Dänemark : Mit Fahrrad und Familie Fünen erkunden

1000 Kilometer gut ausgebaute Wege gibt es auf der dänischen Insel. Sie führen an Gehöften, Hügelgräbern und Rosenfeldern entlang.

Idyllisch. Odense, die größte Stadt der Insel und Hans Christian Andersens Heimatort, ist bekannt für ihre rekonstruierten Häuschen.
Idyllisch. Odense, die größte Stadt der Insel und Hans Christian Andersens Heimatort, ist bekannt für ihre rekonstruierten...Foto: Shutterstock/M. Vinuesa

„Da links, der Hügel, das muss es sein!“ – „Was, da liegen Menschen drin begraben?“ – „Jedenfalls wurde der Hügel dazu angelegt, vor ungefähr 2000 Jahren. Keine Ahnung, ob da heute noch jemand drinliegt.“ – „Waren das Wikinger?“ – „Nein, die kamen erst später.“

Das ist das Schöne am Radwandern: Man kann während der Fahrt miteinander reden und problemlos anhalten, um sich etwas aus der Nähe anzuschauen. So wie auf der ruhigen Nebenstraße im Norden der Insel Fünen nahe der Ortschaft Skamby. Also stoppen wir die Räder, lehnen sie an Alleebäume und stapfen übers Stoppelfeld auf den grasbewachsenen Hügel zu: Thorshøj, eine bronzezeitliche Grabanlage. Außer ein paar Feuersteinwerkzeugen wurde bisher nichts gefunden. Doch die Fantasie ist geweckt. Wie mag es hier vor Jahrhunderten ausgesehen haben? Unter welchen Mühen haben die Menschen damals den gut fünf Meter hohen Hügel aufgeschüttet?

Heute stehen wir drauf und blicken in die typische Landschaft Fünens. Gelbe Felder, grüne Bäume, blauer Himmel. Der Wind bläst ein paar Plusterwolken weg und dreht die Windräder, die hier wie an jedem anderen dänischen Horizont zu sehen sind. Da hinten liegt Odense, die Hauptstadt des Eilands, etwa 15 Kilometer entfernt, da wollen wir heute noch hin. Was kein Problem ist, auch nicht mit drei Kindern zwischen einem und acht Jahren, denn Dänemark ist ideal zum Radfahren. Die Ortschaften sind nicht weit auseinander, das motiviert, es gibt gute Radwege oder Seitenstraßen, die kaum befahren sind. Die Landschaft ist meist flach oder wellig, und wenn man Glück hat, bläst der Wind von hinten.

Schöne Strände, bunte Rosenfelder und Streetfood

Bei Inseltouren, wie auf Fünen, ist bereits die Anreise ein Erlebnis. Allerdings kein vergnügliches, wenn der erste Teil per Eisenbahn absolviert wird – selbst wenn sich die Bahnmitarbeiter bemühen und der dänische Schaffner wegen Platznot den Radanhänger ins Klo schiebt. Erst dann, nach dem Aussteigen, beginnt der angenehme Teil. Von Südwesten, aus Richtung Sønderborg, kommt man mit der Fähre; von Nordwesten, aus Richtung Kolding, fährt man über die Brücke neben den Gleisen, genießt Aussichten auf die Schiffe da unten und das Schwingen des Bauwerks, wenn ein Zug darüberdonnert.

Während der Süden deutlich hügeliger ist, flacht Fünen nach Norden hin ab. An vielen Küstenabschnitten gibt es schöne Strände zum Baden, das Inland hat idyllisch gelegene Gehöfte, manche umgeben von bunten Rosenfeldern. Die Dörfer und Kleinstädte haben oft ihre ursprüngliche Bausubstanz bewahrt. Nicht immer freiwillig, denn die Landflucht ist auch in Dänemark ein Problem, wie etliche „Till Salg“-Schilder („Zu verkaufen“) in Vorgärten erkennen lassen.

Zumindest im Sommer, wenn viele Touristen kommen, wird einem an den Hotspots wie dem Hafenstädtchen Bogense garantiert nicht langweilig. Oder in Odense, mit 200 000 Einwohnern der größten Stadt der Insel. Fußgängerzonen wie die Kongensgade und die Vestergade bieten das übliche Programm aus kleinen Geschäften und großen Ketten, dazu Cafés und Restaurants. Eine Empfehlung ist der Arkaden Food Market (Vestergade 68). Dort bieten die Händler abwechslungsreiches Streetfood an. Ramen, Pita oder käsetriefende Club-Sandwiches. Dank Überdachung lohnt sich der Marktbesuch bei jedem Wetter. Leider fehlt am Zwölf-Meter-Tresen das hiesige Albani-Bier. Vielleicht ist das in Odense gebraute Pils nicht weltgewandt genug für diesen Ort.

Für die Nacht gibt es in jeder Preisklasse etwas

An einer lokalen Berühmtheit berauscht sich hingegen die ganze Welt: an den Geschichten des Märchenautors Hans Christian Andersen. Das Geburtshaus sowie das ihm gewidmete Museum in der Hans Jensens Stræde befinden sich in Odense. Die alten Häuschen sind wunderbar rekonstruiert und auf etlichen Postkarten zu finden.

Wir entscheiden uns dagegen und besuchen das Museum Møntergården (Overgade). Das Ensemble von Innenhöfen und Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart lässt einen die Geschichte der Stadt und der Insel spüren. Drinnen können sich Besucher weiter darin vertiefen, ob in moderner Darstellung mit Bildern, Audio- und Videoschnipseln oder am eigenen Leibe im „Histotoriet“, wo man eine Zeitreise ins Jahr 1890 machen kann mit: Tischlerwerkstatt, Wäscherei und einer historischen Wohnung samt Kleidung, die zum Anziehen bereitliegt. Unser Favorit ist die Werkstatt. Es wird gehämmert, gesägt, gefeilt, mit dem Handbohrer gekurbelt. Alles ohne Strom, aber mit viel Spaß.

Für die Nacht gibt es in jeder Preisklasse etwas. Vom Vier-Sterne-Haus bis zum Hostel. Wir haben unser Zelt auf dem Odense City Camp aufgestellt. Mit umgerechnet etwa 40 Euro pro Nacht zwar etwas teurer als in Deutschland, aber der dänische Campingstandard versöhnt uns. Spielplätze, die den Kindern Freude machen (einschließlich Tragluft-Hüpfkissen, auf das man die Kleinen natürlich gern begleitet), Familienbäder mit Kinderdusche, Babywanne und Wickeltisch, elektrische Kochplatten sowie ein kleiner Shop, der Eis und gekühlte Getränke verkauft. Am Abend fliegen Fetzen eines Open-Air-Konzerts herbei. Leider gibt es keinen Babysitter, dafür einen herrlichen Sternenhimmel.

Im Fünischen Dorf blieb die Zeit stehen

Am nächsten Tag geht es ins Freilichtmuseum Den Fynske Landsby (Das Fünische Dorf). Ein starker Kontrast: Im Stadtgebiet von Odense wurden 25 Gebäude aufgebaut, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen und an verschiedenen Orten der Insel standen, bevor sie abgetragen und originalgetreu auf dem Museumsgelände wieder errichtet wurden. Komplette Bauernhöfe, eine Windmühle, Schule, Wirtshaus und eine Ziegelei. Wir stolpern über buckeliges Kopfsteinpflaster, streifen durch gepflegte Gärten mit Gewürzen, Gemüse und Blumen, schauen Erwachsenen und Kindern in Holzpantinen und weiten Kleidern beim Spinnen und Flechten zu. Wer mag, kann es selbst ausprobieren. Als Besucher bei bestem Sommerwetter macht das für ein paar Stunden großen Spaß. Aber so leben? Wir kommen ins Grübeln und nehmen die scheinbar selbstverständlichen Annehmlichkeiten unserer Zeit wieder bewusster wahr.

Der Rückweg durch die Stadt, natürlich auf den Rädern, ist entspannt wie fast überall im Lande. Das liegt zum einen an der Infrastruktur. Radwege, Ampeln, Verkehrsführung, wie man sie in Deutschland nur sehr selten sieht. Es liegt aber auch an den übrigen Verkehrsteilnehmern, die rücksichtsvoll sind. Man kann gar nicht anders, als ebenfalls nett und höflich zu bleiben.

Die längste Hängebrücke Europas ist für Fahrräder gesperrt

Wir rollen mit den Rädern weiter nach Osten. Die gesamte Insel ist überspannt mit einem Netz aus mehr als 1000 Kilometer nummerierten und gut beschilderten Radwanderwegen, da findet sich immer eine schöne Route. Im Gegensatz zum Fernradweg Berlin-Kopenhagen, wo es schon mal voller sein kann, ist es hier angenehm ruhig.

Den alten Thingplatz in Davinde, auf dem früher die Versammlungen der Gemeinschaft abgehalten wurden, markieren noch die mächtigen Steine um eine alte Linde herum. Wir rasten und stellen uns die Debatten vor. Weiter geht's, vorbei an Wäldern, Feldern und Schweineställen – „Was denkt ihr denn, wo die Schnitzel herkommen?“ –, und schon ist Nyborg erreicht.

Der Campingplatz im Osten der Stadt ist lauter als der in Odense. Eine Autobahn verläuft hinter den Zelten. Dafür sieht man die gewaltige Brücke über den Großen Belt. Zwei Brückenzüge umfasst die Storebæltsbroen, darunter auch die längste Hängebrücke Europas mit einer Hauptspannweite von 1624 Metern. Für Fahrräder ist sie leider gesperrt. Da die Fährverbindung zur Nachbarinsel Seeland eingestellt wurde, muss man den reservierungspflichtigen Zug nehmen, um Fünen zu verlassen. Ganz sicher nicht für immer.

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