Gedeckte Farben statt kreischender Töne

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Der Hype ums Papier : Die neue Schreibkultur
Notizbuch statt Notebook
Foto: Thilo Rückeis

Papier Tigre will mehr sein als ein Laden, nämlich ein Ort, wo was passiert, man sich trifft. Vergangene Woche zeigte eine japanische Designerin, wie man Geschenke verpackt, im Januar kann man hier Espresso brühen lernen. Schreiben, mit der Hand, hat schließlich was mit Muße zu tun. So verbindet auch das Two and Two in Neukölln französische Patisserie mit japanischer Papeterie.

Mit einem McPaper haben diese Orte so viel zu tun wie ein urbaner Feinkostladen mit einem Discounter: Gedeckte Farben, schlichte Formen anstelle kreischender Töne und billigem Kitsch. Wobei sich nicht nur das Angebot stark unterscheidet, sondern auch die Präsentation. Man hat das Gefühl, Wunderkammern zu betreten, kleine Museen, in denen jedes Objekt zur Geltung kommt, und sei es eine Büroklammer oder der Anhänger für zehn Cent. Die Produkte werden nicht im Regal zusammengequetscht, sondern jedes solo auf einem schönen Möbelstück ausgestellt. Die Aufwertung von Alltagsgegenständen, die Ästhetisierung des Alltags: noch so ein Trend. Wer sagt denn, dass ein Notizbuch immer weiße Seiten, ein Post-it postgelb sein muss? Wie wär’s mit mattem Taubenblaugrau?

Comfort food des Geistes

Natürlich hat der Hype viel mit Nostalgie zu tun, Retro ist auf allen Kanälen angesagt: Vintage-Möbel und -Kleider, Muster aus den 50er Jahren, Vinyl, selbst gezimmerte Bänke, Omas Apfelkuchen bilden das Gegengewicht zur ganzen modernen Technik. Papier- und Schreibwaren sind da das Comfort Food des Geistes.

Manufactum und Muji haben schon lange gepflegte Schreibwaren im Programm. Inzwischen gibt’s kaum einen Conceptstore, der nicht eine Ecke mit edlem Papier und Füllfederhaltern hat. Auch Buchläden bieten sie in immer größerem Maßstab an. Gedrucktes, Gebundenes, Geschriebenes, Gezeichnetes passen nun mal gut zusammen. Und was in ein leeres Heft gekritzelt wird, endet später womöglich hier im Regal.

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