Cable-Car-Fahrt in San Francisco : Heiliger Bimbam

Sein Job: ein Tanz an Hebeln und Pedalen. Sein Titel: vierfacher Weltmeister im Bimmeln. Mit dem Cable-Car-Fahrer Leonard Oats auf den Straßen von San Francisco.

Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.
Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.Foto: Torsten Hampel, Mauritius

Die Straßen von San Francisco zittern wieder, wie zum Gruß, als Punkt sieben Uhr morgens ein dunkelblauer Honda die Kreuzung Taylor, Ecke Washington passiert und nun fast lautlos bergab und gen Osten rollt, in die gerade aufgehende Sonne hinein. Hinterm Steuer sitzt ein schwarzer Hüne, eine Brille mit gelben Gläsern vor den Augen und die Aussicht auf einen Tag im Dienste einer Legende.

Leonard Oats ist auf den letzten Metern seines täglichen, dreiviertelstündigen Arbeitsweges. Er steuert auf eine Einfahrt zu, verlässt die Willkommensfeier wieder, die die Washington Street ihm ausrichtet, das goldene kalifornische Morgenlicht. Fährt hinein in ein Haus mit Backsteinfassade und scheunentorweitem Maul. An der Schwelle passiert er ein Schild, das vorm Betreten des Gebäudes warnt und vorm Herumlungern davor. „Forbidden by law“, steht da. Denn dieses Haus und sein Inventar sind amerikanisches Kulturerbe, vor allem aber ist es immer noch ein Betriebsgelände, eine Mischung aus Werkstatt und Depot. Oats, der Champion, kommt zur Frühschicht.

World Champion Leonard Oats, angestellt als Fahrer bei den örtlichen Nahverkehrsbetrieben. In einem jährlich stattfindenden, aufsehenerregenden Wettbewerb ermittelter, mehrfacher und amtierender Weltmeister darin, die Bimmel einer historischen Straßenbahn so zu bedienen, dass aus dem immergleichen Glöckchenton beinahe ein Lied herauszuhören ist. Oats parkt den Wagen, steigt aus. Erste Routine eines an Routinen reichen Arbeitstages: „Morning everybody!“

Die Cable Cars sind Magnet für Touristen

Er geht hinüber zur Durchreiche – zweiter Tagesordnungspunkt –, wo er mit seiner Unterschrift dokumentiert, zum Dienst erschienen zu sein. Auf dem Zettel steht: „Cable Car Division sign-in log“.

Die Cable Cars von San Francisco: 40 Wagen, eingetragen im Register der historischen Sehenswürdigkeiten der USA. Seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in Betrieb, befördern diese auf Schienen geführten Seilbahnen 20 000 Fahrgäste am Tag, über die steilen Hügel der Stadt, die wirken wie planlos und willkürlich auf sie abgeworfen, und durch die Täler dazwischen.

Bimmel-Meister Leonard Oats vor einer Sackgasse.
Bimmel-Meister Leonard Oats vor einer Sackgasse.Foto: Torsten Hampel, Mauritius

Siebeneinhalb Millionen Passagiere sind es pro Jahr, auf drei insgesamt acht Kilometer langen Linien. Die Cable Cars sind Magnet und Transportmittel vor allem für Touristen, ein Synonym für ganz San Francisco, genauso wie die karminrotgestrichene Golden-Gate-Brücke eines ist. Für Leonard Oats bedeuten sie Lohn und Brot. Dass es hart verdient ist, ist ihm fast den ganzen Tag über nicht anzumerken.

Was man können müsse, um ein Cable Car zu fahren? „Du musst ein starker Junge sein“, sagt er.

Das sieht aus wie ein Mix aus Stummfilm-Slapstick und Schwanensee

Du musst aufpassen. Du musst machen, dass das Cable Car sich an das Stahlseil im Boden klammert, damit es überhaupt erst einmal losfährt. Damit es die Steigungen raufkommt. Du musst diese Verbindung wieder lösen, wenn das Seil einer anderen Linie die Straße kreuzt oder wenn es bergab geht. Musst mit den Bremsen aus Kiefernholz bremsen. „Bremsen bei Regen, nach den ersten Tropfen, das ist hart.“ Bremsen, das ist auch das Erste, was sie einen ausprobieren lassen, wenn du hier bei den Cable Cars anfängst. So haben sie es auch vor 17 Jahren bei Oats gemacht. „Wenn du da versagst, wenn du den Wagen nicht zum Stehen bringst, dann war’s das.“

Du musst aber auch die Fahrgäste ermahnen und Witze machen. Du musst bimmeln. Das Ergebnis aus allem sieht aus wie ein Tanz, eine Mischung aus Stummfilm-Slapstick und Schwanensee, aufgeführt an langen Hebeln im Führerstand und auf dem Pedal am Boden.

Because I'm bad, I'm bad come on / You know I'm bad, I'm bad come on, you know, You know I'm bad, I'm bad come on, you know / And the whole world has to answer right now / Just to tell you once again / Who’s bad.

Des Champions Arbeit verläuft in festen Bahnen. Er fährt auf Schienen, die Geschwindigkeit gibt das Seil im Boden. Mit 15 Kilometern pro Stunde wird es durch ihn hindurchgezogen, ständig in Bewegung seit dem frühen Morgen, angetrieben von einem 510 PS starken Elektromotor hier im Depot.

Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.
Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.Foto: Torsten Hampel, Mauritius

Oats hat ein bisschen Zeit. Die Wagen der Linie Powell-Hyde müssen als Erste aus dem Depot, vergleichsweise viele Fahrgäste benutzen sie auf dem Weg zur Arbeit. Dann ist die California-Street-Line an der Reihe, und Oats ist an diesem Tag für die dritte Strecke eingeteilt. Powell–Mason, auf zweieinhalb Kilometern fast gerade durch die Stadt, von Nord nach Süd, von der Bucht ins Zentrum und wieder zurück. Sieben Mal wird er die Strecke heute zurücklegen.

Sie haben einen Pausenraum hier im Depot, ausgestattet mit Poolbillardtisch, Tischtennisplatte und einer Fitnessbank. Es gibt ein Gewerkschaftsbüro, eine Teeküche mit Mikrowelle und Kühlschrank, die sie selber bezahlt haben, und ein Pinnbrett. Die Zettel darauf informieren über das Datum der Trauerfeier für einen gestorbenen Kollegen, darüber, dass auf der Powell Street Bauteile im Boden ausgewechselt worden sind, und es verkündet die „Regel des Tages“: „Das Cable Car sollte nie schneller sein als die Geschwindigkeit des Seils.“

Oats ist an diesem Tag der Wagen mit der Nummer 19 zugeteilt, er rumpelt gerade auf die Mechanikergrube zu, zur letzten Überprüfung vor der Abfahrt.

Hinaus aus dem Depot, im rechten Winkel nach links und bergan, dann nach rechts und leicht bergab. Am Straßenrand sind Autos geparkt, Oats’ Blick gilt vor allem ihnen. Sitzt irgendwo jemand drin und ist dabei, gleich die Tür aufzumachen? Beim leisesten Verdacht bringt Oats die Bimmel zum Einsatz.

Es kommt zum Treffen der Giganten

Noch einen Hügel hinauf und die Bucht ist zu sehen. Der Wagen ist leer, doch im Lauf des Tages wird Oats hier einen seiner Witze machen.

„Hier sehen Sie San Franciscos größtes Geheimnis. Das Land dort, der Bergrücken am anderen Buchtufer – Hawaii!“ Die Frauen juchzen, die Männer klatschen, die Kinder bekommen große Augen.

Busse stehen am Straßenrand. Ragen deren Spiegel in den Cable-Car-Weg?

Kurz vor acht erreicht Oats die Endstation. Er geht zum Starbucks an der Ecke, kauft einen Vanilla Chai mit Eis und läuft hinüber zum Pausenraum, der hier für die Fahrer eingerichtet ist. Es kommt zum Treffen der Giganten.

Drinnen sitzen bereits Kollegen. Einer von ihnen ist derjenige, der jedes Jahr die Weihnachtsdekoration für die Cable Cars bastelt, der andere ist ein Wettkampftyp wie Oats. Es treffen aufeinander: die drei einigermaßen bekannten Cable-Car-Fahrer San Franciscos. Der Weihnachtsdekorateur, der „World Champion Bell Ringer“ und der Meister im „Bus-Rodeo“, einer Art Bus-Geschicklichkeits-Rallye, der „Meister des ganzen Landes!“, sagt Oats.

Jedes Jahr werden die Wege der Cable-Car-Fahrer länger

„Hey, was ist los?“ – „Ja, was ist los?“

Los ist, berichtet Oats, dass er an diesem Morgen ziemlich gut durchgekommen ist auf seinem Weg zur Arbeit. Er wohnt in der Nähe des Flughafens, 30 Kilometer vom Depot entfernt. Die meisten seiner Kollegen leben weiter weg, hinter der Bucht, weit hinter der San Francisco gegenüberliegenden Stadt Oakland. Sie sind oft zwei Stunden bis zur Arbeit unterwegs.

Jedes Jahr werden die Wege der Cable-Car-Fahrer länger. San Francisco ist teuer, und das Umland ist es längst auch. Die Stadt ist dabei, diejenigen, die sie überhaupt benutzbar machen – ihre Angestellten –, von sich wegzustoßen. Wie lange Oats sich die Flugplatzgegend noch leisten kann, vermag er nicht zu sagen.

Because I'm bad, I'm bad come on.

Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.
Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.Foto: Torsten Hampel, Mauritius

Der Rückweg der ersten Tour, ins Stadtzentrum. Rauf und runter, Francisco Street, Columbus Avenue, Lombard Street. Wieder Reisebusse am Straßenrand. Bimbim. Broadway.

Oats Wagen wird immer voller. „Bitte halten Sie Ihre Arme nicht raus!“

„Bitte schnallen Sie Ihre Rucksäcke vor den Bauch, ist sicherer.“

„Hier ist Little Italy.“

„No drinks in the car, I’m sorry.“

Bimbim.

Ist hier Elektrizität im Boden?

Ein Mann läuft über die Straße, „red light, Sir!“ Die Kiefernholzbremsen quietschen, „Chinatown“.

Das Cable Car passiert eine Burger-King-Filiale, Oats zeigt auf einen Mann, der davorsteht. „Vorsicht, dieser Kerl ist ein Dieb.“

Am Union Square angekommen, fragt ein Fahrgast: „Ist hier Elektrizität im Boden?“ – „Nein, dies hier ist eine Seilbahn. Unsere Seilbahnen haben keinen Motor.“

Auf dem Union Square war es auch, wo im vergangenen Jahr Oats’ große Stunde schlug. Der 53. „Cable Car Bell Ringing Contest“ war auszutragen, Oats war ebenfalls 53 Jahre alt geworden. Das Wetter war gut. Alles schien zu passen. Er hatte sich entschieden, Michael Jacksons „Bad“ vorzutragen.

You know I'm bad, I'm bad come on, you know / You know I'm bad, I'm bad come on, you know.

Oats wurde zum vierten Mal Weltmeister

Als Oats an der Reihe war, sahen die Menschen auf dem Platz einen hochaufgerichteten, konzentrierten Mann im Führerstand, mit beiden Händen abwechselnd an einem Strick ziehend, dem Bimmel-Bedienungsstrick. Sie hörten: hektisch aufeinanderfolgende Glockentöne, es klang wie ein kollabierender Wecker. Oats wurde zum vierten Mal Weltmeister.

Er wisse noch nicht, mit welchem Lied er in diesem Jahr antreten werde, sagt er. Er freue sich schon ein wenig darauf.

Der Menschen wegen, die ihm dann wieder Beifall spenden? Auch, sagt Oats, aber die habe er jeden Tag sowieso schon an Bord. Vor allem hier, kurz vor der Market Street, der Endstation. Pass auf!

„Hey guys, end of the line! That’s it.“

Die Leute stehen auf. Sie klatschen.

EINREISE

Deutsche Staatsbürger müssen online ein Esta-Visum für die USA beantragen (Gebühr 14 US-Dollar für zwei Jahre Gültigkeit). Infos unter: https://esta.cbp.dhs.gov/esta/

ANREISE

Beispielsweise mit British Airways über London nach San Francisco oder ins nahegelegene San José für 831 Euro (die Fluggesellschaft bietet regelmäßig reduzierte Tarife an, so zum Beispiel im Mai ab 433 Euro).

UNTERKUNFT

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San Francisco ist kein günstiges Reiseziel. Die Übernachtungspreise schwanken sowohl saisonal als auch täglich. Im Hotel Sir Francis Drake in der Powell Street – an einer der Cable-Car-Routen gelegen – kostet ein Doppelzimmer derzeit ab 190 Euro. Die einfachere Travelodge nahe Fisherman's Wharf kostet pro Nacht ab 100 Euro.

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