"Hier sehen Sie San Franciscos größtes Geheimnis"

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Cable-Car-Fahrt in San Francisco : Heiliger Bimbam
Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.
Auf und ab. Blick auf die Bucht und den Hafen von San Francisco.Foto: Torsten Hampel, Mauritius

Oats hat ein bisschen Zeit. Die Wagen der Linie Powell-Hyde müssen als Erste aus dem Depot, vergleichsweise viele Fahrgäste benutzen sie auf dem Weg zur Arbeit. Dann ist die California-Street-Line an der Reihe, und Oats ist an diesem Tag für die dritte Strecke eingeteilt. Powell–Mason, auf zweieinhalb Kilometern fast gerade durch die Stadt, von Nord nach Süd, von der Bucht ins Zentrum und wieder zurück. Sieben Mal wird er die Strecke heute zurücklegen.

Sie haben einen Pausenraum hier im Depot, ausgestattet mit Poolbillardtisch, Tischtennisplatte und einer Fitnessbank. Es gibt ein Gewerkschaftsbüro, eine Teeküche mit Mikrowelle und Kühlschrank, die sie selber bezahlt haben, und ein Pinnbrett. Die Zettel darauf informieren über das Datum der Trauerfeier für einen gestorbenen Kollegen, darüber, dass auf der Powell Street Bauteile im Boden ausgewechselt worden sind, und es verkündet die „Regel des Tages“: „Das Cable Car sollte nie schneller sein als die Geschwindigkeit des Seils.“

Oats ist an diesem Tag der Wagen mit der Nummer 19 zugeteilt, er rumpelt gerade auf die Mechanikergrube zu, zur letzten Überprüfung vor der Abfahrt.

Hinaus aus dem Depot, im rechten Winkel nach links und bergan, dann nach rechts und leicht bergab. Am Straßenrand sind Autos geparkt, Oats’ Blick gilt vor allem ihnen. Sitzt irgendwo jemand drin und ist dabei, gleich die Tür aufzumachen? Beim leisesten Verdacht bringt Oats die Bimmel zum Einsatz.

Es kommt zum Treffen der Giganten

Noch einen Hügel hinauf und die Bucht ist zu sehen. Der Wagen ist leer, doch im Lauf des Tages wird Oats hier einen seiner Witze machen.

„Hier sehen Sie San Franciscos größtes Geheimnis. Das Land dort, der Bergrücken am anderen Buchtufer – Hawaii!“ Die Frauen juchzen, die Männer klatschen, die Kinder bekommen große Augen.

Busse stehen am Straßenrand. Ragen deren Spiegel in den Cable-Car-Weg?

Kurz vor acht erreicht Oats die Endstation. Er geht zum Starbucks an der Ecke, kauft einen Vanilla Chai mit Eis und läuft hinüber zum Pausenraum, der hier für die Fahrer eingerichtet ist. Es kommt zum Treffen der Giganten.

Drinnen sitzen bereits Kollegen. Einer von ihnen ist derjenige, der jedes Jahr die Weihnachtsdekoration für die Cable Cars bastelt, der andere ist ein Wettkampftyp wie Oats. Es treffen aufeinander: die drei einigermaßen bekannten Cable-Car-Fahrer San Franciscos. Der Weihnachtsdekorateur, der „World Champion Bell Ringer“ und der Meister im „Bus-Rodeo“, einer Art Bus-Geschicklichkeits-Rallye, der „Meister des ganzen Landes!“, sagt Oats.

Jedes Jahr werden die Wege der Cable-Car-Fahrer länger

„Hey, was ist los?“ – „Ja, was ist los?“

Los ist, berichtet Oats, dass er an diesem Morgen ziemlich gut durchgekommen ist auf seinem Weg zur Arbeit. Er wohnt in der Nähe des Flughafens, 30 Kilometer vom Depot entfernt. Die meisten seiner Kollegen leben weiter weg, hinter der Bucht, weit hinter der San Francisco gegenüberliegenden Stadt Oakland. Sie sind oft zwei Stunden bis zur Arbeit unterwegs.

Jedes Jahr werden die Wege der Cable-Car-Fahrer länger. San Francisco ist teuer, und das Umland ist es längst auch. Die Stadt ist dabei, diejenigen, die sie überhaupt benutzbar machen – ihre Angestellten –, von sich wegzustoßen. Wie lange Oats sich die Flugplatzgegend noch leisten kann, vermag er nicht zu sagen.

Because I'm bad, I'm bad come on.

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