Allein, allein, allein

Seite 3 von 4
Das Schicksal einer Rentnerin : Die Frau links vorm Prinzenbad
Disziplin. Pünktlich um acht wartet Frau Hartmann vor dem Prinzenbad auf Kunden – am liebsten strickend.
Disziplin. Pünktlich um acht wartet Frau Hartmann vor dem Prinzenbad auf Kunden – am liebsten strickend.Foto: Mike Wolff

Ihre Freunde sind Prinzenbadrentner, die bleiben bei ihr stehen, kaufen eine „FAZ“ oder eine „BZ“ und reden. Erzählen, dass das Wasser drinnen wieder zu warm ist. Fragen, wie es ihr geht. Sonja, Marina, Norbert, Johannes. Die Freunde brachten schon Kirschen mit, aber die stellte Frau Hartmann weg, weil das mit dem Gebiss nicht ging. Jetzt bringen die Freunde Joghurt oder Kompott, manchmal Kuchen. Und Frau Hartmann strickt für sie Wollsocken.

Heute ist Sonja da, mit dem Mops. Während sie schwimmt, passt Frau Hartmann auf ihn auf. Sie hat immer eine Decke dabei für den Fall, dass Sonja kommt, darauf liegt jetzt der Mops und schnauft. Sonja, eine Frau mit lockigen Haaren, erzählt, wie sie vorhin von einem Lastwagenfahrer beschimpft wurde. Sie traut sich kaum, das Wort des Lastwagenfahrers zu wiederholen, sagt es schließlich doch, „Pornolocke“. Frau Hartmann lacht. Den Müll in den Beeten ignoriert sie eine Weile.

Kasachstan wollte Deutsche nicht mehr haben

Sie zog die Kinder allein groß. Arbeitete noch mehr. Glücklich war sie, sagt sie, eine Zeit lang. Dann siedelte ihre Schwester Hilde in den 90er Jahren nach Deutschland über, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Das neue Land Kasachstan wollte Deutsche nicht mehr haben, das wiedervereinigte Deutschland ermöglichte die Rückkehr. Emma Hartmann blieb trotzdem noch ein paar Jahre, so lange, bis die Söhne nach Russland zogen, heirateten und Hilde in ihrem Dorf an der Nordsee an Krebs erkrankte.

Sie beantragte die Ausreise 2001. Wollte Hilde pflegen. Musste einen Sprachtest ablegen und wurde ausgeflogen. In Berlin kam sie in eine Flüchtlingsunterkunft, nach sechs Wochen durfte sie weiter. Als sie gerade aufbrechen wollte, an die Nordsee, erfuhr sie, dass Hilde schon tot war.

Frau Hartmann wäre damals gern zu ihrer Nichte gegangen, aber sie musste in Berlin bleiben, das ordnete das Amt an. Sie war nun in Deutschland, dem Land ihrer Vorfahren, dessen Sprache sie sprach und von dem sie so viel gehört hatte. Dass alles besser sei hier. Doch was tun ohne die Schwester, ohne die zwei Söhne, ohne die Enkel? Zurück konnte sie nicht, dafür fehlte das Geld – und wohin überhaupt? Blieb das Telefon, ihre Kinder hat sie bis heute nicht mehr gesehen. „Allein, allein, allein“, sagt sie.

2012 schwärzte sie jemand an

Frau Hartmann suchte damals eine Wohnung, die sie am Landwehrkanal fand. Da gab es Schwäne, sie hatte sie gleich entdeckt. 450 Euro bezahlt sie monatlich dafür, sie bezieht 550 Euro Rente.

Jeden Morgen um 5.30 Uhr bringt ihr ein Mann die Zeitungen, holt die übrig-gebliebenen vom Vortag ab und nimmt das Geld an sich, das Frau Hartmann verdient hat. Pro verkaufter Zeitung darf sie 20 Cent behalten, für die „Zeit“ kriegt sie 40, am Tag verdient sie zwischen null und vier Euro.

In Deutschland gibt es einen Unterschied zwischen stehenden und sitzenden Zeitungsverkäufern. Emma Hartmann war zu schwach, den ganzen Tag über zu stehen, also setzte sie sich, anfangs immer auf die Admiralbrücke, wo sie noch heute im Winter hockt, wenn das Prinzenbad zu ist. Jemand schwärzte sie an, 2012, weil sie keine Lizenz zum Sitzen hatte, keine Straßensondernutzungserlaubnis. Emma Hartmann verstand das nicht, ihre Freunde kapierten es auch nicht, aber machten sich für sie stark. Seitdem duldet die Stadt Berlin, dass Emma Hartmann ihre Zeitungen im Sitzen verkauft.

9 Kommentare

Neuester Kommentar