Die Inflation der Diagnosen

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Cordula Stratmann : „Ich sage meinem Sohn: Jetzt ist Schluss!“

Was meinen Sie mit „Ressourcen“?

Jeder Mensch ist ausgestattet mit Selbstheilungskräften, also mit einer Energie, eine Lösung zu finden – und jeder Mensch braucht dabei manchmal Unterstützung. Kein schüchternes oder lautes oder schnelles oder langsames Kind braucht einen Experten, der die unruhigen Eltern darin bestätigt, dass das Kind behandelt werden muss. Natürlich gibt es Kinder, die im psychiatrischen Sinn auffällig sind – das ist ein ganz anderer Zweig.

Der Psychiater Allen Frances, größter Kritiker des neuen amerikanischen Diagnose-Handbuchs, spricht von einer Inflation der Diagnosen. In Südkorea sei bereits jedes 38. Kind Autist.

Das kommt dann bald auch zu uns.

Sie lassen durchscheinen: Eigentlich sollten die Eltern das Ritalin nehmen.

Die Eltern sind eingereiht in eine lange Reihe anderer Erwachsener, die wohl vergessen haben, dass sie selbst mal Kinder waren – mit einer kindlichen Gefühlswelt, die neben Kinderglück auch aus Missverstandensein, Einsamsein, Trotzigsein und Widerstandempfinden besteht. All das, was wir als Kinder völlig selbstverständlich empfunden haben – dazu scheinen viele Erwachsene heute den Kontakt verloren zu haben. Damit verlieren sie ebenso den Kontakt zu ihren Kindern und können sie nicht mehr durch diese unangenehmen Gefühle begleiten. Ich bin auch immer wieder ratlos, das ist in unserem Lebensprogramm so vorgesehen. Manchmal denke ich: Die Erwachsenen bauen an einer Welt, die für sie selber eine Nummer zu groß ist. Was erwarten die denn von Kindern?

Wenn die Mutter kurz vor dem Burn-out ist, ist es beim Kind auch nicht mehr weit?

Es ist in meinen Augen keine Errungenschaft, dass jetzt beide Eltern berufstätig sein können – wenn das so vonstatten geht, dass nicht mehr nur der Vater sich nach der Geburt eines Kindes direkt wieder umdreht und seine Karriere weiterverfolgt, sondern die Mutter sich dem Vorgehen anschließt. Ein wegorganisiertes Kind mit zwei Karriere-Eltern ist genauso arm dran wie die so viel beguckten Hartz-IV-Kinder, die herhalten müssen, wenn man Kinder nennen will, denen es schlecht geht. Mit der Ankunft eines Kindes muss sich im Leben beider Eltern eine Veränderung einstellen.

Sie haben ein Projekt abgesagt, das Sie während der Schwangerschaft bereits zugesagt hatten.

Ja, mir fiel dann auf, dass man nicht, nachdem ein Kind da ist, unverändert seinen beruflichen Weg weiter gehen kann.

Sie sind in einer privilegierten Lage. Was ist mit der Krankenschwester und dem Nachtpförtner, die auf beide Gehälter angewiesen sind?

Es gibt Eltern – und gerade Alleinerziehende – die haben keine Wahl. Aber die, die die Wahl haben, sollten sie für einige Jahre zugunsten ihrer Kinder und nicht der Karriere treffen. Das gilt für Mutter und Vater!

Wie lange haben Sie denn ausgesetzt?

Ein halbes Jahr. Dann hab’ ich mit der „Schillerstraße“ weitergemacht, weil die Aufzeichnungszeiten sehr familienkompatibel waren. Das ging, weil ich, was selbstverständlich sein sollte, auch einen Vater für das Kind habe, der sich zuständig fühlt. Ich weigere mich, meinen Mann dafür zu bewundern, dass er die Vaterrolle angenommen hat!

In der „L.A. Times“ beschrieb neulich der Vater eines Babys seinen Alltag. Er geht wahnsinnig gerne einkaufen, weil er von Fremden immer zu hören bekommt: „Wow, you’re such a hero!“ Seine Frau dagegen hört meistens nur: „Ist der Kleine nicht zu dünn angezogen?“

Mein Mann bekommt auch von anderen immer gesagt, wie toll er ist, das hör ich nie – aber vielleicht ist er ja einfach toller als ich!

War früher, als Rollenklischees noch Standard waren, das Leben unanstrengender?

Es ist anstrengend, wenn man dauernd alles selber erfinden muss. Das hat Fluch und Segen zugleich.

Es gibt wenige Vorbilder.

Ach, das ist doch wunderbar. Ich kann mir überlegen: Ha! So wie wir das gerade machen, finde ich das nicht gut, das muss ich mit meinem Mann klären, das müssen wir besser hinkriegen. Wenn ich mir meine Mutter angucke, die wollte auch eine Menge. Sie ist wieder in den Schuldienst gegangen, als ich fünf war. Ich war sehr stolz auf sie.

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