Das Wunder von Genua : Neue Brücke gibt Italien Hoffnung

Nicht mal zwei Jahre hat es nach dem Einsturz in Genua gedauert, um die Brücke zu errichten. Aber wer war für das Unglück verantwortlich?

Gesamtansicht der neuen Brücke von Genua
Gesamtansicht der neuen Brücke von GenuaFoto: Foto: Piero Cruciatti/LaPresse via ZUMA Press/dpa

Nach ihrem Schutzheiligen haben die Genueser ihre neue Brücke benannt: San Giorgio. Das 1067 Meter lange Autobahn-Viadukt wird in einer durchschnittlichen Höhe von 45 Metern die östlichen mit den westlichen Stadtteilen Genuas verbinden. Das am Montag eingeweihte Bauwerk ist in rekordverdächtiger Zeit trotz Corona-Epidemie und Lockdown wieder aufgebaut worden.

Vor knapp zwei Jahren war das alte, verrostete Morandi-Viadukt auf einer Länge von 200 Metern eingestürzt, vor 542 Tagen war mit dem Abbruch der stehen gebliebenen Teile der alten Brücke begonnen worden, vor 410 Tagen erfolgte der erste Spatenstich an den Fundamenten für die Pfeiler des neuen Viadukts. Die Baukosten betragen laut offiziellen Angaben lediglich 202 Millionen Euro.

Das „Wunder von Genua“, wie es die Bewohner der Hafenstadt nennen, ist zu einem guten Teil das Verdienst von Bürgermeister Marco Bucci, der von der Regierung als Sonderkommissar für den Wiederaufbau eingesetzt worden war. Bucci sorgte dafür, dass zunächst bis zu 1000 Menschen auf der Baustelle und in den Projektierungsbüros arbeiten konnten, ohne von der sonst lähmenden Bürokratie behindert zu werden.

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Nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie im März waren immer noch zwischen 200 und 300 Personen auf der Baustelle beschäftigt – rund um die Uhr, in der Nacht unter Flutlicht-Beleuchtung. Insgesamt sind in der Fahrbahnplatte und in den 18 Brückenpfeilern 24000 Tonnen Stahl verbaut worden – dreimal mehr als im Eiffelturm.

Proben für die Einweihungsfeier
Proben für die EinweihungsfeierFoto: Foto: Piero Cruciatti/LaPresse via ZUMA Press/dpa

Beim Einsturz des alten Morandi-Viadukts am 14. August 2018 hatten 43 Menschen ihr Leben verloren; Hunderte Einwohner Genuas, deren Häuser unter der Brücke standen, wurden obdachlos. Schon kurz nach dem Desaster stellte sich heraus, dass an der gewagten, aus dem Jahr 1967 stammenden Konstruktion Unterhaltsarbeiten vernachlässigt, Kontrollen oberflächlich durchgeführt und unzählige Warnungen in den Wind geschlagen worden waren.

Die Ermittlungen dauern an

Genuas Staatsanwälte ermitteln gegen insgesamt 71 Personen, darunter Führungskräfte des privaten Autobahnbetreibers Autostrade d'Italia Spa sowie gegen Beamte des Ministeriums für Verkehr und Infrastrukturen. Die Verantwortlichen stehen noch nicht fest. Einige Angehörige der Opfer haben angekündigt, der feierlichen Eröffnung fernzubleiben. Sie kritisieren, dass das Gedenken an die Toten dabei in den Hintergrund rücke.

Der Einsturz der Brücke war zu einem Symbol geworden für ein Italien mit bröckelnden, vernachlässigten Infrastrukturen, für private und staatliche Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit. Der schnelle und effiziente Neubau in Stahl und Beton dagegen steht für ein Land, das oft dann zu herausragenden Leistungen fähig ist, wenn die Not am größten ist.

15.08.201 in Genua: Blick auf die am Vortag eingestürzte Autobahnbrücke
15.08.201 in Genua: Blick auf die am Vortag eingestürzte AutobahnbrückeFoto: Foto: Luca Zennaro/ANSA/AP/dpa

Das sieht auch der Genueser Stararchitekt Renzo Piano so, der die neue Brücke – gratis, als Geschenk an seine Heimatstadt – entworfen hat. Aber: „Es ist zwar tröstlich zu sehen, zu was wir imstande sind – aber ich würde mir wünschen, dass solche Leistungen der Normalfall wären und dass wir nicht immer erst auf ein Unglück warten müssen“, sagte er „La Repubblica“.

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Die neue Brücke wird weiterhin von der privaten Autobahn-Gesellschaft Autostrade per l'Italia (Aspi) betrieben - also von dem Unternehmen, das laut öffentlicher Meinung maßgeblich für den Einsturz des Morandi-Viadukts verantwortlich war.

Tauziehen um die Besitzverhältnisse

Aspi wird bis heute von der Benetton-Familie kontrolliert. Dies hat im Vorfeld der Einweihung zu einem erbitterten Tauziehen um die künftigen Besitzverhältnisse geführt: Die Fünf-Sterne-Partei, hatte die Benettons gleich nach dem Brückeneinsturz zum alleinigen Sündenbock erklärt und den Entzug der Konzession angedroht.

Wegen drohender Schadenersatzzahlungen des Staats an die Textil-Barone wurde schließlich ein sanfterer Weg gewählt: Die Aspi sollte weitgehend verstaatlicht und der Anteil der Benettons auf 11 Prozent reduziert werden. Die entsprechende Vereinbarung ist aber noch nicht unterzeichnet – und somit ging die neue Brücke gestern allen Beteuerungen der „Grillini“ zum Trotz hauptsächlich an die Benettons.