lauert“, ruft er. „Der Satan ist stark. Er vergnügt sich, wenn einer von euch leidet. Nur der Herr kann ihn besiegen. Komm, Jesus, komm! Lass ein Wunder geschehen für alle unter uns, die leiden. Lass dein Wunder jetzt geschehen. Jetzt und hier!“ Immer lauter wird seine Stimme, immer schneller spricht er, immer erregter, fast schreiend. Ein Crescendo der Überwältigung. Ein Wortgefecht mit Satan.

Die Menschen in der Halle, sie stehen mit erhobenen Armen da, viele weinen und zittern. Flehen Jesus an und den heiligen Geist. Einige wanken zum Altar, wo der Pastor seine Hand tröstend auf ihre Stirn legt. Es ist die Killerhand.

600 Menschen hat er mit ihr getötet, wenn der Zeigefinger den Abzug einer Pistole oder eines Gewehrs drückte. So sagt es Pastor Alexandre Gomes. 600 Menschen! Mehr oder weniger.

Die Verräter werden "X9" genannt

Die Opfer, das waren Soldaten der anderen Drogenkommandos. Militärpolizisten. Verräter, im Jargon „X9“ genannt. Woher er wisse, dass es so viele waren? Man habe das registriert, sagt er und bleibt ungenau, aber er habe ja auch früh begonnen bei den „Amigos dos Amigos“, den Freunden der Freunde, Rio de Janeiros zweitgrößtem Drogenkommando.

An einem sonnigen Freitagmittag hat sich der Pastor in die letzte Reihe seiner Kirche gesetzt, der Gottesdienst ist vorüber, er rückt die Krawatte zurecht, zupft an seinen Manschettenknöpfen.

Die Kirche, eine umgestaltete Fabrikhalle, liegt am Rande von Nova Holanda, Neuholland. Es ist eine der 16 Favelas, die den Complexo da Maré bilden, die größte Ansammlung von Armenvierteln in Rio de Janeiro. 140 000 Menschen leben hier auf wenigen Quadratkilometern in übereinandergestapelten, ineinandergeschobenen Häuschen zwischen zwei Ausfallstraßen. Ein paar Meter neben der Kirche dröhnt der Verkehr auf der fünfspurigen Avenida Brasil.

Ob er manchmal Albträume habe wegen damals? „Nein, nie“, sagt der Pastor. Er sei ein anderer gewesen. Vom Teufel gesteuert. Er habe nichts von Jesus gewusst, nichts von der Schrift, die befreit. Nichts vom Bösen, das er nun bekämpfe.

Es ist ein Wandel, der in seiner Reibungslosigkeit erstaunt. Ist das nicht zu einfach? Ist das nicht ein Skandal? Pastor Alexandre musste sich für seine Verbrechen nie vor der Justiz verantworten. Auch in der Kirche fragt niemand danach. Die Vergangenheit ist für ihn vergangen. Pastor Alexandres Lieblingssatz aus der Bibel stammt aus dem Johannesevangelium, 8,11. Da sagt Jesus zur Ehebrecherin: „Ich verurteile dich nicht. Gehe hin und sündige nicht mehr.“ Ein erlösender, ein auslösender Satz.

Pastor Alexandre ist einer von 12 000 Pastoren der „Universalkirche vom Reich Gottes“, einer der größten evangelikalen Kirchen Brasiliens, laut Selbstauskunft zählt sie acht Millionen Gläubige.

Vor allem in den Armenvierteln Brasiliens dominieren die Evangelikalen. Das Land mag auf dem Papier mehrheitlich katholisch sein, aber Evangelikale geben den Ton an, in Parlamenten und auf der Straße. Mancher warnt schon vor einem neuen Kirchenstaat. In Nova Holanda finden sich die Gotteshäuser Dutzender evangelikaler Sekten, manche für 1500 Menschen ausgelegt wie die Universalkirche, andere in Garagen untergebracht.

Die Evangelikalen versprechen Heilung, Erfolg, Wunder. Vor allem aber die Nähe von Jesus, der nicht im Himmel sei, sondern unter den Menschen. Er begleitet dich durchs beschwerliche Leben, verschafft dir einen Job, sorgt für Glück in der Liebe. Jesus Christus, ein Freund, ein Helfer. Um ihre Hingebung zu beweisen, müssen die Gläubigen etwas opfern, mindestens den Zehnten des Monatsgehalts, und wer die besondere Zuwendung des Herrn braucht, natürlich mehr.

Das Duell: Teufel gegen Jesus

Ewerthon Marques folterte und mordete. Nun sucht er Jesus.
Ewerthon Marques folterte und mordete. Nun sucht er Jesus.

© Lichterbeck

Der Gründer der Universalkirche, der selbst ernannte Bischof Macedo, ist heute einer der wohlhabendsten Männer Brasiliens. Sein Reichtum gilt als Beweis dafür, dass Gott ihn liebt. Er ist ein Vorbild, dem es nachzueifern gilt. „Theologie des Wohlstands“ hat man das genannt. Eine Theologie des Resultats. Auf der Heckscheibe eines Kleinwagens vor der Kirche prangt ein Aufkleber: „Gott gab ihn mir.“ Die Evangelikalen liefern die perfekte Religion für die Aufstiegswilligen im Schwellenland, eine zu 100 Prozent kapitalismuskonforme. Es ist auch die Religion für alle Umstiegswilligen.

Konkrete Handlungsanweisungen helfen auf den rechten Pfad: kein Alkohol, keine Zigaretten, kein außerehelicher Sex, keine Schimpfwörter, kein Karneval. „Einfallstore des Teufels“, sagt Pastor Alexandre. Denn das ist der große Kampf auf Erden: Teufel gegen Jesus.

„Für die jungen Männer aus Brasiliens Drogengangs ist das verständlich und attraktiv“, sagt die Religionswissenschaftlerin Christina Vital. Evangelikale und Gangster sprächen unentwegt vom Krieg, das verbinde sie. Vital hat ein Buch geschrieben, „Das Gebet des Dealers“. Darin untersucht sie die vielfache Konvertierung von Gangstern zum evangelikalen Glauben. „Die Evangelikalen“, sagt sie, „versprechen die Allianz eines mächtigen Verbündeten. Spirituellen Schutz. Die Möglichkeit, ein neuer Mensch zu werden.“

Tatsächlich haben sich schon ganze Gefängnisbelegschaften für evangelikal erklärt. In einer Favela verboten die Dealer den Bewohnern, sich in Weiß zu kleiden, wie es die Gläubigen der afro-brasilianischen Religionen tun. In einer anderen beteten sie jeden Tag zum Schichtbeginn um 5 Uhr 30 gemeinsam über ihre Funkgeräte. Dann griffen sie zu den Pistolen.

Pastor Alexandre findet, dass dies so nicht gehe. Man könne nicht gleichzeitig traficante sein, Drogendealer, und Christ. Der Glaube zeige sich im Handeln. Es gebe kein gutes Leben im bösen. Aber es sei ein Anfang.

Eigentlich wollte der Pastor nach dem Gottesdienst selbst auf die Straße, evangelisieren. Wollte zu den jungen Drogensoldaten, ihnen sagen, dass sich der Herr denjenigen zuwendet, die sich ihm zuwenden. Aber die aktuelle Lage lässt es nicht zu. Am Morgen wurde in Nova Holanda geschossen. Tödliche Kugeln trafen einen Polizisten und einen Dealer, bloß einen Block von der Kirche entfernt. Nun herrscht nervöse Wachsamkeit.

Finger an den Abzügen

Junge Männer auf Motorrädern brausen vorüber, die Läufe ihrer Schnellfeuergewehre gen Himmel gerichtet, die Finger an den Abzügen. Vor einem Kiosk hocken Jugendliche mit Pistolen. Etwas weiter in einem Kleinwagen vier Jungs mit teuren Hemden und Hipsterbrillen. Einer hat ein Präzisionsgewehr auf dem Schoß, enormes Zielfernrohr, keinerlei Gebrauchsspuren, brandneu. „Sie erwarten die Polizei“, sagt Pastor Alexandre, „sie wird über die Avenida Brasil kommen.“

Offenbar ist etwas bei der Schmiergeldzahlung an die Militärpolizisten des 22. Bataillons schiefgelaufen. Diese wird traditionell freitags fällig, man nennt sie arego. Die Polizisten bessern ihr Gehalt auf und lassen die Kriminellen in Ruhe. Das ist der Deal. Manchmal aber wollen die Polizisten eine höhere Beteiligung. Oder sie müssen etwas für die Medien unternehmen. Oder eine andere Polizeieinheit will plötzlich mitmischen. Dann knallt es. Dann tanzt der Satan. Pastor Alexandre kennt den Tanz.

Mit elf Jahren übernahm er seinen ersten Posten, wurde gleich Chef einer Drogenverkaufsstelle, einer boca de fumo, Rauchmund. Dort boten sie ihre Waren an. Marihuana, Kokain, Ecstasy und andere synthetische Drogen: Loló, Balinha, Perfume. Beschleuniger, Wachmacher, Irremacher. Wenn die Schicht nachmittags begann, legten sie die Plastiktüten mit dem Stoff vor sich auf den Tisch. Wenn sie spätnachts gingen, waren die Tüten gefüllt mit Geldscheinen.

Alexandre Gomes war privilegiert, sein Vater der Statthalter der Amigos dos Amigos in Rocinha, einer der größten Favelas von Rio. Davor arbeitete der Vater als Scharfschütze bei der Armee. „Die Amigos zahlten besser“, sagt Pastor Alexandre.

Eines Tages rückte das Rote Kommando an, das „Comando Vermelho“. Die Erzfeinde der Amigos. Sie wollten die Rocinha einnehmen. Traten die Hölle los. Bei den Gefechten trafen Alexandre Gomes Kugeln in Arme und Beine, eine in den Mund, er zeigt das Loch im Zahnfleisch, eine in den Hinterkopf. Eine Delle im Schädel ist geblieben. Er lag monatelang im Krankenhaus, saß im Rollstuhl. Dann stand ein evangelikaler Pastor neben ihm und sagte, dass Jesus ihm Frieden bringen könne. Gomes begriff. Damaskuserlebnis. Erweckung, Neugeburt. Er tauschte die Pistole gegen die Bibel. Es gibt schlechtere Geschäfte.

21 Autos, sechs Motorräder, acht Pistolen

Straßenszene aus Nova Holanda.
Straßenszene aus Nova Holanda.

© Reuters

Der Wandel von Alexandre Gomes ist auch ein Lehrstück über Identität. Manche gehen auf die Suche nach ihrem Ich, wollen sich selbst finden, sprechen von Herkunft und der Geschichte, die schwer wiege. Andere finden sich in der Praxis, begreifen sich als wandelnde Wesen, mit Füßen statt Wurzeln. Gegenwartsbewältigung. Schwer wiegt allenfalls die Zukunft.

„Der evangelikale Ex-Gangster versteht sich als neue Kreatur“, sagt Wissenschaftlerin Vital. „Er gehorcht einem neuen Wertesystem, ordnet sich einer neuen Hierarchie unter. Die Evangelikalen fragen nicht, was du vorher getan hast. Sie programmieren dich um.“

Ewerthon Marques macht gerade so einen Neustart durch. Der Weg zu ihm führt durch die labyrinthischen Gassen von Nova Holanda. An der Ecke vor seiner Behausung spielen sie auf einer Spanplatte Pingpong, ein paar Meter weiter sitzen vier Jungs mit Pistolen und lassen einen strohhalmlangen Joint kreisen. Süßer Rauch weht die Gasse hinunter zu Marques, der mit nacktem Oberkörper vor seinem Häuschen steht, von dem die Farbe abblättert. Er hält ein Baby auf dem Arm, zehn Monate alt. Es ist das dritte Kind des 19-Jährigen, das vierte ist unterwegs. Hinter Marques sitzen vor dem Fernseher im Flur, der auch Wohnzimmer ist, seine Oma, seine Mutter, die schwangere Frau.

Ewerthon Marques war vor nicht allzu langer Zeit ein reicher Junge, Herr über 21 Autos, sechs Motorräder, drei Schnellfeuergewehre, acht Pistolen. Die Fahrzeuge stammten aus Raubüberfällen, er hat sie verbrannt. Die Waffen hat er dem Roten Kommando zurückgegeben, den Herren von Nova Holanda.

Das Gesicht eines Scharfrichters

Sein Spitzname bei den Roten war Pará. Untersetzt, mit breitem Schädel und markanter Nase schaut er aus wie einer aus dem gleichnamigen Amazonasgebiet. Es ist ein freundliches, ein fröhliches Gesicht. Es ist das Gesicht eines ehemaligen Scharfrichters.

„Ich will nicht darüber reden“, sagt er. „Der Pará ist tot!“ Aber es seien viele gewesen. Muitos, sagt er. Muitos! Die X9, meist Polizeiinformanten, habe er gefoltert, dann habe er ihnen den Hals durchgeschnitten. Ein enger Freund sei darunter gewesen, aber ein Verräter. Er habe auch bei Feuergefechten getötet, andere Drogengangster, Polizisten.

Er sagt: „Du siehst alles, Massaker, Prostitution. Du musst kaltblütig sein, arrogant, intelligent, gnadenlos. Wir nahmen alles, was wir an Drogen kriegen konnten. Als traficante bist du voller Neurosen, Aggressionen, Misstrauen. Ich brauchte jede Nacht ein anderes Mädchen. Du bist 15, du hast Geld, eine Knarre, man respektiert dich, du bist unsterblich, du bist größer als Gott. Ich hatte keine Mutter.“

Es kam die Nacht auf den 24. Juni 2013. Das Bataillon für Spezialoperationen rückte mit Panzerwagen in Nova Holanda ein, um einen Kollegen zu rächen. Die Elitepolizisten, Erkennungszeichen Totenkopf, töteten mit Messern, brachten neun Menschen um, hinterließen blutverschmierte Zimmerwände. Sie traten auch die Tür von Marques’ Haus ein, schlugen ihn. Hurensohn! Ein Kommandant kam, brüllte: Lasst mich mit ihm allein! Er brachte Pará aufs Dach, und Pará dachte, Plastiktüte über den Kopf, das war’s. Aber der Kommandant fragte: Was gibst du mir? Pará gab ihm alles, Ketten, Ringe, Uhren. Raubware. Der Kommandant sagte: „Gott hat dir ein neues Leben geschenkt.“

„Der Pará ist auf dem Dach geblieben“, sagt Marques. „Es war Gottes Plan.“

Am frühen Morgen läuft er durch Nova Holanda, grüßt die alten Kollegen, die gerade die Nachtschicht beschließen und die Tüten mit dem Geld zuschnüren. Zwei Tage dauerte das Gespräch, in dem er damals dem Statthalter des Comando Vermelho seinen Ausstiegswunsch erklären musste. Jetzt arbeitet er als Verkehrslotse vor Rios Britischer Schule, verdient im Monat so viel wie zuvor an zwei Tagen, umgerechnet 350 Euro.

Am Abend steht Ewerthon Marques in Pastor Alexandres Kirche. Er sagt, dass er Jesus jeden Tag bitte, ihn vor der Versuchung zu bewahren. Er sagt: „Ich bin auch nur ein Mensch.“

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