Corona-Virus in China : Tödliches Neujahr

In China beginnt das Jahr der Ratte desaströs. Auf Festivitäten muss die Bevölkerung vielerorts verzichten.

Ning Wang
Ein Mann trägt eine Gesichtsmaske, während er auf einem Markt in Fuyang für das bevorstehende chinesische Neujahrsfest zum Jahr der Ratte einkauft.
Ein Mann trägt eine Gesichtsmaske, während er auf einem Markt in Fuyang für das bevorstehende chinesische Neujahrsfest zum Jahr...Foto: CHINATOPIX/AP/dpa

Über die alljährliche Neujahrsgala des chinesischen Staatsfernsehens CCTV muss man wissen, dass in dieser Sendung nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen wird. Monatelang wird die vierstündige Show geplant und ihre Inhalte der Zensurbehörde vorgelegt, was auch daran liegt, dass im Jahr 2019 über eine Milliarde Menschen die Show gesehen haben sollen.

Deshalb kommt es schon einer chinesischen Sensation gleich, dass die Verantwortlichen der sonst so fröhlichen Neujahrsgala 2020 am Freitag plötzlich live in eines der Krankenhäuser von Wuhan schalteten, um Auskunft über die aktuelle Zahl der Erkrankten zu erhalten. Wenn auch die wichtigste chinesische Fernsehshow des Jahres um dieses lange Zeit zensierte Thema nicht mehr herumkommt, muss die Lage im Land dramatisch sein.

Ein größeres Desaster als der Ausbruch des Coronavirus zum chinesischen Neujahrsfest an diesem Samstag hätte es aus Sicht von Gesundheitsexperten auch nicht geben können. Einmal im Jahr ist fast die gesamte Nation unterwegs, um die Familie zu sehen, um den Jahresurlaub zu verbringen, um gemeinsam zu essen und zu feiern.

Doch auf diese Festivitäten müssen Chinesen in diesen Neujahrsferien vielerorts verzichten. Stattdessen sollen sie zu Hause bleiben, um sich nicht anzustecken. Seit dem Ausbruch des Virus vor sechs Wochen in der Innenstadt von Wuhan sind 26 Menschen gestorben und über 900 Menschen auf dem chinesischen Festland an dem Virus erkrankt. Die Zahl der Infizierten und der Todesopfer steigt täglich. Um das Virus einzudämmen, hat die chinesische Regierung über 40 Millionen Menschen in mehr als 13 Städten in der Provinz Hubei faktisch eingesperrt.

In Peking sind auch die Tempelfeste abgesagt worden. Das ist in etwa so, als hätten in Deutschland an Weihnachten die Kirchen zu. Überhaupt sind in der Hauptstadt sämtliche Neujahrsfeierlichkeiten zum Jahr der Ratte verboten. Auch die Verbotene Stadt ist seit Donnerstag dicht.

Die Anspannung in der Bevölkerung nimmt immer mehr zu

Sogar Teile der Chinesischen Mauer wurden abgeriegelt und sämtliche andere Sehenswürdigkeiten wurden vorübergehend geschlossen. Menschen, die aus Gebieten zurückkehren, in denen das Coronavirus bereits ausgebrochen ist, müssen sich in einer der zentralen Quarantäne-Einrichtungen der Stadt melden. Das berichtet die Zeitung „Beijing Daily“ am Freitag.

Ärzte haben ihre Namen auf den Schutzanzügen stehen, um sich gegenseitig erkennen zu können.
Ärzte haben ihre Namen auf den Schutzanzügen stehen, um sich gegenseitig erkennen zu können.Foto: Xiong Qi/XinHua/dpa

Wie schon bei der Verbreitung des Sars-Virus 2003 wurde auch dieses Mal wieder zu lange gezögert, bevor die Öffentlichkeit über die Verbreitung des Krankheitserregers informiert wurde. Und so schwelt der Unmut in der Bevölkerung. „Entweder sind die unfähig oder haben mit Absicht die Information so lange zurückgehalten“, sagt eine junge Chinesin, deren Eltern in Wuhan leben und die nun die Stadt nicht mehr verlassen können.

Der Druck ist inzwischen so groß, dass Staats- und Parteichef Xi Jinping öffentlich Anfang der Woche die Beamten ermahnte, nichts unter den Tisch zu kehren und dass die Gesundheit der Bürger oberste Priorität habe.

In aller Eile versuchen die Behörden in Wuhan innerhalb von zehn Tagen ein Krankenhaus nach Fertighausmethode aufzubauen, das nur Patienten behandeln soll, die mit Coronavirus infiziert sind. 1000 Betten sollen dann zur Verfügung stehen. Ein ähnliches Quarantäne-Krankenhaus war 2003 innerhalb von sieben Tagen auch in Peking eröffnet worden.

Die Anspannung in der Bevölkerung nimmt immer mehr zu. In den sozialen Medien kursieren Bilder von überfüllten Krankenhäusern. Premier Li Keqiang musste Anfang der Woche strengere vorbeugende Maßnahmen in Krankenhäusern und einen besseren Schutz für medizinisches Personal anordnen, denn die Gesundheitskommission von Wuhan meldete am Dienstag, dass 15 Ärzte der Stadt vom Virus infiziert worden waren.

Die „South China Morning Post“ schreibt unter Berufung auf Mediziner aus Wuhan, dass die tatsächliche Zahl noch viel höher sein dürfte. Am Freitag sandte die Regierung auch medizinisches Personal der Volksbefreiungsarmee nach Wuhan.

Nicht nur fehlendes oder überfordertes Krankenhauspersonal stellt viele Bürger in Wuhan vor ein Problem. Der öffentliche Nahverkehr ist geschlossen, Taxifahrer nehmen niemanden mehr mit. Doch wie kommt man ins Krankenhaus, wenn man kein Auto besitzt? Auch das Straßenbild hat sich geändert.

Hamstereinkäufe in den Supermärkten

In der gesamten Stadt besteht mittlerweile Maskenpflicht. Die Supermärkte bleiben bisher geöffnet, auch wenn die Regale wegen des bevorstehenden Neujahrsfest nahezu leergeräumt wurden. Da niemand absehen kann, wie lange die Abschottung von der Außenwelt andauern wird, haben die Einwohner in Wuhan große Vorräte eingekauft. Wang Xiaodong, der Gouverneur der Provinz Hubei, in der auch Wuhan liegt, wirbt noch um Verständnis und Unterstützung für die derzeitigen Maßnahmen.

Andernorts sind die Töne rauer – die lokalen Kindergärten in Peking verschickten folgende Nachricht an alle Eltern: „Bitte melden Sie wahrheitsgemäß, ob es in der Familie Verwandte aus Wuhan oder Hubei gibt, oder ob in den vergangenen zwei Wochen Verwandte aus der Gegend nach Peking gekommen sind, oder sie in der jüngsten Zeit Personal aus der Region eingestellt haben.“

Die Nachricht endet mit dem Satz: „Wenn eine Verschleierung, Unterlassung oder falsche Meldung bei Ihnen festgestellt wird, werden Sie gesetzlich in Verantwortung gezogen. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit bei der Prävention und Kontrolle.“

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Obwohl alle Kinder Chinas in den Neujahrsferien sind, müssen die Eltern den Kindergärten jetzt täglich bis 10 Uhr Ortszeit darüber Auskunft geben, ob ihr Kind Fieber oder Husten hat, oder gar in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht werden musste.