Diese Stadt hat sein Leben über den Haufen geworfen

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Der Schauspieler hat in Thüringen ein Zuhause gefunden : Dominique Horwitz und Weimar
Kerstin Decker
Am Deutschen Nationaltheater Weimar ist Horwitz als Schillers Wallenstein zu sehen; hier bei einer Probe.
Am Deutschen Nationaltheater Weimar ist Horwitz als Schillers Wallenstein zu sehen; hier bei einer Probe.Foto: dpa/Martin Schutt

„Wir haben genug Zeit, wenn wir sie nur richtig verwenden!“, zitiert der Kutscher Kaminski in „Der Tod in Weimar“. Goethe. Am liebsten geht Kaminski, gescheiterter Schauspieler und Lebenskünstler mit einer gewissen Gegenwartsreserve, in die Wilhelm-Meister-Schänke.

– Gehen wir in die Wilhelm-Meister-Schänke?, fragt Horwitz.

– Was, die gibt es wirklich?

– Alles in meinem Roman gibt es wirklich, fast alles.

Und dann stehen wir vorm „anno 1900“ am Goetheplatz. Das Restaurant sieht aus wie eine riesige verglaste Fin-de-Siècle-Holzveranda, die versehentlich von ihrem Haus getrennt wurde. Und hier, sagt Horwitz und zeigt auf den Brunnen davor, bindet mein Kutscher Kaminski immer seine Pferde an. Und dort, an dem Tisch fast neben der Tür, habe er 2003 gesessen, als plötzlich seine Frau vor ihm stand, also die Frau, die dann bald seine Frau wurde. Was, Dominique Horwitz hat sich in die Kellnerin des „anno 1900“ verliebt?

In die kellnernde Mitbesitzerin, berichtigt Horwitz.

Wieder wird er von allen Seiten begrüßt, der Koch erscheint persönlich, er habe gar nicht richtiger kommen können, er müsse sofort seine neue Suppe verkosten, komponiert für ein Menü, es sei mehr ein Suppen-Exposé, und noch könne er da ein wenig korrigieren.

Allmählich wird klar, was Weimar mit Dominique Horwitz gemacht hat, diesem Schauspieler, der ein Sänger ist, der zum ersten Mal mit 19 vor der Kamera stand und da seitdem nie weggegangen ist.

Diese Frau aus Arnstadt war ein Zeichen, das wusste er sofort

Diese Stadt hat sein Leben über den Haufen geworden: Er war Mitte 40, als er sie 2003 zum ersten Mal betrat, er kam zu Dreharbeiten für einen Kinderfilm, er war nicht im mindesten auf diese Stadt vorbereitet, in der die Vergangenheit viel wirklicher ist als die Gegenwart, ein Provinznest mit Neigung zum Bedeutenden, und Buchenwald, das frühere KZ, schaut auf all das herunter und zerbricht alle Worte, die einem hier einfallen wollen, Größe etwa, Ewigkeit, vielleicht auch Heimat. Warum kam diese Stadt in keiner Fernsehserie vor, in keinem TV-Krimi?

Dominique Horwitz wusste sofort, dass er das ändern musste. Er würde die Figur für einen Fernsehfilm erfinden, vielleicht sogar für eine Serie. Es müsste jemand sein, der zugleich ganz im Gestern lebt und ganz im Heute. Ein Kutscher also, ein Weimarer Kutscher. In solch konzeptionellen Gedanken saß er im „anno 1900“, gleich in den ersten Drehtagen, als da diese Thüringerin aus Arnstadt vor ihm stand und wissen wollte, was er essen möchte ... Horwitz hält inne, dann sagt er langsam: „Die Kunst des Lebens besteht darin, die Zeichen zu erkennen, die es uns sendet!“

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Und diese Frau aus Arnstadt war ein Zeichen, das wusste er sofort. Es kann nicht ganz falsch sein, noch einmal in Horwitz’ Buch nachzulesen, wie diese Wunderfrau ist: Kaminski bewunderte Laura für ihre resolute Art. Sie war durch und durch Geschäftsfrau, stand mit beiden Beinen im Leben. Wenn sie kämpfte, dann mit dem Florett, falls nötig auch mit Boxhandschuhen. ... Einige Jahre hatte er selbst geboxt, da erkannte man sofort, wer Chef im Ring war.

Heimat, ist das am Ende eher ein Mensch?

Die Küche bringt die Suppen, eine etablierte Kürbis-Apfel-Ingwer-Suppe, die zu loben Dominique Horwitz nie aufgehört hat, und das Suppenexposé: Pilze und Sellerie mit Tonkabohne. Sehr komplex. Allein die Tonkabohne schmeckt nach Vanille, Rum, Waldmeister, Heublumen, Bittermandeln. Horwitz probiert, sein Gesicht nimmt einen schicksalshaften Ausdruck an. Diese Suppe ist großartig!, urteilt er und plädiert für eine minimale Akzentverschiebung.

Dieser Wallenstein ist großartig!, urteilten Kritik und Publikum nach der Premiere. Erst im Nachhinein ist ihm bewusst geworden, auf was er sich da eingelassen hatte, welche Fallhöhe dieser Dreiteiler, Regie: Hasko Weber, besaß.

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