In Kasachstan hatten sie alles

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Das Schicksal einer Rentnerin : Die Frau links vorm Prinzenbad
Sorgfalt. Jeden Morgen baut Frau Hartmann ihren Zeitungsständer auf und stülpt eine Plastikfolie darüber.
Sorgfalt. Jeden Morgen baut Frau Hartmann ihren Zeitungsständer auf und stülpt eine Plastikfolie darüber.Foto: Mike Wolff

Frau Hartmann sitzt im Halbschatten vor dem Prinzenbad. Eine Träne rollt aus ihrem Auge über das furchige Gesicht, ehe sie sie wegwischt. „Das sind so Geschiiichten aus meinem Leben“, sagt sie im Dialekt der Wolgadeutschen. Aus Vögel wird Veegel, aus Glück Glick, statt hören sagt sie horchen. „Horch e mal“, so beginnt sie ihre Sätze, wenn der Tag ihr noch nicht die Kraft geraubt hat. Dann erzählt sie aus ihren Erinnerungen, um neun Uhr vormittags, während Mütter ihre Kinderwagen zum Eingang des Prinzenbads schieben und Rentner das Bad schon verlassen. „Mit sieben Weibsleut lebten wir in einer Baracke“, sagt Frau Hartmann. Die Kleider kochten sie regelmäßig in einem Topf auf dem Herd, um die Läuse zu töten, „aber unsere Kepf konnten wir nicht kochen“. Frau Hartmann erinnert sich, wie sie sich und ihrer Schwester ganze Haarbüschel ausriss, damit endlich das Jucken aufhörte. Sie kratzten, bis sie bluteten. Zu leben heißt, sich zu quälen.

Vor ein paar Wochen bekam Frau Hartmann einen Brief von ihrem Vermieter. Darin stand, dass sie aus ihrer Kreuzberger Wohnung rausmüsse, er wolle sanieren. Frau Hartmann erzählt davon, bis ihre Eisbachaugen glänzen. Sie mag nicht dran denken, was das für sie bedeuten könnte.

Stattdessen schaut sie nach den Blumen. Sie hat den Leuten vom Schwimmbad erzählt, dass die auf sie Acht geben müssen, sie würde sie ja gießen, aber aufpassen, dass niemand sie platt trampelt, könne sie nicht. Die Leute an der Schwimmbadkasse nicken pflichtbewusst, wenn Frau Hartmann kommt, aber wenn die Alte sich umdreht, lächeln sie sich zu. Frau Hartmann läuft auch mehrmals am Tag zu ihnen und sagt, dass vorne Schlaglöcher im Pflaster sind, erst neulich stürzte ein Kind, da ist sie gleich zum Kassenpersonal. Hab ich’s doch gesagt. Nicht unsere Aufgabe, sagten die.

In Dschambul wuchsen wieder Tomaten

Die Blumen sind heute niedergetrampelt, dazwischen liegen eine Cola-Dose und ein Zigarettenstummel. Frau Hartmann hebt beides auf und trägt es zum Mülleimer.

In Sibirien wurde ihre Mutter bald krank. Emma betete heimlich, die Bibel hatte sie in einer Schublade gesteckt, die durften die Lagerwärter nicht finden. Sie wünschte sich, dass Gott der Mutter das Rheuma nehmen würde, aber auch, dass endlich dieser Hunger aufhöre, der nach ihr griff wie eine große Hand, die langsam den Magen zerquetscht. Als Stalin 1953 starb und die Mutter kaum noch gehen konnte, Arme und Beine entstellt nach innen verdreht, durften sie weg.

Ein Arzt empfahl, in die Wärme zu ziehen, ins Städtchen Dschambul, heutiges Kasachstan. Dort wuchsen wieder Tomaten, ganz in der Nähe ihres Häuschens floss der Ob, ein gigantischer, träger Fluss. Der Vater arbeitete, Emma brachte ihm Mittagessen aufs Feld, und während der Vater aß, schwamm Emma im Ob. Auf dem Ob gab es Schwäne, und Emma lernte, sie zu zählen. Manchmal streifte sie ein Fisch am Bein. In Kasachstan hatten sie alles. Dann starb die Mutter.

Hipster versauen ihr manchmal den Tag

Emma Hartmann wurde Krankenschwester in einer Klinik in Dschambul, Ende der 50er Jahre war das. Sie arbeitete von morgens früh bis abends spät, heiratete ihren Nachbarn, einen Russen, und gebar zwei Söhne. Einmal, erzählt sie, brach sich der jüngere den Arm, als er von einem Kirschbaum stürzte, sie gipste den Arm und befahl dem Vater, den Jungen zur Kontrolle ins Krankenhaus zu bringen. Als sie abends wiederkam, war der Junge immer noch nicht beim Arzt gewesen, dafür der Vater verschwunden. Er kam später heim, volltrunken, es war nicht das erste Mal. Frau Hartmann beschloss, dass er sich zum Teufel scheren solle.

Hier bricht sie ab an diesem glitzernden Sommermorgen, in der Luft der Geruch von Chlor und Sonnencreme. Man solle sie in Ruhe lassen, sie wolle nicht mehr. Am nächsten Morgen lacht sie wieder.

Ein Hipster hat sie zugeparkt. Diese Typen fallen ihr vermehrt auf in letzter Zeit, die rasen mit ihren Rennrädern daher und schließen die mit ihren Bügelschlössern genau da fest, wo sie sitzt. Wenn das Rad dumm steht, so wie heute, verdeckt es ihre Zeitungen. Der Hipster im Kurzarmhemd kommt bald zurück, sieht das Sortiment und fragt nach einer „Zeit“. Frau Hartmann reicht sie ihm, „5,50 Euro, mein goldiges Kind“. Puh, sagt der Hipster, ob sie wirklich den vollen Preis verlange, die sei ja schon ein paar Tage alt. Da zieht Frau Hartmann die „Zeit“ wieder weg und schnaubt. Der Hipster zahlt den vollen Preis.

Manchmal würde so ein Moment Frau Hartmann den Tag versauen. Heute nicht. Heute waren schon ein paar Freunde von ihr da. „Freinde“, wie sie sagt.