Im ersten Weimar-"Tatort" spielte Horwitz den Droschkenkutscher

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Der Schauspieler hat in Thüringen ein Zuhause gefunden : Dominique Horwitz und Weimar
Kerstin Decker
Am Deutschen Nationaltheater Weimar ist Horwitz als Schillers Wallenstein zu sehen; hier bei einer Probe.
Am Deutschen Nationaltheater Weimar ist Horwitz als Schillers Wallenstein zu sehen; hier bei einer Probe.Foto: dpa/Martin Schutt

Als wir das „anno 1900“ verlassen, hat sich draußen das ereignet, was der Autor in „Tod in Weimar“ so beschreibt: Draußen war es dunkel geworden. Früh. Wie immer zu früh. Aber noch nicht ganz!

Wir könnten jetzt zum Wittumspalais gehen, dessen Inneres Horwitz so vorstellt: Oben angekommen, wurde er auf der Stelle von Schönheit verschluckt. Die karamellfarben marmorierten Wände leuchteten, das honigfarbene Einlegparkett schimmerte, die Blumenfriese hoch über den Köpfen wirkten so leichthändig hingetuscht, als wäre das ganze Leben ein heiterer Garten. Oder sollten wir zuerst den Hauptschauplatz der Kriminalkomödie besuchen, den Ruhesitz für Bühnenkünstler fortgeschrittenen Alters, an dem sich unlängst der ruhmreiche „Schiller-Zirkel“ gegründet hat, um „Die Räuber“ einzustudieren? Die Frage, ob es diese Villa für Bühnenveteranen in Weimar wirklich gibt, verbietet sich.

Natürlich gibt es das Heim der Marie-Seebach-Stiftung.

Zweieinhalb Jahre habe er "Tod in Weimar" geschrieben

Marie Seebach, geboren 1829, gestorben 1897, wurde auf den Bühnen Europas und Amerikas gefeiert, als Gretchen im „Faust“, als Schillers Luise oder Maria Stuart. Sie verdiente Geld, sehr viel Geld, das einmal ihrem Sohn Oskar gehören sollte. Doch Oskar starb mit 32, und die Schauspielerin dachte an die Mehrzahl ihrer Kollegen, die im Alter meist nicht mehr besaßen als ihre Erinnerungen.

Die heutigen Bewohner der Villa mögen sein Buch, das hat der Verfasser von „Der Tod in Weimar“ schon gehört. Gelesen hat er dort aber noch nicht. Man werde so schnell zum Mobiliar einer Stadt, das wolle er nicht.

Im ersten Weimar-„Tatort“ mit Christian Ulmen spielte Horwitz den Droschkenkutscher, wen sonst, und spätestens als er das Seebach-Stift fand und ihm immer mehr einfiel, wusste er, dass er seinen gescheiterten Schauspieler und Fremdenführer Kaminski für sich behalten würde. Zweieinhalb Jahre habe er „Tod in Weimar“ geschrieben, viel gelernt und sich großartig unterhalten dabei, und natürlich wisse er schon, wie es weitergeht.

Aber jetzt will Horwitz weder in die Seebach-Villa noch ins Wittumspalais: Ich zeige Ihnen, was für mich Heimat ist! Wir fahren nach Tiefengruben, in das schönste Dorf Deutschlands, zwölf Minuten mit dem Auto.

Wir fahren an Nietzsches Villa vorbei, dahinter hügelt sich Thüringen

Er habe immer gewusst, dass er aufs Land gehöre und trotzdem sein Leben in großen Städten verbracht. Seit über zehn Jahren sei er nun, was er eigentlich immer schon war: Dorfbewohner. Denn er wohnt gar nicht in Weimar, sondern kurz davor – aber nicht sein derzeitiges Zuhause will Horwitz jetzt zeigen, sondern sein ehemaliges.

Wir fahren an Nietzsches Villa vorbei, von deren Balkon der verrückte Philosoph bis an sein Lebensende auf Weimar blickte, ohne es noch zu erkennen. Dahinter hügelt sich Thüringen.

Die Häuser gewöhnlicher Dörfer stehen meist Spalier an schnurgeraden Straßen, um Autos zu salutieren, die nie vor ihnen halten. Der Verkehr streicht diese Dörfer als Bleibeorte gleichsam durch. In Tiefengruben ist das anders. Es ist eins von drei Thüringer Rundangerdörfern, gebaut um Kirche und Dorfteich als symbolischer Mitte. Seit Mitte der 70er Jahre steht Tiefengruben komplett unter Denkmalschutz. Ist das nicht wunderbar?, fragt Horwitz. Wir laufen über einen Wiesenweg, der oben rund um diese Dorf gewordene Behauptung führt, es gäbe so etwas wie die vollkommene Balance von Mensch und Natur. Er zeigt auf das alte Haus, in dem er wohnte, dahinter ein Obstgarten. Er hat es verlassen, als er die Absicht des Vermieters spürte, irgendwann selbst wieder dort einzuziehen.

Es ist alles so vorläufig, so endlich, das eigene Dasein zum Beispiel. Da brauche er das Gefühl des Nichtvorläufigen, des Unendlichen, das Gefühl, dass er von Ewigkeit zu Ewigkeit bleiben könne. Und doch: „Es war das Haus meines Lebens und das Dorf meines Lebens!“ Also auch er. Der moderne Mensch hat keine Mitte. Er bejaht diesen Verlust gewöhnlich als Ausweis seiner Zeitgenossenschaft und doch ist ihm, als käme er nach Hause, wenn er Orte wie diesen sieht. Horwitz blickt im letzten Dämmerlicht des Tages auf Tiefengruben und hat ein sehr einfaches, uraltes Wort dafür: Schönheit.

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